Lonntagsgrutz
Gemeinöeblatc sm üie evangelische kirchenaemeinoe
Gieszew
Nr. 50.
Bietzen, Sonntag 3. Advent, den 17. Dezember 1916. 5. Jahrgang
Adventssehnsucht und Weltkrieg.
2. Such der Könige 20, 5. Ich habe dein Gebet gehört und deine
Tränen gesehen.
Bewußt oder unbewußt geht jetzt durch hie ganze Menschheit eine geheime, aber große Zehnsucht, die Kaum packender ausgedrückt werden Konnte, als die nach dem Erleben des Wortes: „Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen." Es schlägt so leicht Kein Herz, und ganz gewiß in deutschen Landen zurzeit Keines, das nicht an einer tiefen Wunde blutete. Mag es den persönlichen Verlust teurer Lieben beklagen, mag es unter dem Druck sonstiger ernster Zorge für Gegenwart und Zukunft stehen, mag ganz allgemein die durch den Krieg heraufbeschworene, unheimliche Atmosphäre es wie Alpdruck pressen, wir leiden alle, auch wenn wir tapfer dies Gefühl zurückdrängen, ja, selbst die leiden, und wahrscheinlich am grausamsten, die sich frivol darüber hinwegzusetzen versuchen. Der Krieg hat eine vordem nicht gekannte Leidenssaat aufgehen lassen, deren Ernte viel offene und noch mehr geheime Tränen sind. Der Mensch aber ist eigentlich - das spürt er bisweilen in begnadeten Stunden
zum glücklichfein geboren, vielleicht entsteht der allergrößte Teil alles Erdenleids und aller Menschensünde aus diesem ungesättigten Hungergefühl nach Glück! Und wir glauben darum auch, daß weit mehr Menschen, als wir uns nur träumen lassen, ob sie es nun eingestehen wollen oder nicht, einen Hunger nach Gott, nach einer höheren Macht haben, die in ihrem Inneren einmal die Gewißheit aufleuch- ten ließe: „Ich. habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen." Es beten auch viel, viel mehr Menschen, als wir es nur entfernt wissen,' oft ganz im Zinne der Schrift: mit unaussprechlichen Seufzern. Uber dann kommt irgend einmal das große Unglück über sie: sie fanden ein tränenreiches Gebet nicht erhört. Und nun kommt das Schwerste ihres Lebens über sie: sie können nicht mehr glauben und beten. Gott hat sie, so zu sagen, zu schmerzlich enttäuscht. Gerade auch das mag jetzt im Weltkrieg öfters Vorkommen, als wir nur ahnen, wenn man es sich recht überlegt, muß über uns Menschen eine große, tiefe Uührung kommen, genau so, wie sie uns wohl bei kleinen Kindern packt, die sich von ihrer Mutter verlassen glauben. Und genau genommen, kommt die ganze Menschheit, verschwindende Ausnahmen abgerechnet, auch
garnicht über solchen Kinderstandpunkt hinaus. Nur, daß sie weit mehr das Unartige, als das Liebenswerte der Kinder an sich trägt, wie das in erschütternder weise der Weltkrieg zeigt. Aber was ist das Große denn an wirklichen Kindern, so, daß Jesus sagen konnte: wenn ihr nicht werdet wie sie, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen? Es ist das einfach nicht wegzubringende vertrauen, auch da, wo sie Vater und Mutter nicht im geringsten verstehen, und es ist eine große, wunderbare Hoffnung, ein traumhaft schönes Sehnen nach einem Zukunftsreich des Lebens, das noch hinter dichten Schleiern verborgen vor ihnen liegt. Und da bleibt gewiß: will der Mensch glücklich werden, so kann er's nur, wenn er Gott, seinem eigentlichen Vater, vertraut, auch gerade da, wo er ihn nicht versteht, und wenn er sich die Sehnsucht nach dem großen, noch dicht verschleierten Leben der Ewigkeit durch nichts aus dem Herzen reißen läßt. Unser ganzes Erdensein ist Adventszeit und Adventssehnen. Ueber seinem geheimnisvollen Portal steht mit leuchtenden Buchstaben das Wort aus der Offenbarung geschrieben: „Der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es höret, der spreche : Komm!" wer aber diese allgewaltige Sehnsucht nach der Volloffenbarung des Göttlichen im Busen trägt, der vernimmt auch hier schon, selbst mitten in den Schauern des Weltkriegs, die innere Stimme einer heiligen Voroffenbarung: „Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen." _
Aus dem Leben eines Gietzener Bürgers um dns Jahr 1800 .
(Fortsetzung.)
So war Kohlermann Meister geworden, es fehlte nur noch die Frau Meisterin. Diese hat sich aber bald gefunden, am 18. Juli 1776 hat sich der junge Meister verheiratet. Seine Frau war die Jungfer Llisabetha Barbara Erb, Tochter des Bürgers und Bäckermeisters Johann Philipp Erb und seiner Ehefrau Anna Dorothea Scholl, die letztere wird von dem Schwiegersohn als hinterlassene Tochter des Bürgers und Sattlers Johann Georg Wilhelm Scholl bezeichnet. Gewissenhaft, als ob er ein Kirchenbuch führe, verzeichnet der junge Ehemann: „Anno 1749 den 24ten Mertz ist meine


