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in seinem Herzen gewälzt hat, in denen die Aussicht auf das Gericht, das über sein Volk ergehen sollte, sein Herz aufs tiefste ergriff. Jetzt stand noch alles im Bewußtsein satter Selbstgenügsamkeit um ihn her, der Tempel, die Stadt, die Mauern. Kber mit dem Kuge des Geistes sah er sie alle schon in Trümmern liegen. Kus diesen Trümmern heraus aber würde das vollstreckte Gericht die lauteste Sprache reden bis an das Ende der Erdentage.
Mir sind im Saufe des Krieges viele Ansichtspostkarten mit verwüsteten Wohnstätten unserer Feinde zu Gesicht gekommen, darunter auch zerstörte Kirchen. Jedesmal, wenn ich ein solches in Trümmern liegendes Gebäude sah, mußte ich an jenes Wort des Heilands denken.
Muß nicht der Knblick der umherliegenden Steine an den Stätten, da sich vorher der Sauf fruchtbringenden Sebens abgespielt hat, unseren Feinden die Anklage ins Ohr schreien über das, was sie in ihrer Verblendung, ihrem Größenwahn, ihrer Rachsucht angerichtet haben? Muß nicht diese Sprache sie verfolgen auch in ihre jetzigen Rachegedanken hinein, ihren Mut Kühlen, ihre Entschlüsse lähmen?
Ich glaube, wenn Ihr nach Jahren wieder in Eurer Häuslichkeit sitzen werdet, und die Gedanken kommen Luch an den Krieg, dann wird das, was am deutlichsten vor Euch hintritt, die Erinnerung an die Steine des Feindeslandes sein, die auch Euch angeschrien, Euch das Herz oft genug schwer gemacht haben mögen?
Soll uns nicht dieser Gedanke auch an die eigene Brust schlagen lassen? Wie gnädig hat es Gott mit unsrem Volke gemeint, daß die Gebiete nur verschwindend klein sind, in denen die Steine der Kulturstätten in die Sage gekommen sind, zu „schreien"! Ihr habt durch Eure Aufopferung das Vaterland vor diesem Schicksale bewahrt nun schon zwei lange, entbehrungsreiche Jahre hindurch. Mancher von Euch trägt das Kreuz aus Eisen auf der Brust. Mancher spürt es in den Gliedern, an der Sunge, am Herzen, daß er nicht mehr ganz so fest ist, wie damals, als er zur Verteidigung des Vaterlandes auszog. Er weiß, was es ihn gekostet hat,- jeder weiß es auch, der bis dahin keine Opfer an der Gesundheit hat bringen müssen. Kber wenn Ihr, will's Gott, bald nach Hause zurückkommt, dann werdet Ihr erst den Stolz empfinden, Kämpfer gewesen zu sein. Wir wollen dann Euren Stolz ehren und uns nicht in Euren heiligen Zirkel eindrängen. Kber wir wollen mit Euch zusammen das unsre tun, um das Vaterland davor zu bewahren, daß es jemals in den Zustand komme, die Steine schreien zu hören.
(Schluß folgt.) K. G.
Die Stadt Eichen im Anfang des fr. Jahrhunderts.
«Schluß.)
Ueber das von Dietrich erwähnte Schloß sagt Rambach: ,,Durch das alte Schloß wird sonder Zweifel die Eantzlep verstanden. Denn winckelmann sagt gantz deutlich: in dem alten Schloß wird die Fürstliche Eantzlep und Eonsistorium gehalten und von dem hessischen Kmtmann, so einer von Bdel bisher jederzeit gewesen, bewohnet und dieses wird mit dem schönen Eollegio vermittelst einer Brücken, die erst anno 1759 bei der französischen Einquartirung in die Stadt abgerissen, aneinander gehängt. Uebrigens scheint mir die jetzige Eantzlep aus der Ursache das alte Schloß zu heißen, weil hier in uralten Zeiten eine Burg, außer der von Schwal- bachischen, gestanden. Nicht nur der sehr alte Eantzleyturm, sondern auch, daß man die benachbarte Kirche, die Burgkirche
und den jetzigen Kmtsgarten, den Burggarten genannt, auch daß dieser am Ende der alten Stadt liegende Platz (wo der alten Stadt Merckmale, wie Winckelmann sagt, zu sehen), sehr bequem zu einer Burg und Schutzwehr gewesen, dies alles machet mir diesen Gedanken sehr wahrscheinlich."
