gespanntem Fuße steht, aus seiner Jugendzeit sehr unerfreuliche Bilder aus seiner Vaterstadt, namentlich von dem Zustand der Straßen und Häuser.
Diese alte Zeit hat aber auch ihre Vorzüge gehabt. Bei der Seßhaftigkeit der Bevölkerung herrschte ein ausgeprägter Familiensinn, wie überhaupt konservative Gesinnung in den alten Gießener Familien heimisch mar. Damit stand in Zusammenhang, daß die Bevölkerung von religiöser Gesinnung erfüllt war und an den kirchlichen Sitten festhielt. Was in unserer schnellebigen, überhasteten Zeit kaum noch geschieht, kam damals häufig vor, daß Gießener Bürger oder auch ihre Frauen Aufzeichnungen über Familienereignisse, auch über wichtige Ereignisse im Leben der Stadt, niederschrieben mit der Absicht, ihre Niederschrift den Nachkommen zu vererben. Im Jahre 1912 haben wir im „Sonntagsgruß" bereits derartige Aufzeichnungen — es waren die Aufzeichnungen der Frau Johannette Busch veröffentlicht, heute teilen wir unsern Lesern mit, was der Bürger und Perückenmacher Ludwig Andreas Kohlermann aus seinem Leben niedergeschrieben hat.*) Die Familie Kohler- mann gehört zu den ältesten Familien unserer Stabt, wenigstens wird sie schon zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges genannt.
Ludwig Andreas Kohlermann berichtet in seinen Aufzeichnungen zuerst von seinen Eltern. Der Lebenslauf des Vaters, dessen Vornamen der Lohn nicht nennt, ist sehr interessant. Er war am 2. Juli 1700 hier geboren, 1724 ist er Solbat geworden, allem Anschein nach in dem in Gießen garnisonierenden Truppenteile. Es dauerte sieben Jahre, bis er es zum Gefreiten brachte. Im Jahre 1734 ist er unter dem Oberst von vogelsang zu Feld gezogen und hat die Belagerung von Philippsburg in Baden mitgemacht. Liebzehn Jahre hat er gedient, da wurde er erst Sergeant, als solcher beteiligte er sich an einem Kriegszuge nach Holland. Im Jahre 1750 kam er in das „Landbataillon". Leine aktive Dienstzeit scheint erst im Jahre 1770 ihr Ende erreicht zu haben. Zn diesem Jahre, als Siebzigjähriger, also in einem Alter, in dem sonst der Beamte in den wohlverdienten Buhestand tritt, wurde er Torschreiber.
Kohlermann ist somit Berufssoldat gewesen, und das blieb er bis in das Greisenalter. Me ungeheuer langsam ging es mit seiner Beförderung in einem Jahrhundert, in dem ein junger Mann von 21 Jahren schon Geheimerat werden konnte, das Studium überhaupt mit dem zwanzigsten Lebensjahre in der Begel beendet war. Daß man die Berufssoldaten so lange im Dienste behielt, dauerte in Hessen bis nach den Befreiungskriegen. Wenigstens hat es in Gießen noch vor 100 Jahren Soldaten gegeben, die Hausbesitzer waren, auch sieht man aus den Kirchenbüchern, daß Soldaten oft in hohem Alter zu Grabe getragen wurden. Die lange Dienstzeit scheint der Gesundheit Kohlermanns nicht nachträglich gewesen zu sein. Noch 19 Jahre war er Tor- schreiber und wird als solcher am Selterstor oder Walltor ein scharfes Auge auf die Aus- und Linpassierenden gehabt haben. Im Besitz seiner Nachkommen in Frankfurt a. HT. befindet sich noch ein Bild von ihm, es ist eine kleine, aber sehr fein ausgeführte Aquarellzeichnung, die aus seiner Soldatenzeit stammt und ungefähr 180 Jahre alt ist. Ueber seinen Tod und sein Begräbnis schreibt der Sohn: ,,1789, den 26. Dezember nachmittags nach 2 Uhr ist er in dem Herrn seelig entschlafen an einer Entkreftung wo er ald ge-
*) Ich verdanke die Einsichtnahme Herrn Rechnungsrat Pinkel in Frankfurt a. Main, dessen Gattin einer Gießener Familie entstammt.
worden 89 Iahr 5 monat 24 tag, gott Derlei) ihm eine fröhlich auferstehung. Cr ist den 27. Dezember nachmittag 4 Uhr begraben worden, 10 Soldaten haben Ihn getragen, ich und Schwager Geißmar und alle Unteroffiziere die bepm Be- giment wahren sind mitgegangen." Auffallend ist, daß das Begräbnis schon 26 Stunden nach dem Tode stattfand.
