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AU5 der Zugendzeit einer deutschen Männer.
(Fortsetzung.)
Vas Heer setzte sich in Bewegung,' am 10. Juli 1792 ging der König zur Rrmee ab. Mein Vater hatte versprochen, oft zu schreiben, und sobald es möglich sei, Geld zu schicken, vie beiden ältesten Brüder meiner Mutter hatten sich unterdessen in Berlin unter der Firma: „Gebrüder willmanns" als Goldarbeiter etabliert und waren jetzt ihr einziger Trost, wie sie denn überhaupt an den Ihrigen mit voller Zeele hing.
Gar bald jedoch war das wenige Geld, welches mein Vater zurückgelassen hatte, ausgegeben. Oer Kriegsumstände halber wollten die Kaufleute keine Geldbeutel vorrätig kaufen, und das bitterste Elend brach über uns herein, wie oft sind wir, zumal meine Mutter, hungrig zu Lette gegangen,' wie oft hat sie allein gehungert, nur um uns Kinder satt zu machen! Unter solchen Umständen den Lebensmut aufrecht zu erhalten, ist schwer. Endlich kam ein Brief von meinem Vater mit einigen Goldstücken. Zie reichten eben hin, um dem drückendsten Mangel abzuhelfen, und Kleider für den Winter anzuschaffen, natürlich alles so wohlfeil als möglich.
Lines Rbends, als die Not wieder sehr groß und nichts zu essen da war, hatte meine Mutter die große Freude, daß die Frau des „Knapphans", von welchem man in der Kaserne Lebensmittel usw. kaufen konnte, Namens Gutmann, gerührt von unserem bitteren Elend, meiner Mutter eine Metze Kartoffeln und ein Viertelpfund Lutter schenkte. (Es war ohne Litte meiner Mutter geschehen, und sie war überglücklich. Ihre Lrüder ließ sie in der Negel von ihrer Not nichts wissen, dazu war sie zu zartfühlend. Lis Michaelis durften wir die bisherige Wohnung behalten, dann aber mußten wir eine Treppe höher nach dem Hofe hinaus ziehen,' und zu Ostern hatten wir die Kaserne überhaupt zu verlassen.
Mein Vater schrieb noch einigemal, schickte auch etwas Geld und einmal als Leilage eine französische Proklamation nebst einer Rationalkokarde, welche mein Gheim sogleich ins Feuer warf, da es bei schwerer Strafe verboten war, dergleichen hierher zu senden. Im Winter aber blieben die Lriefe aus, und dieser Winter wurde dadurch schrecklich, wir Kinder begriffen freilich wenig davon und waren nur darüber traurig, daß die Mutter so viel weinte.
Eines Rbends kam meine Mutter völlig trostlos und in Tränen aufgelöst nach Hause, so daß ich anfing, mit zu weinen, ohne den Grund zu wissen. Sie hatte eben einige Geldbeutel glücklich verkauft und dafür drittehalb Taler eingenommen. Ls war dämmerig, schmutzig und schlechtes Wetter. Sie ging die Lehrenstraße entlang, als sich ein gut gekleideter Mann ihr nahte und nach der Zeit fragte. Er schleuderte neben ihr her und sprach von den Gefahren, welchen Frauenzimmer im Dunkeln auf den Straßen so leicht ausgesetzt sind. Rls sie auf den Gpernplatz kamen, bückte er sich, hob ein kleines, viereckiges zusammengeschlagenes Papier von sehr weißer Farbe auf und sagte: ,,Zieh da, das wird der Eigentümer auch nicht gern verloren haben. Zehen Sie einmal, recht sauber eingewickelt, ein Friedrichsdor. Das ist kein übler Fund,' aber da wir ihn beide gemacht, so müssen wir balb Part teilen, wenn ich nur hier herum einen Wechsler üßte, allein hier wohnt Keiner, und bei dem schlechten Wetter geht man nicht gern weit." Meine Mutter war über die Zache förmlich erschrocken und erwiderte: „wenn Zie mit dritthalb Talern zufrieden sein wollen, so kann ich damit dienen." „Nun es mag sein, war die Rntwort, obgleich ich dabei verliere." Meine Mutter gab das Geld und empfing
den sogenannten Friedrichsdor, worauf der Mann sich empfahl. Die Eile, mit der es geschah, war ihr auffällig, und der Gedanke: du bist am Ende betrogen, fiel mit Zentnerlast auf ihre Zeele. Zie eilte nach einem Laden und erfuhr hier, daß das Goldstück nichts als ein wertloser Jeton sei, worauf sie zu ihren Brüdern ging, die dasselbe bestätigten. Zie konnte vor weinen die ganze Nacht nicht schlafen und vermochte sich lange nicht darüber zu trösten. Diese Rrt der Betrügerei, mit welcher noch täglich arglose Zeelen bedrückt werden, führt in der Diebessprache einen eigenen Namen, ebenso wie diejenign, welche sie üben, und sie wird schon seit Jahrhunderten vielfach angewandt. Meine Mutter hatte freilich nie davon gehört.
