Gemeinüeblatc sürüie evangelische Kirchengemeinoe
Gieszew
Nr. 29.
Gießen, Sonntag 5. nach Trinitatis, den 23. Juli 1916.
5. Jahrgang.
Der Christ und die Leidtragenden.
Brief des Rpoftels an die Römer 12, 15. weinet mit den weinenden.
Bei allen Kulturvölkern herrscht die Sitte, daß man Bekannten, die von einem schweren Schicksal heimgesucht worden sind, seine Teilnahme bekundet. Das geschieht namentlich in den Fällen, wo Todesleid in eine Familie eingekehrt ist. Mündlich oder schriftlich bringt man den Trauernden zum Busdruck, daß man für ihr Seid Verständnis hat und es mitempfindet. Sehr häufig ist diese Bekundung der Teilnahme ja etwas, das den Trauernden lästig ist. Immer wieder, wenn man gar nicht zum Sprechen aufgelegt ist, soll man Besuch empfangen, soll man Antwort geben und, was am schmerzlichsten ist, den Hergang des traurigen Erlebnisses erzählen. Man versteht es deshalb, daß schon vor hundert Jahren Trauernde ihre Bekannten und Freunde gebeten haben, von Beileidsbezeugungen abzusehen. Immerhin beruht diese Sitte auf einem tiefen sittlichen Gründe und kann deshalb heilsam wirken. Unter keinen Umständen möchten wir sie ganz aus dem Leben unserer Tage gestrichen haben.
Tausendfaches Leid geht in diesen Tagen durch unser Volk, an vielen Orten macht sich auch wahre, echte Teilnahme geltend, vielfach aber Klagen die Trauernden darüber, daß sie durch Herzlosigkeit verletzt werden. Zu Witwen, die mit dem Manne das Glück ihres Lebens verloren haben, kommen Bekannte und erzählen, ohne mit einem Worte auf das Leid der gebeugten Frau einzugehen, wie es dem eigenen Sohne oder Bruder draußen im Felde so gut geht, wie er einen längeren Urlaub bekommen hat oder ganz in die Heimat entlassen worden ist. Eltern, die sich um den vermißten Sohn grämen, müssen die Uede hören: was braucht ihr so traurig zu sein, ihr habt eueren Sohn doch auch schon vor dem Kriege nur selten bei euch im Hause gehabt. Frauen, die sich um den Ehemann ängstigen, der längere Zeit keine Nachricht von sich gegeben hat, quält man mit der unbegründeten Vermutung, daß er gefallen sei. Ist ein Kriegsfreiwilliger gefallen, so kommt man mit der schnöden Bede: Ihr hättet ihm nicht erlauben sollen, freiwillig in das Heer einzutreten. Mit einer solchen Nede, die der größten Verachtung wert ist. senkt man tief den Stachel in die Seele der Bngefochtenen. kein Vater und keine Mutter konnten es dem jungen Sohne verwehren, sich freiwillig zur Verteidigung
des bedrohten Heimatlandes zu melden, hätten sie das getan, so hätten sie ihn innerlich gebrochen, wie es Goethe mit.seinem Sohne Bugust getan hat, dem er 1813 nicht erlaubte, gleich so vielen anderen deutschen Jünglingen in das Heer einzutreten. Buch kriegsverletzte sind oft herzloser Neugier ausgesetzt, müssen auf der Straße Bemerkungen über sich hören, die tief in die Seele einschneiden. Feingefühl ist eben noch nicht in allen Schichten unseres Volkes zu finden. In einer Zeit, in der der Tod eine so furchtbare Ernte hält, in der täglich der Tod gereifter, verdienter Männer gemeldet wird, in den Tagen, da die Sturmflut der feindlichen Heere von allen Zeiten gegen unsere tapferen Truppen heranbrandet und von diesen mit der größten Standhaftigkeit und rückhaltloser Hingebung zurückgedämmt wird, in einer Zeit, in der so viele um das Schicksal ihrer Lieben bangen und zittern, so oft der Postbote das Haus betritt, haben die theatralischen und musikalischen, von privater Seite veranstalteten Bufführungen noch nicht aufgehört. Das ist ja an und für sich kein Unrecht, man kann niemand zwingen, den Ernst und die Größe dieser Zeit mitzuempfinden, auch in der Kriegszeit haben wir Erholung notig, aber man sollte dergleichen Veranstaltungen doch nicht an die große Glocke hängen, nicht so viel Uühmens von ihnen machen,' denn das kränkt auf das bitterste die Leidtragenden und Bekümmerten.
Um den Empfindungen so vieler in unserem Volke jetzt gerecht zu werden, müssen wir auf Jesus aufschauen. Er war ein barmherziger Heiland. Ihn jammerte des Volkes, das der Herde gleich war, die keinen Hirten hatte, er weinte am Grabe seines Freundes Lazarus,' wenn er in ein Trauer- Haus eintrat, so kam er nur, um zu helfen, zu heilen und zu trösten. Ihm folgend, sagt sein großer Bpostel: weinet mit den weinenden. Uach diesem Wort müssen wir uns jetzt richten. Das Leid, das so viele unserer Volksgenossen tragen, ist unser aller Leid. Für uns, damit wir frei und sicher leben, damit die würde des deutschen Volkes gewahrt bleibe, sind unsere Helden gefallen und sind sie verwundet worden. Man sollte jeden verachten, der sich Leidtragenden gegenüber hart, rücksichtslos und egoistisch geberdet. Buch unsere Jugend sollte in dieser ernsten Zeit nicht durch wüsten Lärm auf den Straßen, wie es vielfach geschieht, bekunden, daß sie durch elterliche Zucht nicht gebändigt wird. h. B.


