Ausgabe 
10.12.1916
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Nr. 49.

Giehen, Sonntag 2. Advent, den 10. Dezember 1916.

5. Jahrgang.

Die Kriegsbctjtunöc.

Iesaia 50, 4. Der Herr hat mir eine gelehrte Zunge gegeben, daß

ich wisse mit dem Müden zur rechten Zeit zu reden.

Ls ist ein Wort voll stolzer Bescheidenheit, mit dem der Prophet von seiner Person und dem Aufträge, den er von Gott empfangen hat, redet. Vieser Kuftrag erscheint klein oder groß, je nach dem, von welcher Seite aus man ihn be­trachtet. In den Kugen der Welt mag er klein und gering­fügig erscheinen. Jedenfalls steht die Gelehrsamkeit, die ihm als Ausrüstung zur Seite steht, bei ihr in keinem sonder­lichen Knsehen. Schon damals mag dies der Fall gewesen sein.

heute ist das Urteil der Welt in gewissem Zinne ver­wirrt. Zie hatte sich daran gewöhnt, von dem Volk, das im Herzen Europas wohnt, als dem Volk der Dichter und Denker zu reden in dem Zinne, daß dieses für die Fragen «des praktischen Lebens wenig Verständnis und Geschick­lichkeit besitze. Nun wird ihr klar, daß dieser ihr Glaube ein für sie selbst sehr schädliches Vorurteil gewesen ist. Mit einem Zchlage hat sich die als höchst unpraktisch verschriene Gelehrsamkeit des deutschen Volkes als eine solche ausge­wiesen, die die Dinge des gewöhnlichen Lebens in der ein­gehendsten Weise zu meistern versteht. Das ist für viele, namentlich für unsere Feinde eine mehr als unliebsame Ueberraschung. Dem findigen Kopf, der fast für alle Kriegs- verlegenheiten eine Kbhilfe entdeckt, stellt sich die geschickte Hand zur Verfügung, die dessen Absichten auf die verständ­nisvollste Weise ausführt.

Schon jetzt ist unser Volk dieses seines geistigen Kdels, der, aus Notzeiten geboren, in der Zeit der Not seine glän­zende Probe besteht, voll bewußt, und die Zeit, in der die berufensten Federn sich seiner Verherrlichung zu Diensten stellen, wird nicht mehr lange auf sich warten lassen, hierin etwas vorwegzunehmen, ist nicht die Kbsicht dieser Zeilen. Zie lenken ihr Kugenmerk auf eine Gelehrsamkeit, um mit den Worten des Propheten zu reden, die ein so schlichtes Kuf- treten ist, daß sie leicht ganz übersehen wird. Kber doch schafft sie an ihrer Ztelle auch Segensreiches.

Unsre Kriegsbetstunde ist seit Beginn des Krieges in Tätigkeit. Km Knfange befriedigte sie anerkanntermaßen ein öffentliches Bedürfnis und trug auch das Ihre dazu bei,

die hochgehenden Wogen der anfänglichen Volksbewegung in eine ruhigere Gangart zu bringen, heute werden im allge­meinen ihre Dienste nicht mehr in dem Maße begehrt, wie in der Zeit, als die weiten volkskreise noch nach Fassung rangen und die Tempelpforten nicht weit genug sein konn­ten, um den herbeiströmenden Einlaß zu gewähren.

Es ist anders geworden. Kn die Kirchentüren brandet nicht mehr der Ztrom des öffentlichen Lebens. Er sucht sich andere Kanäle. Was man jetzt darin verfchiwinden sieht, sind stille Beter, gefaßte Dulder, weinende Mütter. Kber gerade um deswillen, kann man sagen, ist die Kufgabe der Kriegsbetstunde eine noch heiligere geworden. Zie hat nun­mehr die Kufgabe, sich derer anzunehmen, deren Geist von der langwierigen Last mürbe gedrückt worden ist, mit den den Müden zu rechter Zeit zu reden. Kann es eine schönere, heiligere, ernstere Kufgabe geben? K. G.

Aus dem Leben eines Giehener Bürgers um das Jahr ,800.

Ls ist allgemein bekannt, daß die Ztadt Gießen am Knsang des neunzehnten Jahrhunderts eine geringe Kus- dehnung hatte,' die heutigen Knlagen bezeichnen ihre Gren­zen. In dem Bezirke, den diese Knlagen umschließen, wohnten einige Tausend Menschen, die einander alle kannten und mit­einander ijm Verkehr standen. Gießen wjar damals eine Kleinstadt mit vorwiegend landwirtschaftlichem Gepräge, mo­derner Betrieb und moderne Ideen lagen den Einwohnern völlig fern, man kann sagen, daß die Ztadt erst nach dem Jahre 1 87 1 aus dem engsten Nahmen einer deutschen Klein­stadt herausgetreten ist und zu einer Provinzialhauptstadt, wurde, die durch die pflege des geistigen Lebens, durch indu­strielle Unternehmungen und Bürgerfleiß sich in Deutsch­land Geltung verschaffte, vorher waren die Verhältnisse in Gießen eng und klein, die Nedeweise der Einwohner derb, ihr geistiger Horizont eng begrenzt, die Zustände waren un­erfreulich, das städtische Leben sehr rückständig. Laukhard sagt, daß es um das Jahr 1775 kein einziges schönes Haus in Gießen gegeben habe, und Karl Vogt entwirft in seinen Lebenserinnerungen, in denen er allerdings sehr übertreibt und in einzelnen Fällen mit der geschichtlichen Wahrheit auf