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vor hundert Zähren.

(Schluß.)

Mitteilungen über das Mißjahr 1816.

Sie setzten ihr Treiben noch fort, als die Trnte schon beinahe zu Ende war und die Getreidepreise bedeutend ge­sunken waren. Infolgedessen kam es am 15. Kugust 1817 in Mainz zu einem regelrechten Brotkrawall. Die Kornwucherer trieben dort an einem Markttage die Preise so in die l)öhe, daß der £aib Brot von 16 Kreuzer wieder auf 23 Kreuzer stieg, sie boten auf dem Markte den Landleuten für das Malter 15 Gulden anstatt 9 Gulden, was zuletzt der Preis gewesen war. Tine resolute Frau, die dabei stand, als ein Makler wieder seine unredlichen Operationen beginnen wollte, ergriff den Menschen am Kragen. Das gab das Signal zu einem allgemeinen Kufstand gegen die Kornwucherer. Sic wurden von dem Volke mißhandelt, ihre Häuser wurden ge­stürmt, die Fenster eingeworfen, und auf dem Markte wurden die Kartoffelsäcke und Tierkörbe umgeworfen. Die erregte Volksmenge hätte diese Leute getötet, wenn nicht das preußische Wachtkommando auf der hauptwache in das Mittel getreten wäre. Die ganze Garnison trat unter Waffen, der Aufstand der Mainzer hatte aber die günstige Wirkung, daß der Preis des Laibes Brot um 4 Kreuzer herabgesetzt wurde. Km 17. Kugust machte der Mainzer Oberbürgermeister Frei­herr von Jungenfeld eine von der Negierungskommission ge­nehmigte Bestimmung bekannt, nach der jeder, der auf dem Markte Tumult machte, bestraft werden sollte. Ts wurde eine Marktkommission gebildet, die die Klagen der Konsumenten anhören sollte.

Für den vierpfündigen Laib Brot waren vor dem 27. Juni in Mainz noch 51 Kreuzer bezahlt worden, dann sank der Preis auf 27 und fiel weiter, wie oben erwähnt worden ist, auf 16 Kreuzer. Dieser Preis blieb bis zur Trnte bestehen. Bus dem Lande waren die Brotpreise ganz der Will­kür unterworfen, so daß die Leute nach der Stabt gingen, um da einzukaufen. Die Bäcker scheinen mit dem Linken der Preise nicht einverstanden gewesen zu sein,' denn es wird geklagt, daß es mit dem Brotbacken sehr langsam gehe, viel­fach war Brot überhaupt nicht zu erhalten.

Cs war auch Zeit, daß die Preise fielen,' denn angesichts einer reichen Trnte war die Not groß, ging der Hunger als ein hohläugiges Gespenst in vielen Landesteilen um. Tnde Juli wurde vom Hunsrück gemeldet: ,,Die Noth war und ist schrecklich. In den Gegenden, wo lauter Holzhauer wohnen, nähren sich die Menschen mit Milch und Wiesen- und Wald- lkräutern, das Brot reichte nicht hin. Jetzt zeigt sich in diesen Gegenden eine Krankheit, die Farbe wird gelb, die Gesichter schwellen." In der Tifel nährten sich die Menschen seit Mo­naten von erfrorenen Kartoffeln, aus denen sie Kuchen her­stellten. hungernde, blasse Menschen zogen zu vielen Tausen­den den Nhein hinunter, mit der Kbsicht, nach Amerika zu gehen, die meisten gingen einem ungewissen Schicksale ent­gegen.

