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von Liefern Notstand und seinen Ursachen ein richtiges Bild geben zu können, etwas weiter ausholen und bas ganze südwestdeutsche Gebiet in das Kuge fassen.
Die Laat stand im ITfcri 1816 in dem bezeichnten Gebiete wie immer auf das beste, als Naturereignisse eintraten, die zu den schlimmsten folgen führten. Kus verschiedenen Gegenden des deutschen Westens und des deutschen Lüdens werden im Juni Wolkenbrüche und heftige Kegen- güsse gemeldet. Für den Negen-, Gberdonau- und Isarkreis war der 10. Juni verhängnisvoll. Ein heftiges Gewitter entlud sich über diese Gegend und vernichtete in einer Ausdehnung von zehn stunden völlig das Getreide und das Gbst, an verschiedenen Stellen lag der Hagel fußhoch. Kuch über Ingolstadt und die oberen Donaugegenden ging an diesem Tage ein schweres Unwetter. In München hatten Häuser, Gartenanlagen, Gbstbäume und Getreidefelder schwer gelitten. Um IZ.Juni ging ein Unwetter über die Uord- schweiz, das so furchtbar war, daß bei Basel der Uhein von den Trümmern eingestürzter Häuser bedeckt war, die Kare trat über ihre Ufer, und das Emmental wurde schwer heimgesucht. Gleiches wird aus dem Breisgau gemeldet. Kuch Italien litt unter der feuchten, kalten Witterung, im Kpril soll es in Uom noch Eiszapfen gegeben haben. In der Kocht vom 16./17.Juni fiel in der Gegend bei Bamberg ein fürchterlicher Wolkenbruch, 17 Gemarkungen wurden zerstört, mehrere Häuser stürzten ein, Menschen und Tiere fanden dabei ihren Tod. Um 15. Juni kamen durch einen Wolkenbruch, der bei Buttenheim unweit Erlangen siel, 20 Menschen um das Leben. Uuch Uordwestdeutfchland hatte zu leiden, am 14. Juni richtete ein Wolkenbruch bei Hildesheim und Einbeck großen Lchaden an; Uecker und Wiesen wurden überschwemmt, viele Vorräte zerstört und viele Häuser beschädigt. Ein Wolkenbruch, der am Übend des 17. Juni bei Landshut fiel, machte die Heerstraße nach München dadurch unpassierbar, daß er alle Brücken wegriß. Mitte Juni wurde aus Bordeaux folgendes gemeldet: „Wir wissen wahrlich nicht, woran wir hier sind. Bei verschlossenen Fenstern und Thüren brennt wie im Winter Feuer in unseren Kaminen. Es ist eine Kälte wie im Oktober, die Luft dunkel und regennaß. Heftige Windstöße, mit Platzregen und Hagel begleitet, umstürmen unsere Landhäuser. Die Niederungen stehen Unter Wasser; einem erträglich warmen Tage folgen mehrere kalt und mit Kegen, wie die vorher- gegangenen. Eines ähnlichen Lommers erinnern sich die ältesten Leute nicht in diesem Lande. Die ganze Vegetation leidet, besonders der Weinstock. Die Zeit der Blüthe sollte schon vorüber sepn, und noch haben die Keben zu blühen nicht angefangen." Diese Schilderung der Witterungsverhältnisse im Lommer 1816 trifft auch für die südwestdeutschen Gebiete zu. In der ,,Großherzoglich Badischen Ltaatszeitung" war damals ausgeführt, daß seit dem ungewöhnlich heißen Lommer 1811 die Lommer immer kälter geworden seien.
