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LonntagsgrM

Gemeinüeblatt süröie evangelische Kirchengemeinöe

Gieszew

Nr. 33. Gießen, Sonntag 9. nach Trinitatis, den 20. August 1916. 5. Jahrgang.

Der Totenwagen.

Hiob 16, 22. Ich gehe hin des Weges, den ich wieder nicht kommen werde.

Durch die Straßen der Stadt, in der ich vorübergehend weile, sehe ich am sonnenhellen Sommertage den Toten­wagen fahren. Tr ist leer und kommt vom Friedhöfe zurück, wohin er einen müden Trdenpilger gebracht hat. Langsam gehen die schwarz begangenen Pferde einher, von dem schwarz gekleideten Fuhrmann geleitet. (Es ist ein eigentüm­liches Bild, wie dieser Wagen durch die Stadt fährt. Die Straßen sind sehr belebt. Kinder gehen zur Schule, schnellen Schrittes hastet der Kaufmann vorbei, Landleute gehen, mit Körben beladen, zum Markte, Soldaten, geschmückt mit dem Eisernen Kreuze, schreiten vorüber, Behende eilen zum Bahn­hofe, knarrend und schwer beladen fährt ein Erntewagen hinter dem Totenwagen einher. Über nur wenige unter den vorübergehenden schenken dem schwarzen Magen ihre Beachtung.

wohl tausendmal bin ich vor oder hinter dem schwarzen Magen einhergegangen, dennoch bringt er, wie er so durch das Menschengewühl leer dahinfährt, meine Seele in Schwin­gung. Mit diesem Magen müssen alle einmal fahren, die jetzt an ihm vorübergehen und kaum einen Blick für ihn haben: der kleine, blonde Knabe, der lebhaft mit seinem Sichulkameraden spricht, der Kaufmann, demZeit ist Geld" das Losungswort ist, der alte, ärmlich gekleidete Mann, der sich schwach auf seinen Stock stützt, der Müßiggänger, der an der Straßenecke steht, der junge Mann, den das feld­graue Maffenkleid schmückt, die modern gekleidete Dame, die einer Bekannten lachend und grüßend zuwinkt, ich selber wir alle gehen einmal des Meges, den wir nicht wieder kommen werden, wir alle werden einmal still hinaus­gefahren.

vielen Menschen ist das eine schreckensvolle Aussicht, der gereifte Ehrist findet in ihr Trost und Beruhigung, von diesem Trost und dieser Beruhigung hat Tonrad Ferdinand Meyer in dem wunderbaren Gedichte geredet, in dem er den zum Feuertod verurteilten Johann huß sprechen läßt: Es geht mit mir zu Ende, mein' Sach' und Spruch ist schon weit über Menschenhände gerückt vor Gott:s Thron, schon schwebt gleich einer Molke, umringt von seinem Volke, entgegen mir

des Menschen Sohn. Die Leiden dieser Zeit, die uns jetzt tausendfach bedrängen, gehen vorbei, hinüber über das wilde Geschehen des Krieges schwillt der Strom der Vergänglichkeit' alle Dissonanzen sind gelöst, aller Streit ist ausgekämpft, alle Sorge getragen, wenn wir auf dem schwarz verhangenen Magen nach dem Ucker Gottes gefahren werden. Menn ich Menschen sehe, die rücksichtslos und hartherzig nur nach Vermehrung ihrer habe streben, oder Menschen, die so tun, als ob sie allein in der Melt seien, um ewig bewundert zu werden und vor den anderen eine Bolle zu spielen, so muß ich immer an den Magen denken, den die schwarz behan- genen Pferde ziehen. Und denke ich an das himmelschreiende Unrecht, das in diesem Kriege geschieht, so tritt mir vor die Seele, daß nicht nur die, die das Unrecht wehrlos er­tragen müssen, sondern auch die, die es vorläufig noch ungestraft tun, einmal die letzte Fahrt machen werden und dann vor dem ewigen Bichter stehen. Gerade ein Mort für die Kriegszeit ist, wa's der Prediger Salomo sagt: Sch wandte mich um und sah alle, die Unrecht leiden unter der Sonne, und siehe, da waren Tränen derer, so Unrecht litten und hatten keinen Tröster, und die ihnen Unrecht taten, waren zu mächtig, daß sie keinen Tröster haben konnten. Da lobte ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr als die Lebendigen, die noch das Leben hatten.

Mir Menschen der Gegenwart sind daran gewöhnt, oft und weit zu reisen, wir reisen zu Fuß, zu Magen, zu Schiff und vornehmlich mit der Eisenbahn. Je älter wir werden, um so weniger wollen wir reisen, gleichsam, als ob im Hintergrund unserer Seele stets das Mort weile, das ein Mainzer Schiffer selbst für seinen Grabstein bestimmt hat: Einst fuhr ich in der Tat von morgens früh bis abends spat, nun mag da reisen, wer da will, hier liege ich vor Unker still. Mir sollten öfters einmal auch an die letzte Fahrt denken, die wir auf dem Totenwagen durch das Menschen­gewühl hindurch machen, und uns dabei fragen: was dann?

Schickt das herze da hinein,

Mo ihr ewig wünscht zu sein. h. B.