Einzelbild herunterladen

106

getan, und wir uns vertrauensvoll um sie scharen durften, die in einem sogenannten Großvaterstuhl in Mutters blauem Zimmer am Fenster saß, ihren Strickbeutel in der Hand. Da gehörte sie ganz uns, da nahm sie teil an unseren kleineU Freuden und Leiden und wußte so gut zu fragen und ebenso zu antworten.

Unvergeßlich ist es mir, daß unsere Mutter die eigene Mutter ,,5ie" nannte, und sie mit großer Ehrerbietung be­handelte, wie man es jetzt nicht mehr kennt. Ist nicht über­haupt die Ehrfurcht vor allem Ulten in der jetzigen Zeit sehr geschwunden? Oftmals denke ich, es würde mehr Befriedi­gung und stilles Glück in Familien und Häusern geben, wollte man wieder die Ulten, Erfahreneren in den Mittel­punkt des Familienlebens stellen, sich um sie scharen und die Rinder schon von klein auf gewöhnen, die Freuden eines gemeinsamen Familienlebens den zersplitternden, zerstreuen­den Vergnügungen außerhalb des Hauses vorzuziehen, die Seele und Gesundheit mehr schädigen als fordern.

Ein ganz besonderes Fest war es, die Großmutter in ihrer Stadtwohnung, die sie die letzten Jahre ihres Lebens be­wohnte, zu besuchen. Wie oft im Winter brachte der große Schlitten uns zu ihr, der für unsere Erwartung viel zu langsam war, wußten wir doch, welche Genüsse unser harr­ten. Zn der ,,Rohre" des großen Kachelofens im Wohnzim- mer waren die Bratäpfel schon bereit, deren Duft in den Vorplatz drang und mit Wonne gerochen wurde, während die kleinen Gestalten aus den hüllen herausgeschält wurden. Doch das Rllerschönste war, wenn Großmutter dann aus den Erfahrungen ihres wechselvollen Lebens erzählte und wir staunend lauschten. Großmutter war im Jahre 1783 geboren, und konnte darum wohl mancherlei erzählen, da sie in den Befreiungskriegen Schweres durchmachte.

viel interessanter war es uns, von dem großen Fest zu Horen, das nach dem Kongreß zu Wien, in Breslau den drei vereinigten Herrschern von Preußen, Oesterreich und Ruß­land von der Provinz Schlesien gegeben wurde. Sie konnte anschaulich von der Pracht des Festes und von den Herrschern mit ihrem glänzenden Gefolge erzählen, die sie von Nahem gesehen,' ein Schmuckstück, das sie an diesem Rbende trug, ist noch in meinem Besitz. Noch jetzt, während ich dies schreibe, kommt mir die Erinnerung daran lebhaft zurück, und mit Dankbarkeit denke ich dieser schlichten Frau, die durch ihre Tatkraft, durch ihren klugen, praktischen und doch so from­men Zinn ihrem Manne und ihren elf Kindern ein großer Segen gewesen ist.

Es erübrigt sich noch zu erzählen, wie wir nach solch herrlich verbrachtem Nachmittag von der treuen alten Diene­rin gut eingemummt wieder in den großen Schlitten unter Obhut des alten Kutschers und einer Dienerin verpackt wur­den, um den kurzen Weg nach Haus zurückzulegen. Die Sterne schienen oftmals schon über der tief verschneiten Ebene, die Schlittenglöckchen läuteten so traulich den müden Kindern den Heimweg entlang, bis sie plötzlich still waren. Rus der geöffneten Haustür trat die Mutter heraus, wäh­rend der Vater mit einem hochgehaltenen Lämpchen die Gruppe beleuchtete, und ein Kind nach dem andern von Mutterhänden geführt, im Vaterhaus verschwand. Dann schloß sich die Tür. Baronin R.

ttriegzgedanken.

i.