Rn einem recht trüben wintertage war es vier Uhr nachmittags und nicht mehr hell genug zum Rrbeiten. Meine Mutter stand auf, trat ans Fenster, und blickte trostlos in den grauen Fimmel,' denn wir hatten wieder nichts zum Rbendessen. Die Dächer lagen voll Schnee, auf welchen Krähen umher hüpften und ihr eintöniges Krak Krak erschallen ,ließen. Mit tief bekümmerter Zeele richtete sie die verzweiflungsvolle Frage an den Fimmel: Mein Gott, was soll daraus werden? Da fällt ihr plötzlich der Vers von Wieland ein: „Der Gott, der Raben nährt, wird Menschen nicht verstoßen,' wer groß im Kleinen ist, ist größer noch im Großen." Und eine ganz wunderbare Hoffnung und Zuversicht auf Gottes Hilfe zieht in ihr Herz ein und stärkt sie mit neuem Mute, wir legten uns wirklich nicht hungrig zu Lette,' denn eine Nachbarin brachte, ich weiß nicht mehr ob Lrot oder etwas anderes - genug etwas zu essen, und wir waren wieder um einen Tag weiter. Zolche unerwartete Hilfen gehörten ' nicht zu den Seltenheiten und kamen meist von armen Leuten, in deren Herzen die Zaite des Mitleids leichter antönt, als in denen der wohlhabenden.
Rm 24. Januar 1793 wurde der König von Frankreich Ludwig XVI. guillotiniert. Ich erinnere mich noch deutlich, welch einen schreckhaften Eindruck die Rachricht davon, die Hins mein Gnkel mitteilte, auf mich machte,' denn das hatte ich nicht für möglich gehalten, daß man einen König hinrichten könne. Ich wußte mir die Zache nicht zu enträtseln,' meinem besten Glauben nach hatte der König Gewalt über Rlle, niemand durfte ihn anfechten, er war unverletzlich, und für ihn mußte der Untertan Gut und Llut opfern. Damit stand nun jene Uachricht in so schneidendem Widerspruch, daß ich in völlige Verwirrung geriet. Die Zache war mir nicht deutlich zu machen,' aber daß die Franzosen, mit denen wir Krieg führten, sehr schlimme Leute seien, wurde mir zur Gewißheit.
Uebrigens gab es in Berlin viele, die damals mit den französischen Republikanern sympathisierten. Ls ist ein Unglück, daß viele so geneigt sind, die Hinneigung zu republikanischen Formen als einen Beweis von innewohnendem Hochsinn, Edelmut, Zreiheitsliebe und Zelbjtschätzung zu nehmen, während man dem, der zu monarchischen Einrichtungen hinneigt, Knechtssinn, leidenden Gehorsam, Mangel an Grundsätzen zuzuschreiben pflegt, ohne zu bedenken, daß diese Eigenschaften sich eben so wohl mit der einen, wie mit der .andern Ztaatsform vertragen und in beiden gleich häufig getroffen werden. Jenes Vorurteil veranlaßt besonders die Jugend so gern, sich mit republikanischen Gesinnungen zu brüsten, wozu freilich auch das ungemessene Lob, mit welchem man die Republiken des Rltertums geschildert hat, nicht wenig beiträgt. Eigensinn und Eigenwille, Dünkel, Zucht sich hervorzudrängen, Umgehung des Gesetzes und stete Lust


