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Rber dem Geist der Deformation werden wir nur da gerecht, wo wir Gewissensernst und Ueberzeugung, pflichttreue, Gehorsam und Mannhaftigkeit aus dem Glauben schöpfen, aus dem persönlichen Verhältnis des erlösten Ehristenmenschen zu seinem Gott. Ueber alle Fortschritte und Wandlungen der Zeiten greifen wir auf den großen Hauptgedanken der Deformation zurück, daß es auf jene geistliche Freiheit ankommt, die im Glauben an Gottes Gnade wurzelt. Zucht unser Volk, suchen wir alle in schwerer Zeit die feste Burg lebendigen Gottoertrauens, so finden wir sie doch nur in der alten Zuversicht :
W
Ls streit' für uns der rechte Mann, Den Gott hat selbst erkoren. Fragst Du, wer der ist?
Er heißt Jesus Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott,
Das Feld muß er behalten.
Erinnerungen eines alten Mannes.
von Generalarzt a. D. Dr. Kappesser in Darmstadt.
26. U) ie die Provinz Rheinhessen zum Großherzogtum Hessen gekommen ist.
(Schluß^
Wie übrigens in den vorerwähnten Zeiten die Beherr-, scher der Erde ihre volkerhirtliche Rufgabe erfaßten, zeigt am besten die Rnekdote von dem großen deutschen Patrioten Freiherrn vom und zum Stein. Wie derselbe eines Tages einmal in banger Zorge um die Zukunft der wiedererstandenen deutschen Nation dem damals allmächtigen Kaiser Alexander Vorstellungen gemacht habe, daß es doch wünschenswert sei, die noch allzu große Zahl (38) kleiner und kleinster Zouve- ränitäten, von denen jede das Recht hatte, durch Einspruch die Tätigkeit der neubegründeten deutschen Zentralregierung lahm zu legen, (6ie Geschichte hat das ja seitdem zum Teil selbst schon besorgt,) da soll ihm der Herrscher aller Reußen brüsk zur Rntwort gegeben haben: „Ja, was wollen Zie, wo sollen dann meine Großfürsten Frauen Herkriegen?" —
Der Großherzog Ludwig I. hatte am 12. Juli 1816 das ihm zugewachsene neue Gebiet in Besitz genommen, worauf er dann seinem seitherigen Regententitel „und bei Rhein" beifügte. Der neuen Regierung darf mit Recht nachgerühmt werden, daß sie mit Eifer und in mancher Hinsicht musterhaftem Geschick sich der Rufgabe unterzogen hat, dem durch lange Kriegzzeiten mitgenommenen Land durch geläuterte Verwaltungsgrundsätze, Hebung der unter der verflossenen kriegerischen Franzosenzeit stark ins Hintertreffen geratenen allgemeinen Zchulbildung, Zchaffung von Verkehrswegen und vor allem durch Entlastung von Grund und Boden emporzuhelfen. Muß doch der Geschichtsschreiber Toritschke, der doch so gern mit preußisch-blauer Tinte schrieb, in seiner Geschichte des 19. Jahrhunderts zugestehen: „Das kleine Hessen-Darmstadt hat sich so früh und so geschickt mit der Grundentlastung befaßt, daß es damit fertig war, als man anderswo noch darüber nachsann, wie das wohl anzufangen sei."
Unliebsam war es nun freilich, daß die so anders geschulte und zumal aus den so anders gearteten westfälinger Verhältnissen herübergenommene Beamtenschaft bei der an die großzügige französische Verwaltung gewohnten Bevölkerung zu mancherlei Mißverständnissen Rnlaß gab, zumal auch
die Reuübernahme in das Rot- und Hungerjahr 1816 bis 1817 fiel.
