Nr. 35. Gichen, Sonntag 11. nach Trinitatis, den 3. September 1916. 5. Jahrgang.
Unsere Gotteshäuser. ,
Psalm 27, 4. (Eins bitte ich vom Herrn, das hätte ich gern: daß ich
im Hause des Herrn bleiben möge mein Leben lang, zu schauen
die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempelzu betrachten.
Wenn ein frommer Jude der alten Zeit von dem,,Hause des Herrn" redete, so meinte er allemale den Tempel zu Jerusalem. Nach diesem Tempel ging seine Zehnsucht,' auch, wenn er noch so arm war und sich das Neisegeld mühsam zusammensparen mußte, mindestens einmal im ^ahre, in der Negel zum Osterfeste, ging er dorthin, betete zu Gott, schaute die schönen Gottesdienste des Herrn, betrachtete in ernstem Nachsinnen den Tempel und zog dann glücklich wieder heim. Die Nethäuser, die überall in den Dörfern standen und in denen sich am Sabbat die Gemeinden versammelten, hatten lange nicht diese Bedeutung. Ts ist auch sicher, daß sie von einfacher Bauart und Nusstattung waren. Darum ist zu verstehen, daß der höchste Wunsch mehr als eines Frommen der war, den der psalmist ausspricht, im Hause des Herrn zu bleiben sein Leben lang.
Wer jemals eine große katholische Kirche aus alter Zeit mit Aufmerksamkeit und Verständnis betrachtet hat, der hat erkannt, daß das Urbild, nach dem sie gebaut ist, der Tempel auf Zion ist. hier wie dort weite, hohe Hallen, nirgends nur ein einziger Kirchenraum, sondern ein Nebeneinander von Hallen, Schiffen, wie man sagt, von Thorumgängen und Kapellen. Diese Kirchen aus alter Zeit sind heiliger Stimmung voll. Man meint beinahe, daß die Architekten und Künstler unserer Tage nicht mehr wie ihre Berufsgenossen im Mittelalter imstande seien, so viel Seele, Gemüt und Frömmigkeit in die spröden Steinmassen zu legen. Diese Ulten haben den Stern vergeistigt. Wie gelangt in den Kirchen von gothischer Bauart mit ihren kühn nach oben strebenden Türmen, deren Spitze sich in dem Blau des Himmels verliert, das Streben des Ehristen von der Erde nach dem Himmel zu so schöner, sinnbildlicher Darstellung, viele Stunden habe ich schon mit der Betrachtung dieser Bauwerke zugebracht. Die Dome zu Köln und Hildesheim, das Münster zu Straßburg, die Kathedrale zu Nntwerpen, die Gudula- kirche zu Brüssel, die St. Bavokirche zu Gent, die Notre- damekirche zu Paris, die Kathedralen zu Nmiens und Nouen, den Dom zu Mailand, die Markuskirche zu Venedig, den
Dom zu Negensburg, die wundervolle Basilika zu München habe ich auf mich wirken lassen, ohne müde geworden zu sein, mich in Einzelheiten zu vertiefen. Edle Kunst hat hier das Weihevollste geschaffen,' Maler, Bildhauer und Holzschnitzer haben miteinander gewetteisert, eine Ueberfülle drängt sich in diesen Gotteshäusern dem Buge auf. So gibt es kaum einen Vorgang aus der biblischen Geschichte des Nlten und des Neuen Testaments, der in der Kathedrale zu Nmiens nicht dargestellt ist, vom Paradiese bis zum großen Weltgerichte ist hier die heilige Geschichte in Stein gebildet. Buch das Leben eines heiligen der katholischen Kirche gleitet hier an dem Beschauer vorüber. Nlle diese Kirchen sind weniger für die Wortverkündigung geschaffen, sie sind Tempel von großer Nnlage, Näume für die Nnbetung, heilige Hallen mit Darstellung des Göttlichen.
Eine Neihe von evangelischen Kirchen, die aus der vor- reformatorischen Zeit stammen, zeigen naturgemäß gleichfalls diese Nusprägung, so die Elisabethkirche zu Marburg, die Stadtkirche zu Friedberg, die Lorenz- und die Sebalduskirche zu Nürnberg, die Stiftskirche zu Stuttgart, die Barfüßerkirche zu Nugsburg. Diese herrlichen Kirchen entsprechen eigentlich nicht dem evangelischen Frömmigkeitsideale. Unsere Frömmigkeit gründet sich auf das Wort Gottes, das wollen wir lesen und hören. Jene großen, viel- gliedrigen Kirchen sind für die predigt des Wortes nicht geschaffen, hierzu brauchen wir geschlossene Bäume von nicht allzu großer Nusdehnung. Gerade moderne evangelische Kirchen nähern sich mehr der Nrt, in der man große Versammlungsräume aufrichtet.
Nber wir haben unsere einfachen und schlichten Kirchen genau so lieb, wie einst der fromme Jude seinen Tempel liebte und heute der fromme Katholik seine kunstvollen Dome liebt. Wenn wir im Gotteshause weilen, so tritt die Welt hinter uns zurück, hier sammeln wir uns von aller Zerstreuung der Welt um das Ewige, hier empfangen wir Trost und Stärke. Gerade in der Kriegszeit haben sich unsere Kirchen als solche Friedensorte erwiesen. Daß die Gotteshäuser unserer Heimat noch unversehrt sind und nicht, wie es im Feindesland vielfach der Fall ist, zu ausgebrannten Buinen geworden sind, treibt uns in diesen Tagen dankend besonders zu dem, dem wir in unseren Kirchen dienen.
H.B.


