günstig. Man sagte, in Zeiten, da Mangel an Lebensmitteln herrsche, müsse der Handel eher gefordert als gehemmt werden. Für Hessen waren die Ausfuhrverbote jedoch von Vorteil, da im Lande, wenn es auch in einzelnen Teilen sehr knapp zuging, doch so viele Lebensmittel vorhanden waren, als man brauchte. Der Handel kam in dieser Zeit natürlich nicht auf einen grünen Zweig.
Zn weit höherem Maße als Lheinhessen hatten die benachbarten Länder zu leiden, namentlich Laden, Württemberg, Elsaß-Lothringen und der Hunsrück. Zm Mai 1817 herrschte in der Gegend zwischen Saarlouis und Weißenburg, also auf französischem Gebiete, unbeschreibliches Elend, viele Leute starben an Entkräftung. Die Kühe gaben keine Milch mehr, die hungernden gruben die eben gesetzten Kartoffeln wieder aus, stahlen Klee und jungen Kohl, um sich daran zu sättigen. Ganze Ortschaften sollen längs der lothringischen Grenze im Frühjahr von Brennesseln, die sie mit Erdschnecken schmelzten, gelebt haben. Für die notleidende preußische Lheinprovinz regte sich sehr die Wohltätigkeit. Zm Januar 1817 bereiste der Geheimrat von Klewiz aus Berlin die Provinz, um über den Getreidebedarf Erkundigungen einzuziehen. Daraufhin ließ die preußische Legierung Korn, das an der Ostsee aufgekauft war, nach dem Lhein bringen. Zn Koblenz gab man aus den Festungsvorräten Erbsen, Graupen, Leis und Loggen an die Lotleidenden in der Eifel, Privatwohltäter teilten Brot, Kartoffeln und sogenannte Lumfordsche Suppen aus. Und seltsamerweise hat man damals das Kriegsbrot gehabt, das wir nun nach einem Jahrhundert wieder essen, Brot, dem man Kartoffelmehl zugesetzt hatte. Luch Gerste und Hafer setzte man dem Loggen zur Brot- bereitung zu.
Zn Hessen sorgte man in sehr vernünftiger weise dafür, daß die armen Leute Lrbeit bekamen und etwas verdienen konnten. Zur Lusführung von Straßenbauten bewilligte der Großherzog für Starkenburg und Gberhessen je 30 000 Gulden. Für Lheinhessen war das nicht nötig, da, wie schon erwähnt ist, die Branntweinbrenner und Essigsieder Lbgaben entrichteten, die 20 000 bis 30 000 Gulden ergaben und den lLrmen zugut kamen. Zehr groß war die Lrmut in der Stadt Mainz; dieser Notstand rührte, wie in einem früheren Kapitel ausgeführt worden ist, schon von den letzten Jahren der Franzosenherrschaft und der Zeit der Zwischenregierung her. Zm Lpril verteilte man dort an die Lrmen Brot und Kartoffeln. Lm 13. Lpril 1817 erließ der Großherzog der Stadt Mainz und der Festung Kaste! die Hälfte aller für das Jahr 1817 laufenden Grund- und Zenstersteuer. Das Elend in Mainz war so groß, daß ein württemberger, der mit seiner Familie nach Lmerika auswanderte, auf der Lheinbrücke zu Mainzer Bürgern sagte: „Beneidenswert seid ihr Mainzer nicht, wir wollen für euch einstweilen Ouartier in Leu-Mainz bestellen." Gerühmt wird wegen seiner Wohltätigkeit der katholische Pfarrer Kuhnmünch aus Lieder-Saulheim, der am 1. Juli 1817 verstorben ist. Er hatte Saatkorn ohne Schuldschein und ohne Verzinsung hergegeben und in seinem Testamente für 156 christliche und 4 jüdische Familien Geld und Brot bestimmt. Zn den Gemeinden Sprendlingen und St. Johann, die zu einer Bürgermeisterei vereinigt waren, hatte man 98 Gulden für die Lrmen gesammelt.
