Äonntagsgruß
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Gemeinöeblatt füröie evangelische Kirchengemeinoe
Gieszew
Nr. 32.
Bietzen, Sonntag 8. nach Trinitatis, den 13. August 1916. 5. Jahrgang.
Menschen, die zusammengehören.
Vrief des Apostels Paulus an die Galater 6, 2. Liner trage des andern
Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Mit verzehrender Sehnsucht denken die Hatten und Väter, die nun schon so lange Monate draußen im Felde stechen, an ihr Daheim, an die Menschen, die ihnen die nächsten und liebsten sind. Sie träumen davon bei Tag und Nacht, wie schön das sein mutz, wieder daheim zu sein bei Frau und Kindern und all den andern lieben Menschen, die ihrer dort voller Sehnsucht warten. Das eigne heim! Nls neue Stätte, da Glück und Frieden wohnt, als neue (puelle der Freude und immer neuer Schaffenskraft steht es vor ihrer Seele. Und wir wollen von herzen wünschen, daß es für die heimkehrenden Krieger das auch wirklich wird! Für viele war es das ja von jeher. Für andere aber mutz es das erst werden. So viele haben es erst da draußen im fernen, fremden Sande ganz empfunden, was sie an ihrem Daheim, an der Siebe der Ihren besaßen. Sie verstehen es jetzt nicht mehr, daß man sich einst so manche Stunde gegenseitig verbittert hat durch Grollen und Zanken um nichtiger Dinge willen und so oft einander das Seben nicht leichter, sondern schwerer machte. Und sie geloben wohl im stillen: wenn dir das Glück der Heimkehr beschieden ist, dann solls anders werden, als es war, dann soll Freude und Frieden wohnen in deinem Haus!
Und die, die nicht mit hinausgezogen sind? Sollten die es nicht auch empfinden, daß diese Zeit mit ihrem Ernst und ihrer Not sie zwingt, ihr Zusammenleben aus einen neuen, herzlicheren Ton zu stimmen? Die Menschen, die von Gottes und Nechts wegen zusammengehören, sollten doch in dieser Zeit gemeinsamer Sorgen und Note in rechter Treue Zusammenhalten und sich gegenseitig nach Kräften helfen, die Lasten zu tragen, die jedem auferlegt sind! Sie haben doch, einst einander Siebe gelobt! Jetzt gilts, die Echtheit und Kraft der Siebe zu beweisen. Jetzt müßte in allen Häusern die rechte Freundlichkeit und Herzlichkeit, das rechte Zartgefühl und Mitempfinden herrschen, das dem Herzen des andern so wohl tut.
Gewiß, es werden jetzt hohe Unforderungen an den Einzelnen gestellt, an seine geistige und körperliche Kraft, an seine Nerven und an die Kraft der Seele. Es ist kein
Wunder, wenn dabei viele Männer und Frauen — abgespannt, ungeduldig, reizbar und nervös werden. Uber ein Unrecht ist und bleibt es doch, wenn ein Mann, der auch in dieser Zeit gegenüber andern Menschen, etwa seinen Vorgesetzten, Kollegen oder Kunden, oder im geselligen Verkehr allezeit höflich und freundlich bleibt, daheim sich einfach ,,gehen läßt" und unfreundlich, gereizt und heftig gegenüber den Seinen ist, weil er meint, in seinem eigenen Hause hätte man es nicht nötig, sich Zwang anzutun und Nücksichten zu nehmen. Solch eine Lieblosigkeit gerade denen gegenüber, auf die du stets die größte Nücksicht nehmen solltest, schafft so viel Bitterkeit und Verdrossenheit und lähmt die Tragkraft der Seele.
Nein, gerade in dieser Zeit, in der wir doch ohnehin alle so viel Schweres zu überwinden haben, sollte für die Menschen, die zusammengehören und - die auch jetzt zusammen sein dürfen, das Wort gelten: Einer trage des andern Säst! Sie sollten sich freuen, daß ihnen die Gelegenheit dazu gelassen ist! wie viele andere entbehren die jetzt so schmerzlich! Du kannst auch in dieser Zeit den Deinen so viel sein! So sei ihnen denn auch alle Zeit ein rechter halt und Trost, laß sie sich erquicken an deiner Siebe und Freundlichkeit!
Damit erweist du nicht nur den Deinen einen wertvollen Dienst, den sie dir danken werden, sondern auch deinem Vaterland! Denn du hilfst dadurch an deinem Teile mit, daß in der Stille des Hauses ein Geist der Kraft und Freudigkeit erhalten bleibt, den wir so dringend brauchen zum Nushalten.
vor hundert Zähren.
Mitteilungen über das Mißjahr 1816?)
Eine empfindliche Schädigung erwuchs auch den rheinhessischen Städten und Gemeinden durch das Notstandsjahr 1816, das in der Geschichte bis auf diesen Tag unter dem Namen das ,,Hungerjahr"') weiterlebt. Ich muß hier, um
1) Diese Ausführungen sind mit freundlicher Erlaubnis des Herrn Verlegers (Diemer-Mainz) der „Festschrift zur Hundertjahrfeier der Provinz Rheinhessen" entnommen, die von Pfarrer vechtolsheimer- Gietzen, Archivdirektor l)r. Dieterich-Darmstadt und Rreisamtmann Strecker-Mainz bearbeitet ist. Pr. 3 Mk.
2) vgl. meine Erzählung „Das Hungerjahr" (Wiesbadener Volksbücher Nr. 97). 1907. 21. bis 35. Tausend. 1913.
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