Tndlich kam nach Tagen der Not und der Verzweiflung, des Betons und Fluchens die Trnte,' sie war reicher denn je und begann sehr früh. Die armen nun wieder aufatmenden Menschen ließen es sich on vielen Orten nicht nehmen, die ersten Garben in feierlichem Zuge nach Hause zu bringen. Kus Kreuznach wird am 5. Juli berichtet: ,,Diesen Kbend um 5 Uhr sind die zwei ersten Wagen voll Frucht es war Wintergerste nach hau^ g fahr-n worden. Während uns

eben noch die traurige Nachricht*) von vierzehn verhungerten Menschen niederbeugte, während Wagen mit Brot vom Nhein aus und von hier aus den unglücklichen Wald- und Gebirgs­bewohnern gesendet wurden, haben wir die Freude, daß die Trnte beginnt. Gott allein die Thre!" Das Einbringen der ersten Garben gestaltete sich m der Stadt an der Nahe zum Volksfeste. Tine Musikkapelle zog voraus, dann kamen die Erntewagen. Kuf den Pferden saßen Knaben, die Blumen­sträuße in den Händen hielten. Unter Glockengeläute be­wegte sich der Zug nach der Kirche, wo man eine Crntedank- feier abhielt. Noch durch manches Jahr hindurch wurden Kehren und Körner von dieser Trnte sowie Gedenkmünzen an das Hungerjahr in vielen Familien aufbewahrt. Mein Konfirmand, der Gberrealschüler Nudolf Hahn zu Gießen, zeigte mir im Kpril 1916 Gstseekorn aus dem Jahre 1816 und eine Denkmünze an das Hungerjahr; beide Erinne­rungszeichen rühren von seinem Urgroßvater, dem Super­intendenten höhne in Dutenhofen bei Wetzlar her. Die venk- münze zeigt auf der einen Seite eine Mutter mit zwei hun­gernden Kindern, die Umschrift lautet:G gib mir Brot, mich hungert sehr". Kuf der anderen Seite ist das Bild einer Wage. Die eine Wagschale trägt einen Gewichtstein, dar­unter steht: ,,1 Pfund 5 Lot", auf der anderen Schale liegt ein Laib Brot, darunter steht:12 Kreuzer". Darunter ist ein Knker abgebildet, der in einer Getreidegarbe haftet. Die Umschrift lautet:verzaget nicht, Gott lebet noch".

Die Kreuznacher Feier scheint völlig improvisiert ge­wesen zu sein und anderen Städten und Dörfern als Muster gedient zu haben. Kehnliche Feiern sind aus Wiesbaden und Hadamar gemeldet, sind augenscheinlich aber auch noch an anderen Orten abgehalten worden.

Der günstige Kusfall der Ernte chatte zun Folge, daß man die Kusfuhrverbote aufhob und dem Handel keine Hinder­nisse mehr in den weg legte. Km 2. Kugust erließ die Mainzer Negierung die im Unterschied zu den früheren Verordnungen über Maßregeln gegen die Teuerung sehr knapp gehaltene Bekanntmachung:Die Unterzeichnete

Stelle beeilt sich hierdurch zu verkündigen, daß Se. König­liche Hoheit der Großherzog bei der neu eingetretenen, sehr ergiebigen Trnte sich gnädigst bewogen gefunden haben, die durch den Drang der Umstände bisher nötig gefunden haben, die durch den Drang der Umstände bisher nöthig gewesene Fruchtsperre gegen das Kurland in dem gesammten Groß­herzogthum wieder aufzuheben und den freien unbeschränk­ten Handelsverkehr der Früchte, vom gestrigen Tage an, wieder cherzustellen, wonach alle betreffenden diesseitigen Behörden sich zu richten haben."

Brot war nun wieder im Lande, aber es kam doch kein rechter Kufschwung für die Landwirtschaft,' denn der Erlös war bei den nun niedrigen Fruchtpreisen gering. In den 20er Jahren erreichte der Wert der landwirtschaftlichen Er­zeugnisse infolge der veränderten Verkehrsverhältnisse einen solchen Tiefstand, daßmancher Gutsbesitzer den Erlös für seinen Ueberschuß in der Westentasche heimtrug und kaum die Steuern herauswirtschaftete". Die massenhafte Kuswan- derung dieser Jahre war mit durch diesen Umstand ver­ursacht.

Noch viele Jahrzehnte blieb das Hungerjahr 1816 17 im Gedächtnisse derjenigen, die es erlebt hatten, haften. Der noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Wons­heim im Kreise Klzey lebende Landmann Johannes Fitting

*) Diese Nachricht hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet.