Nr. 31. Giehen, Sonntag 7. nach Trinitatis, den 6. August 1916. 5. Jahrgang.
Line Geschichte von Zturm und Wellen.
Psalm 89, 10. Du herrschest über das ungestüme Meer, du stillest seine Mellen, wenn sie sich erheben.
Jahrtausende alt ist der vergleich des Menschenlebens mit einem Schiff in brandender See. Me viel Verständnis für unsere eigenen Beziehungen zum lveltganzen gewinnen wir überhaupt dach aus solchen der Natur entnommenen Bildern! 5ie ebnen uns im Gleichnis die Erkenntnis tiefster Geheimnisse, für die bisweilen die nüchterne Begriffssprache viel zu arm wäre! 3rt diesem Zinne ist die Natur noch ein besonderes Buch der Offenbarung göttlicher Dinge für den suchenden, ahnenden Menschengeist. Jetzt, im Weltkrieg, welch eine Fülle von Bildern drängt sich uns nicht auf vom Toben der Elemente, dem Beben aller Grundfesten der Erde, Orkan und Wettersturm, Zerschellen und Untergang! Und inmitten dieses wütens all die Millionen kleiner Menschengeschicke auf zerbrechlichem Kahn! Me ist es möglich, daß sie dem wilden Unsturm dennoch standhalten? Ja, woher kommt angesichts des unsagbar viel Schweren und Zermarternden, das schließlich an jedes Menschenherz herantritt, immer wieder jene schier unfaßliche Lebenskraft und Lebenslust, der Wille zum Leben? Im 89. Psalm steht ein schlichtes Wort, und doch birgt es die Erklärung auch für dieses Geheimnis in sich. Es heißt: „Du, Gott, herrschest über das ungestüme Meer,' Du stillest seine Wellen, wenn sie sich erheben." wenn wir das zum Gleichnis unseres Seelen- lebens nehmen, dann verstehen wir es sofort: hinter allem irdischen, vergänglichen Geschehen birgt sich eine ewige, unvergängliche Hand und Kraft. Buch unser kurzes Dasein hier mit all seinen Stürmen und dunklen Nätseln läuft nicht in sinnlosen Bahnen dem wilden Ehaos entgegen. Ein höherer plan steht dahinter, eine unsichtbare Macht hält und trägt,' eine urgewaltige Ahnung, daß aus diesem tollen Lebenswirrwarr doch noch ein klarer Zielgedonke, Leben höherer Urt, Stille nach dem Sturm, sich entwickeln und darstellen muß, hebt uns in eine Gewißheit geheimer Urt, an der alle Versuchung der Verzweiflung und des endgültigen Todesbegehrs zerschellt. Und für die, welche sich zu dieser Erkenntnis voll durchgerungen haben, bricht dann oft schon hienieden eine Zeit wunderbarer Sammlung und Nahe an,
wie einst für die christliche, so überaus hart durch die Welt- Händel bedrängte Urgemeinde, von der es heißt: „So hatte nun die Gemeinde Frieden und baute sich und wandelte in der Furcht des Herrn und ward erfüllt mit Trost des heiligen Geistes." was damals möglich war, fürwahr, das ist es auch heute noch mitten in allen Stürmen des Weltkriegs, wenn wir es recht erfassen: „Du, Gott, herrschest über das ungestüme Meer!"
Nriegrgedanten.
4.
werte Schützengrabenbewohner!
Ich schreibe an Euch, obwohl ich weiß, daß nicht alle, denen meine Worte gelten, im Schützengraben wohnen. Uber die das gegenwärtig nicht tun, sind doch nur der verschwindende Teil. Und wenn sie auch augenblicklich keine Bewohner des Schützengrabens sind, so sind sie es doch gewesen und kennen die geistige Verfassung dessen, der sich dort aufhält, nur zu gut. Sie wissen, daß der letztere, wenn auch nicht mehr Zuspruch, so doch mehr geistige Kost braucht, als sie selbst. Ihnen gibt die geistige Kost hinreichend das wildbewegte Spiel des Ungriffskrieges, die Notwendigkeit, zu wagen und zu siegen, die den ganzen Mann erfordert.
Uber wer im Schützengraben liegt, der hat das Bedürfnis nach Ublenkung, nach Zerstreuung oder auch, wenn man will, nach Sammlung der Gedanken.
Es soll nicht viel sein, womit ich Eure Gedanken diesmal ablenken will. Uber es ist vielleicht doch etwas, das der eine oder andere der Mühe des Nachdenkens für wert hält.
Mir als Pfarrer hat der Krieg, das bekenne ich frei, den Dienst erwiesen, daß ich manches, womit ich mich beruflich beschäftige, jetzt besser verstehe, als vordem. Ich habe hier ein Wort im Uuge, das der Heiland Luk. 19, 40 geredet hat: wo diese werden schweigen, werden die Steine schreien.
Mir ist das Wort immer als eine Uebertreibung erschienen, eine Uebertreibung, die verständlich ist im Hinblick auf den Zustand der Erregung, in welcher sich der Uedende in jenem Uugenblick befand, aber doch eine Uebertreibung.
Jetzt denke ich doch etwas anders über die Sache. Ich weiß, daß Jesus in jenem Uugenblick schwere Gedanken