Ein besonderer Uebelstand war es, daß man allgemein in dem neuen Deutschland bestrebt war, nicht etwa nur einen preußischen, Bayerischen usw., sondern selbst einen Reuß-, Greiz-, Loben- und Lichtensteinschen Sonderpatriotismus zu züchten, wobei man sich den heiligen Bonifacius, den Bekehrer der Deutschen zum Rämertum, zum Muster genommen zu haben scheint, der die heiligen Haine umrodete, um den Rcker für seine Saat zu bereiten. So sind denn dem allgemeinen Nivellierungsprozeß zahlreiche Reste alter Kunst und Herrlichkeit, welche den ZOjährigen und die französischen Raubkriege überdauert hatten, durch Gleichgültigkeit und fanatischen Unverstand zugrunde gegangen, so daß man jetzt nur noch mühsam einzelne Scherben zusammenlesen muß. Freilich war schon die verflossene französische Verwaltung mit schlimmem Beispiel vorangegangen. War es doch erst lnach großen Rnstrengungen und durch dringende persönliche Fürsprache des wackeren Bischofs Eolmar bei Napoleon selbst gelungen, den altehrwürdigen Mainzer Dom, der allerdings bei dea verschiedenen Belagerungen übel zugerichtet und zuletzt gar nur noch als Fouragemagazin benützt worden war, vor dem Schicksal der nahen gotischen Frauenkirche zu bewähren, nämlich auf den Rbbruch versteigert zu werden.
Einen besonderen Vorwurf trifft in dieser Hinsicht einzelne Baubeflissene bei ihrem sonst löblichen Bestreben zur Beschaffung neuer Verkehrswege. So erinnere ich mich unter der Bücherei meines Vaters einer gedruckten Broschüre, darin heftig gekämpft wurde gegen die frevelhafte Rbsicht, die !neue Verbindungsstraße zwischen pariser- und der neuen Rlzey-Kreuznacher Straße von Wörrstadt nach Wöllstein am ersteren Grt gerade über den Platz zu führen, wo eine prächtige Gruppe alter Rüsterbäume die uralte Gerichtsstätte be- zeichnete Sie mußte aber doch fallen. Noch beklagenswerter ist und bleibt die einfach mutwillige und durch nichts gerechtfertigte Zerstörung eines der ehrwürdigsten Denkmäler der Provinz, welche der Erbauer der Straße Sprendlingen-Kreuznach sich hat zu Schulden kommen lassen. Obgleich das fast lebene Gelände keinerlei Rnlaß dazu gab, hatte er sich allem Einreden zum Trotz darauf kapriziert, die Neuanlage im Zickzack und genau über die Stelle zu führen, wo eine uralte Steinsäule den Platz bezeichnete, da einst der riesenstarke und tapfere Führer der Kreuznacher Metzgerzunft sein Leben für seinen Kriegsherrn, den Grafen von Sponheim gelassen hat, als dieser sich mit Waffengewalt der Rnnektierung seines angestammten Besitzes, der Burg Gau-Bickelheim durch den Mainzer Elerus, welchem sein liederlicher Bruder dieselbe in die Hand gespielt hatte, zur Wehr setzte und anno 1279 in der blutigen Schlacht zwischen Zotzenheim, Sprendlingen und Pfaffen-Schwabenheim gegen den mit dem mächtigen Rhein- gauer Rdel verbündeten Mainzer Erzbischof unterlag und schwer verwundet in Gefahr geriet, in feindliche Hände zu fallen. „Steht fest, ihr Männer, sonst geht heute Sponheim unter!", soll da der getreue Michel Mort gerufen haben, und so gefürchtet war die Kraft seiner Rrme, daß, als er schon durch eine Schenkelwunde in die Knie gesunken war, sich keiner der Feinde in das Bereich seiner Waffe wagte, bis es gelungen war, den verwundeten Grafen auf ein Pferd zu heben und aus dem Schlachtgetümmel zu retten. Ein Schrei der Entrüstung ging damals durch das Land ob des frevelhaften Vorhabens. Der geistreiche Mainzer Präsident Lichtenberg soll einmal in einer seiner witzigen Tischreden die Vermutung ausgesprochen haben, dem Baumreiter sei wohl, wäh-