Die vielfachen Kegengüsse hatten Ueberschwemmungen zur Folge. In der Nacht vom 6. 7. Juli brach bei Philippsburg der Kheindamm, mehrere Hundert Morgen Wiesen und Getreidefelder waren zu einem Lee geworden. Kuch die Umgebung von Mannheim wurde unter Wasser gesetzt, die Ernteaussichten wurden dadurch ganz vernichtet. Was die reißenden Fluten noch verschonten, fiel dem andringenden Ouellwasser zum Opfer. Was an Früchten, Tabak und Gartenerzeugnissen dort verdarb, konnte gar nicht berechnet werden. Die Lchäden bei den großen Ueberschwemmungen der Jahre 1784 und 1799 waren nicht so schlimm, weil diese
Ueberschwemmungen in den Winter sielen und nur wenige Tage andauerten. Im Lommer 1816 war der Khein bei Mannheim zu einem 4 bis 5 Ltunden breiten Lee geworden. Kcht Wochen lang war der Khein über seine Ufer getreten, als pm 5. Kugust vom Wasgau her Lturm und Hagel kamen und in zwölf Gemeinden, die Karlsruhe benachbart sind, die Hoffnungen vieler Familien zerstörten. Hagelkörner von der Größe eines Hühnereis fielen dort nieder, Hasen und Vögel wurden getötet, Menschen auf dem Felde verletzt, Gbstbäume entwurzelt und ihrer unreifen Früchte beraubt, in den Wäldern viele Tausende von Bäumen umgerissen. Der ganze Erntesegen war dahin, die unglücklichen Bewohner lasen die halbreifen Getreidekörner vom Boden auf. Gleiches wird aus Zabern und Weißenburg gemeldet.
Koch im Leptember gab es verheerende Gewitter. Km 12. dieses Monats zog ein fürchterliches Gewitter von Worms her über die Ltädte Bensheim und Heppenheim und einen Teil des Gdenwaldes. In den beiden Ltädten an der Bergstraße wurden fast alle Fenster zerschlagen und viele Dächer beschädigt, der Lchaden an Feldfrüchten, Bäumen und Weinbergen war ungeheuer.
Unwetter dieser Krt werden auch aus Kheinhessen gemeldet. Im Leptember ging ein schweres Wetter über die Wormser Gegend nieder, vielleicht ist es dasselbe, das der Bergstraße Lchaden brachte. Kus mündlicher Ueberlieferung ist mir berichtet worden, daß es in unserer Provinz vom Mai bis zum Oktober anhaltend geregnet hat, es herrschte eine kalte Witterung, ab und zu fiel auch Hagel. Infolgedessen kam die Ernte sehr spät. Während die Kornernte sonst Mitte Juli beginnt und Mitte Kugust mit dem Haferschnitt beendet ist, brachte man in Kheinhessen im Jahre 1816 die Ernte erst um den Gallustag <17. Oktober) nach Hause. Die Frucht war sehr minderwertig; denn die Körner waren nicht ausgewachsen und ergaben ein minderwertiges Mehl, das daraus hergestellte Brot war naß, klebrig und ungesund.
von vornherein müssen wir freilich im Kuge behalten, daß in Kheinhessen zwar auch Teuerung, jedoch keine eigentliche Hungersnot herrschte. Lin intelligenter rheinhessischer Landmann, ein Mann von der Krt, wie man sie in der Provinz oft findet, Kdam Boost aus Kierstein, hat das in einer Lchrift, die er im Dezember 1816 abgeschlossen hat, ausdrücklich festgestellt. Kuch Boost ist der Knsicht, daß die günstige Lage der Provinz aus ihrer Parzellenwirtschaft resultiere. Kuch der geringste Taglöhner habe ein kleines Ltück Feld als Eigentum, könne darauf Kartoffeln und Küben pflanzen und gewinne so die Möglichkeit, sich und die Leinen in Zeiten der Teuerung durchzubringen. Groß war die Hungersnot im Odenwald.
vor der Ernte waren natürlich auch in Kheinhessen die Befürchtungen wegen einer eintretenden Hungersnot nicht gering gewesen. Prof. vr. Keeb, damals Bürgermeister zu Kieder-Laulheim, veröffentlichte deshalb in der „Mainzer Zeitung" einen Krtikel, der überschrieben war: „Beruhigungsgründe bei der Furcht vor einer durch nasse Lrndte entstehenden Koth". Der gelehrte Philosoph und sachkundige Landwirt, der sich in diesem Krtikel als „Departementalrath Keeb" bezeichnet^ ging von einem im Volke seit alter Zeit verbreiteten Kberglauben aus. Er sagte, in seiner Gemarkung läge ein Born, genannt der „Hungerborn" (Hungerborne werden auch anderwärts, so bei Kaiserslcrutern erwähnt). Der Hungerborn zu Kieder-Laulheim sei jetzt abermals geflossen, nachdem ein sechzigjähriger Mann ihn in


