Äonntagsgrusz
Gemeinöeblatt fürüietvangelischt Kircbengemeinöe
Giehew
Nr. 27
Bietzen, Sonntag 3. nach Trinitatis, den 9. Juli 1916. 5. Jahrgang.
Gütergemeinschaft.
Evangelium des Johannes 16, 15. alles, was der Vater hat, ist mein.
Gütergemeinschaft - das läßt zum mindesten auf nahe gemeinschaftliche Interessen, wenn nicht auf ein wärmeres persönliches Verhältnis schließen, wir kennen sie insbesondere auf dem Gebiet innigsten Vertrauens, der Ehe; oft wird sie hier geschaffen aus dem echten Gefühl wechselseitiger Liebe heraus. Ls gibt auch eine, wenigstens teilweise Gütergemeinschaft, die auf größte Verhältnisse übertragen ist, wie sie der jetzige Weltkrieg offenbart. Entweder die gemeinsame Not schließt hier ganze Völker zusammen zu gegenseitigem Gebrauch bestimmter Güter, oder der gemeinsame haß. wir alle kennen diese weise aus eigenster täglicher Erfahrung. Durch Welten, ja durch die Ewigkeit davon entfernt, besteht aber noch eine Gütergemeinschaft einzigster Urt, die uns vor das größte Geheimnis des Leins stellt. In den großen 5lb- schiedsreden Jesu, wie sie uns Johannes bewahrt hat und über denen schon ein voller verklärungshauch ruht, findet sich das wunderbare Wort: ,,Alles, was der Vater hat, das ist Mein" (Joh. 16,15).' Dies Zeugnis, ganz für sich betrachtet, muß UNS geradezu zur Entscheidung unserer Stellung diesem Meister von Nazareth gegenüber drängen, welch Irdischer, und wäre er noch so hoch gestellt, könnte je wagen, eine derartige Gütergemeinschaft mit dem Allmächtigen, dem Schöpfer Himmels und der Erde, von sich zu behaupten! . wie eine geheime Ungst, sich steigernd, je länger man dabei verweilt, will es sich aus die Seele legen, wenn man dies Wort sich aus Menschenmund gesprochen denkt. Man wagt kaum, die letzten Folgerungen für den Sprecher daraus zu ziehen, so unerhört mutet es an. Uus dem Munde Jesu aber hören wir es nicht nur dies eine Mal, so daß es gleichsam als ein Irrtum in der Ueberlieferung aufgefaßt werden könnte, sondern es bildet, recht betrachtet, den Unterton seines gesamten Auftretens, Uedens und Handelns. Uein „Ueligionsstifter" hat je gewagt, den Allmächtigen mit dieser überwältigenden Selbstverständlichkeit als „Vater" anzureden und hinzustellen, wie es Jesus Zeit seines Lebens getan hat. Diese Stellung zu Gott, in die er dann durch sich die ganze Menschheit hineinbezogen wünscht, ist recht eigentlich der Gesamtinhalt all seiner Offenbarung. Uber gleichzeitig hebt sich seine Sohnschaft doch noch so urgewaltig über alles Uindschaftsverhältnis
Erdgeborener zu dem Schöpfer alles Seins hinaus, daß jeder versuch, an der Hand der Schrift diesen Jesus nur als einen gotterleuchteten Menschen und genialen Lehrer hinzustellen, auf die Dauer zusammenbrechen muß. „Ulles, was der Vater hat, das ist Mein!" Diese Gütergemeinschaft, sie wandelt sich zu einer derartigen Geistes- und Gottesgemeinschaft, daß es die Seele wie Zittern befallen will, wenn sie ermißt, wie im Lauf der Geschichte sich die Menschheit wieder und wieder diesem Jesus gegenüber verhalten hat und noch verhält. Und es will uns, je länger der Weltkrieg dauert, um so mehr erscheinen, als berge sich hinter allem erschütternden äußeren Geschehen doch nur die eine große innere Seins- und Lebensfrage: „was dünket Euch von Ehristus, weß Sohn ist er?" _
Die Großmutter.
vielleicht habe ich nicht gut getan, einer Gestalt in unserem Familienleben erst jetzt Erwähnung zu tun, die, nächst der Mutter, einen tiefen segensreichen Einfluß auf Uinderherzen auszuüben berufen ist. Ist nicht ein jedes Haus glücklich zu preisen, in dem eine Großmutter aus- und eingeht und Groß und Ulein um sich sammeln kann?
Uuch diese Gestalt führt mich in Gedanken in meine frühen Uinderzeiten zurück, und da finde ich, daß meine Großmutter anders aussah, als heute die meisten Großmütter ausschauen. Diese sind oft noch recht jugendlich und «unterscheiden sich auch in Uleidung wenig von anderen Gestalten. Meiner Großmutter sah man es an, da . war kein Zweifel möglich, daß sie eben eine Großmutter war,' ich erinnere mich ihrer nur in einem bestimmten Uleide, woraus ich schließen möchte, daß die Mode mit ihrer äußeren Erscheinung nichts zu tun hatte, diese im Gegenteil von derjenigen anderer Frauen verschieden war.
Großmutters Kommen war natürlich immer ein Fest, obwohl es damals noch nicht Sitte war, daß vesucher die Taschen voll Süßigkeiten für die Jugend mitbrachten. Der alten Dame lebhaftem Interesse an den Leistungen eines jeden in der Schule wurde zwar mit etwas Unruhe entgegengesehen,' denn Großmutter war energisch und gründlich, auch war sie gern anwesend bei den Unterrichtsstunden. Einzig schön war es dagegen, nachdem der Pflicht Genüge


