Einzelbild herunterladen

Nr. 46. Gieszen, Sonntag 22. nach Trinitatis, den 19. November 1916. 5. Jahrgang.

ttriegstrauungen.

Psalm 127, 1. wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten um­sonst, die daran bauen.

vor dem Uriege hat man in unserem Volke die Ehe­schließung als eine sehr ernste Zache angesehen. Man schritt nicht eher dazu, bis Bräutigam und Braut ein gewisses Rlter erreicht hatten und bis sich der junge Mann in einer einiger­maßen gefestigten Stellung befand, so daß er nicht von der Unterstützung anderer abhängig war und eine Familie ver­sorgen konnte. Die Hochzeit hat man nicht von heute auf mor­gen angesetzt, sondern über ihren Termin gründlich nach­gedacht. Ls war eine gute Sitte, daß man hierzu die nächsten verwandten und Freunde einlud,' denn auf den Höhepunkten seines Lebens soll der Mensch wissen, daß andere an seinem Ergehen Unteil nehmen und daß ein fest geschlossener Ureis von Menschen hinter ihm steht. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kam es in Hessen vor, daß Beamte zehn, auch fünfzehn Jahre verlobt waren, ehe sie die Ehe eingehen konnten- denn die Unstellungsverhältnisse waren in jenen ruhigen Zeiten sehr schlecht. Das war sicher kein idealer Zu­stand. Oft hatte der Bräutigam, wenn er an den Ultar trat, graue haare, und die Braut war über die Blüte tzes Lebens hinaus. Uber die Lebensreife der beiden, die Treue, die sie «einander unter ungünstigen, unerfreulichen Verhältnissen ge­halten hatten, verbürgten ein glückliches, friedliches Zusam­menleben.

heutzutage ist es anders. Der junge Mann hat acht Tage Heimaturlaub, er benützt sie, um sich zu verheiraten, von heute auf morgen entschließt man sich zur Ehe. Zn aller hast werden die gesetzlichen Formalitäten erledigt, der Geistliche erfährt manchmal erst zwei Stunden vorher, daß er eine Trauung vorzunehmen hat,' die, die vor ihm am Ultare stehen, sind häufig noch halbe Kinder. (Es fehlen bei der Trauung die Eltern und Geschwister, im Grunde gehl alles in großer hast und darum sehr unfeierlich zu. heute wird man getraut, morgen geht der junge Ehemann wieder zu seinem Uegimente.

Man kann von solchen Ehen nicht jagen, daß der Herr das Haus baut. Vas trifft nur da zu, wo man nach ge­wissenhafter Ueberlegung, im Uufblick zu Gott, der allein zu dem Zusammenleben zweier Menschen seinen Segen gibt,

in vollem Bewußtsein der schweren Pflichten, die man auf sich nimmt, vor den Traualtar tritt. Gewiß, es gibt Fälle, in denen sich eine Kriegstrauung sehr gut rechtfertigen läßt. Diese Fälle liegen da vor, wo die Brautleute einander schon seit Jahren kennen und man schon vor dem Kriege an bal­dige Hochzeit gedacht hat, oder da, wo die Braut elternlos in der Welt dasteht, man hat jedoch den Eindruck, daß die meisten Kriegstrauungen einem augenblicklichen Entschlüsse entspringen und daß sehr häufig hier nur das Beispiel an­derer wirkt. Fast sind die Kriegstrauungen zur Modesache ge­worden. Line rechte gottgewollte Ehe ist die Kriegsehe selten, sie ist nur eine Scheinehe,' denn zur rechten Ehe gehört Lebensgemeinschaft. Kriegszeiten führen öfters zu derartigen Scheinehen. Zn der Zeit, da die deutschen Lande auf dem linken Uheinuser dem Tyrannen Napoleon gehorchen mußten, also in den Jahren 1801 bis 1813, waren der Kaiser hatte ein scharfes Uuge für das, was man heute ,,Bevölkerungs­politik" nennt nach dem französischen Gesetze alle Ehe­männer vom Militärdienst befreit. Infolgedessen schlossen achtzehn- und neunzehnjährige Jünglinge die Ehe, aber sie wie auch die jugendlichen Ehefrauen blieben weiterhin im Elternhause. Uls die Franzosenherrschaft ein Ende erreicht hatte, wurden diese Ehen nach gegenseitiger Uebereinkunft in vielen Fällen gesetzlich geschieden. Bei der Beratung des hessischen Konskriptionsgesetzes im Jahre 1826 hat im hessi­schen Landtage der Geheime Staatsrat wernher, ein hervor­ragender hessischer Staatsmann, auf dieses Unwesen hin­gewiesen.

wir denken an die Zeit, da wieder Friede im Lande ist. Dann kehren auch die jungen Männer, die während des Krieges sich verheiratet haben, zurück. Für sie erhebt sich dann die Frage: was nun? wo finden wir Urbeit und Ver­dienst, wo finden wir Wohnung, woher nehmen wir den Hausrat? Und die viel wichtigere Frage erhebt sich: Sind wir beide innerlich so gefestigt, daß wir die Sorge für das leibliche und seelische Wohl anderer auf uns nehmen, für sie Verantwortung tragen können? Schiller sagt: Drum prüfe, wer sich ewig bindet! Und der P'almist mahnt: wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten umsonst, die daran bauen.

H.B.