Einzelbild herunterladen

Lonntaasgrusz

Gememüeblatt fürdte evangelische Kirchengemeinoe

Gieszew

Nr. 36. Bietzen, Sonntag 12. nach Trinitatis, den 10. September 1916. 5. Jahrgang.

Zeftstehen!

Ieremia 17, 9. Lks ist das Menschenherz ein trotzig und verzagtes

Ving, wer kann es ergründen?

Sie kommen nicht durch! in tausenden von Feldpost­briefen und Schilderungen aus den jetzigen gewaltigen Cnt- scheidungskärnpfen in Ost und H>ejt klingt dieses trotzige, siegesgewisse Wort von den Fronten in unsere Heimat her­über. Sie kommen nicht durch! mit zusammengebissenen Lippen, in der furchtbarsten Anspannung aller Geistes- und Körperkräfte während des rasenden Trommelfeuers, in stolzester jubelnder Freude nach dem abgeschlagenen Angriff ist dieses Wort wie ein Trutz- und Siegespsalm in eisenharter Zeit zur Parole unserer tapferen Feldgrauen geworden, und wenn einst die Geschichte über diesen Krieg geschrieben werden wird, könnte dem Ausschnitt über den verzweifelten versuch der größten feindlichen Offensive seit dem Juli 1916 keine treffendere Ueberschrift gegeben werden als diese:Die Deut­schen standen fest !"

Feststehen! Das muß auch jetzt die Losung für uns alle hier in der Heimat sein. Noch zu keiner Zeit sind so gewaltige Eindrücke auf uns eingestürmt als jetzt, wievief bange Seufzer steigen täglich empor, wie zentnerschwer liegt die Frage: wie lange noch? aus Millionen Herzen! heute mag es niemanden geben, der nicht etwas davon spürte, wie dieser Krieg die Herzen im tiefsten Grunde aufwühlt und Anforderungen an unsere seelischen und geistigen Kräfte stellt, wie wir sie wohl niemals vorher geahnt Haben. Nnd gerade in solcher Zeit merkt so mancher, wie schwer es ist, sein seelisches Gleich­gewicht zu bewahren, innerlich festzustehen. Cs geht nicht an, dem Schicksal auf die Dauer aus eigener Kraft zu trotzen, und mancher, der früher mit jeder Lebenslage fertig zu werden glaubte, erkennt jetzt, daß es Verhältnisse gibt, die ihn zwingen. Dann schlägt der Trotz leicht in Verzagtheit um, und wer verzagt, verliert den Boden, den festen Stand­punkt unter seinen Füßen. - (Es ist merkwürdig, daß der Prophet Ieremia schon vor Jahrtausenden diese Lebenswahr­heit erkannt, die jetzt Ungezählte machen müssen: Cs ist das Herz ein trotzig und verzagtes Ding, wer kann ergründen? flker gerade diese schmerzliche Erfahrung kann der erste Schritt auf dem Wege sein, den rechten festen Standpunkt zu finden, von dem allein aus es möglich ist, in allen noch so

gewaltigen und erschütternden Anstürmen innerer und äußerer Not fest zu bleiben. Cs gibt einen, der die schwerste seelische Herzensnot, die schnödeste Undankbarkeit, die furchtbarste Sterbensnot still und ergeben getragen und doch allen Fein­den zum Trotz als ein Held niemals verzagt hat. Das ist der, in dessen Hände jetzt unsere kämpfenden Brüder ihre Seele befehlen, wenn das tödliche Blei sie trifft, der Weltheiland Jesus Christus, der jetzt richtend und rettend durch unsere Zeit und die Welt schreitet und nur eins verlangt: Treue, wer ihm treu bleibt, steht fest in inneren und äußeren Stürmen, ja, der soll es in seinem Leben persönlich erfahren, daß es Wahrheit und Wirklichkeit ist, was er verheißt: So ihr in mir bleibet und meine Worte in euch) bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

Das deutsche Vaterunser.

So laßt uns beten: O, du unser Vater,

Sei unsre feste Burg in allen Nöten,

Sei unser Schirm, sei Lenker und Berater,

Laß uns getrost vor unsre Feinde treten,

Gib unser täglich Brot uns jetzt und heute,

Entzünd in uns das Feuer deiner Stärke,

Erfüll uns all mit deiner heiligen Freude Und segne gnädig unsrer Hände Werke.

Sei unsre Zuflucht, unser Lebensborn!

Uns deine Gnade, unsrem Feind dein Zorn!

Herr, sieh uns an in Milde und Geduld; Erbarmungsvoll vergib uns unsre Schuld.

Dein ist das Neich, laß es uns auch erwerben, Dein ist die Kraft, die Feinde zu verderben,

Dein ist die Herrlichkeit ob allen Wesen,

Zn Ewigkeit bist du, wie du gewesen.

Darum bitten wir in deines Sohnes Namen, Erlös uns, Herr, und schenk uns Freiheit! Amen!

Karl Neurath.

Aus der alten Stadtkirche.

In alter Zeit war es überall in den deutschen Städten üblich, daß in den Xirchen besondere Plätze gewissen bevor- zugten Ständen und Personen Vorbehalten waren. Diese Plätze