Buch diese Feststellung Rambachs ist richtig. Das sog. ,,alte Schloß" oder die ,,Kanzlei" darf nicht verwechselt werden mit der früher genannten alten Burg hinter der Stadtkirche. Ls war ein Bau des 14. Jahrhunderts, der nach der Erwerbung Gießens durch Hessen (1265) errichtet und in die Stadtbefestigung einbezogen wurde. Sein Bergfrit heißt im volksmunde ,,der Heidenturm", weil er mehrmals wegen Kaubs verhaftete Zigeuner beherbergte. Bei Kufräumungs- arbeiten hat man auch noch eine Holztür gefunden, in welche sogenannte Gaunerzinken eingeschnitten waren. Der Hauptmann und der Kmtmann waren ursprünglich ein und derselbe Beamte, der als Befehlshaber der Besatzung den einen, als Vorsteher der fürstlichen Verwaltung den anderen Titel führte.
Das Eollegium, das Dietrich erwähnt und das von 1607 bis 1611 erbaut wurde, war ein berühmter Kenaissancebau mit einer auf der Gartenseite errichteten Sternwarte. Kur wenige Kbbildungen von ihm sind erhalten, die schönste auf einer homannschen Karte von Gberhessen. Die Brücke, die während des Kufenthaltes Georgs II. hinüber nach dem alten Schloß geführt wurde, sollte den Verkehr des Landgrafen mit der Kegierung erleichtern. Das Lollegium fiel in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts ebenfalls wegen angeblicher Baufälligkeit demselben Vandalismus zum Opfer, dem 20 Jahre früher die alte Stadtkirche erlegen war. Kn seiner Stelle wurde die ,,Zigarrenkiste" aufgestellt, der der jetzige gefällige Knstrich nur wenig von ihrer Gede zu nehmen vermag. Wie reich könnte unsere Stadt an schönen Bauwerken sein, wenn in früherer Zeit nur ein kleiner Teil der Pietät geübt worden wäre, mit der man heute an die Erhaltung des Klten herangeht!
Das Fürstliche neue Schloß ist das Gebäude neben der Zeughauskaserne, in dem sich zurzeit das Völkermuseum befindet. Ls stammt aus.den Jahren 1535 ff. und ist einer der letzten gotischen Bauten Oberhessens. Das untere Geschoß ist ein massiver Steinbau, der obere Teil l)olzfachwerk. In seinem künstlerischen wert lange verkannt und in ein unscheinbares Gewand gehüllt, hat der Bau in den Jahren 1899 ff. seine Wiedererstehung in alter Schönheit erlebt. Sein Wiederhersteller, der damalige Kegierungsbaumeister Wilhelm Jost, hat ihn mit hervorragendem Verständnis von allen Verunstaltungen, die er im Laufe der Zeit erdulden mußte, befreit und den ursprünglichen Bauplan wieder zu Ehren gebracht. In der Philipp-Festschrift 1904 widmet Jo.st bem Schlößchen eine eingehende Würdigung, in der er auf dessen auffallende Verwandtschaft mit den Rathäusern in Kls- feld und Schotten aufmerksam macht und die drei Bauwerke einem und demselben Meister, wenigstens aber einer Schule zuweist. Unseren Bau bezeichnet er ,,als eine der edelsten Schöpfungen hessischer Fachwerkkunst".
„Nachdem im Jahre 1625," so berichtet Kambach, „die hiesige Kkademie nach Marburg verlegt worden, nahm Herr Landgraf Georg seine Residenz zu Gießen in dem Eollegio. Damals begab sich im Jahre 1636 dieser besondere Zufall darinnen, daß ein durch ein verborgenes Feuer sehr beschädigter Balcke, worauf eben der Fürst mit seiner Gemahlin und noch andre 4 Personen stunden, zerbrach und sie sämtlich mit ihm ein ganzes Stockwerk herunter in ein andres