Gerade in den Monaten der größten Lot faßten die Menschen wieder neuen Mut und neue Lebenshoffnung. Dem Geist der Zeit und der Volksstimmung entsprechend, forschte man allenthalben nach günstigen Vorzeichen für die neue Ernte. Zm Februar, so wurde berichtet, hatten sich bei
Lschafsenburg bereits lebendige Maikäfer gezeigt. Luch Gewitterbildung beobachtete man im Februar, was man nach einer alten Bauernregel gleichfalls als verheißungsvoll ansah. Lus Tirol wurde in demselben Monat gemeldet, daß die Mandel- und pfirsichbäume schon geblüht hätten und daß bei Bozen die Leben bereits Sprossen zeigten. Llle diese durch Zeitungen verbreiteten Lachrichten belebten den Mut der gebeugten Menschen, die in den letzten 25 Jahren durch Krieg, Seuche, hohe Steuerlast, zuletzt durch Mißernte und Teuerung so viel zu leiden gehabt hatten.
Trotzdem kamen noch einmal bange Tage, als im Mai 1817 wieder Unwetter mit heftigen Legengüssen kam. Schwer wurde am 27. Mai abermals Mannheim durch einen Wolkenbruch und einen 36stündigen Legen heimgesucht. Die Leckar- brücke wurde weggerissen, die Gärten am Leckar wurden völlig überschwemmt. Leute, die dort beschäftigt waren, mußten sich auf die Dächer retten und gaben Lotschüsse ab. Mit Lachen fuhr man nach Leckarau und halbwegs nach Schwetzingen. Bei Oppenheim trug sich die gleiche Naturkatastrophe zu. Die Früchte standen vorher schön, nun waren sie vernichtet. Die Weinberge waren dort im Juni noch so weit zurück, daß die Winzer nichts mehr erhofften.
Unredlichen Menschen gelang es gerade in diesen Monaten, die Getreidepreise künstlich hinaufzuschrauben, so daß das Brot von Tag zu Tag teuerer wurde.*) Es fehlt in den Verordnungen der Behörden nicht an kräftigen Lusdrücken über diese Leute. Die Legierungskommission in Mainz sagte: „wer mit Hintansetzung der bestehenden Verordnungen und ohne Lücksicht auf die Loth seiner Mitbürger darauf ausgeht, diese um schnöden Gewinnes willen noch zu vermehren, dem Lrmen sein letztes Stück Brot vom Munde wegzunehmen und gegen ausländisches Geld habsüchtig umzutauschen, gehört nicht zu jenem ehrenwerten Handelsstand und verdient, daß das Gesetz, die Stimme des Volkes zu der [einigen erhebend, Handlungen jener Lrt mit infamierenden Strafen brandmarkt." Zn den rheinhessischen Zeitungen wurden diese Spekulanten „Blutige!" genannt. (Schluß folgt.)
während wir bluten . . .
Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht die Westdeutsche Lehrerzeitung in ihrer Lr. 31 folgenden ernst eindringlichen Mahnruf eines im Felde stehenden Lehrers:
Ja, während wir bluten, verzapft man in Deutschland Schund, literarisches Gift, so als wenn's gar keinen Krieg gäbe. Lls wenn da draußen ein paar Millionen Männer Schildwach ständen - ohne Lebensgefahr sich langweilten oder sich des Sommers freuten. Die Bühnen pflegen die geschlechtlichen Lngelegenheiten weiter, als lebten wir im schwülsten Sonnenlande des Friedens, umgeben von Weichheit und Genuß. Lls hätten in Deutschland nie Dichter gelebt, die Werke geschaffen, einer so großen und schweren Gegenwart würdig. Es widert uns an. wenn wir, in unseren Gräben liegend, in den Zeitungen die Lnzeigen über die heimischen Theateraufführungen lesen, wedekind, Strindberg, Schnitzler sind da Trumpf. Und manch einfacher Mann, der sich sonst um diese Fragen wenig gekümmert, sagt: „während wir bluten, macht man's daheim so!"... Doch davon wollt' ich nicht sprechen. Lin anderer Giftpilz ist ebenfalls noch nicht geschwunden. Zch meine die private Leihbücherei, wie sie in
*) Wenn man an diese Zustände der alten Zeit denkt, so sieht man ein, wie wohltätig jetzt die Einführung von Brotmarken und die Festsetzung von Höchstpreisen sind.


