Äonntagsgr u sz
Gemeinüeblatt sürüieevangtlischt Kircbengemeinoe
Gieszew
Nr. 44. Gießen, Sonntag 20. nach Trinitatis, den 5. November 1916. 5. Jahrgang,
Keformationssest.
von Generalsuperintendent D. Kling emann-Toblenz.
Brief des Apostels Paulus an die Galater 5. 1. So bestehet nun in
der Freiheit, damit uns Christus befreiet hat.
In ein Jubeljahr der Deformation treten wir ein. wird es an seinem Ende uns möglich sein, im Frieden ein Fest dankbarer Freude zu begehen? Oder sollten selbst nach errungenem Frieden die erhebenden und beugenden Eindrücke der gewaltigen Gegenwart keinen Raum lassen für die Erinnerung an vr. Martin Luthers Glaubenstat? Unseres Volkes neuer Rufbau und neue Einheit, unseres Staates gesicherter Bestand ist des heißen Ringens hohes Ziel, vielleicht wird man uns sagen, daß gerade die Einheit und Geschlossenheit unseres Volkes mit einer Feier der Glaubenstrennung sich nicht vertrage, daß die Scheidung der Bekenntnisse gerade zu dem gehöre, was überwunden werden muß. Gewiß, es muß uns fern liegen, das Trennende zu betonen,' mit vertieftem Ernst suchen wir, über alle trennenden Schranken hinweg einander zu verstehen, einander gerecht zu werden. Uber wir haben das Recht, für die Reformation als deutsche Geistesund Gewissenstat Verständnis zu fordern. Es darf auch in großer Zeit neuen Werdens nicht vergessen werden, was die Reformation zur Gestaltung deutscher Rrt und deutscher Geschichte beigetragen hat. wenn wir auf dem Boden des eigenen Bekenntnisses der Errungenschaften uns freuen, die uns durch Luthers Werk geworden sind, des unantastbaren Glaubensgutes, das wir ihm verdanken, so denken wir nicht daran, eine Kämpferstellung einzunehmen. Es muß uns vielmehr daran gelegen sein, die Gaben und Rräfte hervorzuheben, die von der Reformation dem gesamten Leben unseres Volkes zugeflossen sind.
Dazu rechnen wir den heiligen Gewissensernst, der nicht allein das Recht der freien Ueberzeugung fordert, sondern dieser Ueberzeugung jedes Opfer zu bringen bereit ist. Jenes Wormser Lutherwort, daß wider das Gewissen zu handeln unsicher und gefährlich ist, hat der Denkweise unsres Volkes sich tief eingeprägt, weit über die Grenzen des eigentlichen Glaubensgebietes hinaus ist uns Gewissenhaftigkeit, Ueber- zeugungstreue zur Richtschnur und zum Wertmaß echten Lebens geworden, wir fassen auch den großen Kampf unserer
Tage als einen Kampf um die Wahrheit,' unser Gewissen, unsere Ueberzeugung ist an das gute Recht, an die heilige Lache unsres Volkes gebunden. Und aus derselben Ouelle der Bindung des Gewissens an Gott fließt uns der heilige Begriff der Pflicht. Man mag darüber streiten, ob Luther Recht oder Unrecht gehabt habe,' das pklichtgemäße handeln wird ihm kein Unbefangener bestreiten können. Dem Worte Gottes, «dessen Herrlichkeit ihm aufgegangen war, wußte er sich verpflichtet, für sein Volk, für seine Deutschen wußte er sich geboren, ihnen zum Dienst verpflichtet, aus dem sicheren Schutz der Wartburg rief ihn die Pflicht zu seinem von den Schwärmern bedrohten Wittenberg, seinem pflichtbewußtsein opferte er in den Tagen des Bauernaufstandes seine Volkstümlichkeit, von Luther geht die Linie über Kant, Fichte, Stein, Bismarck, Wilhelm I. zu dem pflichtbewußtsein, das heute im harten Streit uns aufrecht erhält, wo uns das grausame Recht des Krieges innerlich zu schaffen macht, finden wir uns in der Klarheit über die uns verordnete Pflicht wieder zurecht. Da ist unser pflichtgemäßer Beruf, wo wir von Gott hingestellt sind, und die Verpflichtung gegen unser Volk lehrt uns die Kräfte zum blutigen Streit anspannen, die wir so gern den Werken des Friedens widmen möchten.
Um unsres Staates Erhaltung kämpfen wir und vergessen nicht, wie viel Luthers große Gedanken zur Bildung des Staates unsrer Tage beigetragen haben, was er vom guten Recht der Obrigkeit geschrieben, von weltlicher Gewalt als einer von Gott gefügten Ordnung, mag noch weit genug abliegen von der uns gewordenen Erkenntnis vom wert des Staates als eines dem ganzen Volk gemeinsamen Gutes, aber seine Worte tragen doch in sich die Keime neuen Werdens. Verworren genug waren die äußeren Verhältnisse seiner Tage <und ein weiter weg der Entwicklung führt von da an in die Gestaltungen unserer Zeit, da wir mit andersartigen inneren Schwierigkeiten zu ringen haben, wir begreifen auch, daß der wirtschaftliche und gesellschaftliche Rufbau unseres heutigen Volkslebens andere Maßstäbe fordert, als Luther an seine Zeit anlegte. Und doch staunen wir immer wieder über die Kraft und Wahrheit seiner Gedanken, die über den Wandel der Zeiten hinweg fortwirken. Ruch unser Geschlecht zehrt von dem Geist der Mannhaftigkeit, mit dem Luther seine Zeit anschaute und das Geschlecht seiner Tage erfüllte.


