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5. Jahrgang

Gießen, Sonntag 6. nach Trinitatis, den 30. Juli 1916

Zwei Jahre Weltkrieg.

Psalm 77, 20 u. 21. Dein weg war im Meer und dein Pfad in großen wassern, und man spürte doch deinen Fuß nicht. Du führtest dein Volk wie eine Herde Schafe durch Mose und tlaron.

In der kommenden Woche begeht das deutsche Volk einen ernst bewegten Gedenktag, das ist der l. August, der Tag des Kriegsbeginns. Zwei Jahre dauert nun der Weltkrieg. Man sagt, daß glückliche Tage dem Menschen rasch dahin­rinnen. Sie kommen und gehen, daß man es kaum gewahr wird, nur in der Kückerinnerung wird man inne, daß man einmal glücklich war und nur über vergangenen Tagen sieht man Hellen Schimmer liegen. Aber auch schwere Tage, Tage der Furcht, der Erregung, des harten Kampfes fliehen schnell vor uns vorüber, wenn der Wirbelwind des Schicksals über die Menschen dahinbraust, so hat er nicht Zeit nachzudenken. So sind uns auch diese zwei Kriegsjahre rasch dahingeschwun­den, und das ist gut. Ls ist ein Trost, freilich nicht der höchste und beste Trost, daß auch harte Zeiten vorübergehen und ein­mal ein Ende nehmen müssen. Der hochbegabte leider zu früh verstorbene Maler Albert welti hat ein ergreifendes Bild gemalt, es besteht aus zwei verschiedenen Darstellungen. Auf dem ersten Gemälde sitzen zwei Ehegatten friedlich am Abend beim Lampenschein vor ihrem Hause zusammen, auf dem zweiten wird bei wehendem Winde der Sarg der Gattin einen Hügel hinuntergetragen, der Ehemann folgt, sein Kind an der Hand führend, dem Sarge. Unter das Doppelbild hat der Künstler die Worte gesetzt: Glück und Unglück, beides trag in Kuh, alles geht vorüber und auch du.

Schauen wir auf die zwei Jahre Weltkrieg zurück, so kommt uns zunächst schmerzlich zum Bewußtsein, daß unser Volk für seine Ehre und sein weiterbestehen heilig, große Opfer hat bringen müssen. Fast kein Haus ist ver­schont geblieben, viel edles Leben ist in diesen beiden Jahren untergegangen, und der Tod hat eine furchtbare Ernte ge­halten. Koch in fünfzig Jahren wird das Leid, das dieser Krieg gebracht hat, im deutschen Lande nicht überwunden sein. Koch manche Witwe wird dann daran denken, daß sie vor einem halben Jahrhundert das Glück ihres Lebens verloren hat, und grauhaarige Menschen werden traurig sein, weil ihre Kindheit unter dem Eindrücke stand, den das frühe Scheiden des Vaters erregt hatte.

Aber wir wissen am Schlüsse des zweiten Kriegsjahres doch auch, daß alle diese Opfer nicht umsonst gebracht wor­

den sind, haben wir auch noch nicht den Frieden erkämpft, so hat unser unvergleichliches Heer doch Großes geleistet. Ich fahre am schönen Sommertage durch das südwestdeutsche Land. Ueber der Großstadt mir ihrem häusermeer liegen dichte Dunstwolken, das ist der Bauch, der von den Fabrik­schornsteinen aufsteigt. Keine Unternehmung der deutschen Industrie ist vom Feinde gestört worden. Traulich schmiegen sich die Dörfer an den Bergshang, ein Bild des Friedens; fremde Soldaten haben plündernd hier nicht geweilt. Fleißige Leute schneiden auf den Feldern Getreide, die Hufe der Kosakenpferde haben die Flur nicht zerstampft. Eine junge Frau fährt mit ihrem zweijährigen Söhnchen mit mir im Abteil, sie fährt ungehindert nach einer lothringischen Stadt, wo ihr Mann früher in Garnison stand, sie will wieder einmal nach der Wohnung sehen, nachdem sie lange bei den Eltern geweilt hat. Der Kleine schaut zum Fenster hinaus und ahmt das Geräusch der Eisenbahn nach; auf die Frage, wo der Vater sei, sagt er:In Kußland." Wenn wir daran denken, wie es im Lande des Feindes aussieht und zugeht, so verstehen wir, was unser Heer geleistet hat, indem es in einem Ansturm den Krieg über Deutschlands Grenzen hinaus­getragen und dort seither den Feind festgehalten hat.

Aber wir erkennen besonders auch, daß Gott mit uns war. Sein Weg war mit uns im Meer der Trübsal, sein Pfad mit uns in den großen Wassern des Weltgeschehens, auch wenn wir manchmal seinen Fuß nicht gespürt haben. Er führte unser Volk wie eine Herde Schafe durch Mose und Aaron. Er führt uns freilich durch Leid und Trauer hindurch, aber er weiß auch, warum er das tut. In seiner Kraft wollen wir ausharren>, bis die Friedensglocken von den Kirchtürmen erklingen und, so der Allmächtige will, eine neue, bessere Zeit einläuten. Glück und Unglück, beides trag in Kuh, alles geht vorüber und auch du. h. B.

ttriegrgedanken.

3 .

Die Kriegsgespräche, die das deutsche Volk jetzt führt, geben manche Kätsel auf. Das, was vor allem auffällt, ist die Abwesenheit jeder Kuhmredigkeit. Das gibt auch dem Fremden zu denken. Er wundert sich über die Schlichtheit, mit der der deutsche Krieger über das spricht, was draußen geschieht, wie fast unpersönlich er von dem redet, an dem