Die Mutter war wesentlich jünger, von ihr meldet Ser Sohn nur Geburt und Tod: „1719, den 50. August ist meine Mutter Llisabetha Tatarina, eine gebohrene Jughartin ge- bohren, sie ist den 4. September 1808 an Entkreftung gestorben, ihr Alter war 90 Iahr 5 Tag, den 5. September den nachmittag um halb 4 Uhr ist sie begraben worden, die treger wahren die Perrückenmacherzunft mit einem Marschall." Beide Ehegatten haben somit ein hohes Alter erreicht, in einer Zeit, in der Desundheitslehre und Hygiene noch sehr im Argen lagen.
Der Sohn Ludwig Andreas Kohlermann, dessen Aufzeichnungen wir hier wiedergeben, ist am 22. Ianuar 1751, als sein Vater schon im 51. Lebensjahre stand, geboren. Seine Taufpaten waren der Studiosus Ludwig Balser Faber, Andreas Gregorius Daniel Kohlermann und Iungfer Anna Margaretha Köhler, hinterlassene Tochter des Sergeanten Kühler.
Mit 14 Jahren, wie es in der Begel auch heute noch geschieht, scheint Kohlermann die Schule verlassen zu haben, da-er im Jahre 1765 in die Lehre trat. Ueber seine Lehr- und Wanderjahre berichtet er in seiner eigentümliäM Orthographie: „Anno 1765, den 27. August bin ich in die Lehr Jahr gekommen auf Trey Jahr bei) Herrn Johann Gregorius Boos Borger und peruquenmacher wo ich 1768, den 27. August Loosgesprochen bin worden wo ich 1 Jahr 24 Wochen bei) ihm als Gesell geblieben bis 1770 den 1. April Bin ich in die Fremte gegangen nach Franckfort bei) Herrn peruquenmacher Löwenstein wo ich 42 Wochen in arbeit gestanden Bis 1771 den 24. Januari) von da bin ich nach Hanau gekommen bei) Herrn peruquenmacher Schaffstett wo ich 1 Jahr 1 Woch in arbeit gestanden bis den 5. Februar 1772 von da bin ich wieder nach Franckfort In arbeit Kommen bey Herrn peruquer Krafft wo ich zwei) Jahr 56 Wochen Bis 1774 den 8. Februar wo ich von meinem Gewesenen Lehr Herrn Johann Gregorius Boos wieder nach Gießen berufen bin worden und habe bei) ihm in condicion gestanden."
Der Werdegang des Mannes ist der in der Zeit des Zunftwesens übliche: drei Jahre Lehrzeit, dann Lossprechung durch die Zunft, hierauf mußte der Geselle seine Zeit „erwandern". Wir haben im Jahrgang 1915 des „Sonntags- grußes" in einem Aufsatze „Zur Geschichte der Gießener Gerberzunft" näheres über das Zunftwesen mitgeteilt.
Ludwig Andreas Kohlermann scheint seine Lehr- und Gesellenzeit gut angewendet zu haben,' denn schon im Jahre 1776, als er 25 Jahre alt ist, wird er Meister und macht sich selbständig, indem er das Haus und Geschäft seines früheren Lehrmeisters Boos übernimmt, vermutlich hat ihn dieser von Frankfurt nach Gießen b.rufen, weil er ihm sein Geschäft übertragen wollte.
Das Haus, das Kohlermann damals erwarb, lag, wie aus einer späteren Botiz hervorgeht, am Kirchenplatze. Das Abkommen, das die beiden Männer miteinander schlossen, ist klug ausgedacht. Der Käufer schreibt: „Anno 1776, den 1. abril bin ich mit Johann Gregorius Boos in Akkord getreten, ihm vor hauß und die conschafft (Kundschaft) so lange er lebet, jährlich 60 Gulden geben und nach seinem