Ein jeder Leser des Sonntagsgrußes macht sich seine Gedanken über den Krieg. Rlle acht Tage kommt zu ihm

der Sonntagsgruß in das Haus oder hinaus in den Schützen­graben. Was liegt in einem solchen Zeitraum von einer Woche für eine Fülle von Gedanken, von Kriegsgedanken! Suche sie dir einmal zurückzurufen. Ruch das ist gut, sie einmal mit prüfendem Blick an sich vorüberziehen zu lassen. Du wirst jetzt zu manchen von ihnen eine andere Stellung einnehmen, als in dem Rugenblick, da sie sich dir mit zwingender Gewalt aufdrängten. Die Frage wird sich dir von selbst aufdrängen, ob sie alle gut gewesen sind, ob sie auch Gutes an dir geschafft haben.

Rls gut werden sich nur die Gedanken ausweisen können, die sich in irgend einer Beziehung zum Ziel des Krieges ausweisen. Denn der Krieg ist dazu da, um durchgekämpft zu werden. Rllein die Gedanken aber sind wahrhaft dien­lich, die zu diesem Zweck etwas beitragen.

Es ist nicht zu leugnen, wir befinden uns alle jetzt in einer Zeit großer innerer Spannung. Rus den ländlichen Kellern wird jetzt an Vorräten alles herausgeholt, was dort entbehrlich erscheint, um in die Städte gebracht zu wer­den, damit dem dort von Tag zu Tag sich fühlbarer machen­den Mangel abgeholfen werde. Wir machen uns unsere ernsten Gedanken darüber. Denn wir wissen, daß die zu solcher Unzeit herauzgeholten Vorräte zum größten Teil verdorben sein werden, wenn sie an dem Grt ihrer Bestim­mung ankommen. Mußte das sein? Rls Rntwort auf diese Frage schwebt uns der unverfänglich erscheinende Grundsatz vor der Seele, der jetzt wieder in einer amtlichen Bekannt­machung betont worden ist, daß es sich empfehle, die Vor­räte nach Möglichkeit in den ländlichen Kellern und in der Verfügung der ländlichen Besitzer zu belassen. Der Grund­satz scheint auch bei der kommenden Versorgung der Städte wieder seine Rolle spielen zu sollen. Er soll seine Berechti­gung in der Unmöglichkeit haben, langfristige Vorräte im städtischen Gewahrsam unterzubringen. Sei dem, wie ihm wolle. Die jetzigen Erfahrungen belehren uns, daß es die Pflicht aller Beteiligten ist, auf Mittel zu sinnen, um diesem Grundsatz seine scheinbare Berechtigung zu entziehen. Es scheint, als könnten die Stadtverwaltungen gar keine ruhige Stunde haben, ehe sie alles bedacht und getan haben, um rechtzeitig ihren Bedarf sicher in ihre Hände zu bringen. Wieviel Sorge und Rot würde dann der ihrer Fürsorge an­vertrauten Bevölkerung erspart. Es gibt ein höchst ein­faches Mittel, um auch die gewaltigsten Vorräte auch ohne besondere Baulichkeiten zu lagern, das ist durch Einmieten in der Erde. Ruf dem Lande kann man dies in jedem Winter beobachten. Warum sollte es nicht gerade so gut auf städti­schem Grund und Boden möglich sein?

Die Versäumnis der rechtzeitigen Fürsorge für den städ­tischen Bedarf hat eine weitere in das Wirtschaftsleben tief einschneidende Maßregel nach sich gezogen, das verbot der Fütterung für den menschlichen Gebrauch noch verwendbarer Kartoffeln, das wohl nicht mehr zu umgehen war. Was be­reits hinsichtlich des Brotgetreides seit langem in Uebung ist, ist jetzt auch auf die Kartoffel ausgedehnt. Damit ist die Hoffnung auf eine normalen Verhältnissen sich wieder mehr annähernde Gestaltung des Fleischmarktes wieder in un­gewisse Ferne gerückt. Wieder haben wir Grund, um des Volkswohles und dessen willen, was auf dem Spiele steht, uns die ernstesten Gedanken zu machen. Sie erscheinen so ernst, daß den durch sie angeregten Fragen auch ein Sonntagsblatt ausnahmsweise seine Spalten wird öffnen dürfen.

Freilich nimmt diesen Gedanken nichts an ihrer Pein­lichkeit der Umstand, daß wir vor einer zwingenden Notlage