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Nr. 23. Gissten, Pfingsten, den 11. Juni 1916. 5. Jahrgang.

Pfingsten im zweiten Nriegsjahre.

2. Brief des Apostels Paulus an Timotheus 1, 7. Gott hat uns nicht gegeben bcu Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Zucht.

Ernst denkende Leute unseres Volkes erwarteten vor dem Kriege das Anbrechen eines neuen Pfingstfestes. Der Wunsch war nicht unberechtigt. 5o, wie es war, konnte es nicht weiter gehen. Der Geist der Diesseitigkeit hatte' die Herrschaft im deutschen Volke und drohte, es seinem Untergang entgegenzuführen, Sinnenlust, Genußsucht in jeder Form, Materialismus gaben den Eon an. wenn es auf diesem Wege weitergegangen wäre, so wären Zeiten heraufgestiegen, wie sie dem Untergange des römischen Volkes vorangingen. Uber wie sich das ändern sollte, das vermochten jene Leute nicht zu sagen, wie man sich das Unbrechen des neuen Pfingstfestes vorstellen sollte, das war ihnen verborgen. Da kam der Krieg. Mit einem Schlage gewann das Antlitz unseres deutschen Volkes ein anderes Aussehen. Der Geist des Materialismus wich. Der höchste Idealismus trat an seine Stelle; denn der Kampf für das Vaterland ist der höchste Idealismus. Der Geist der Selbstsucht, der weite Kreise des Volkes beherrscht hatte, und zwar nicht haupt­sächlich die wohlhabenden, sondern mindestens ebenso sehr die um ihr tägliches Brot kämpfenden, verschwand. Ls hob eine Gpferfreudigkeit ohnegleichen an. Männer und Jüng­linge gaben Beruf und Familie auf und stellten sich dem vaterlande zur Verfügung. Mütter, Gattinnen und Bräute opferten das Liebste und Notwendigste, was sie besaßen, ohne Murren, ja mit Freuden als etwas Selbstverständliches. Der Geist der Diesseitigkeit, der sein Ulles sucht in dem Leben dieser Welt mit ihrer Schönheit, ihren Gütern, ihrer Urbeit, ihrem Genuß, auch mit ihren Leiden, war ver­schwunden, und Klänge wurden wieder angeschlagen, die aus der Ewigkeit herübertönten. Gedanken wurden wieder laut, die jahrzehntelang kaum heimlich gedacht worden waren. Eine Sehnsucht stieg wieder auf nach einem Lande und nach einem Leben, die man lange Zeit nur mit Spott oder mit be­dauerndem Achselzucken vernommen, war dies das neue Pfingsten, auf das jene nachdenklichen Menschen unseres Volkes gehofft? Fast schien es so. Dankbar gedenken wir auch heute noch und werden immerdar gedenken der großen

Augusttage des Jahres 1914 und all des vielen Großen und Gewaltigen, was wir seit jenen Tagen in unserem Volke erlebt haben. Es wird diese Kriegszeit trotz all des Schweren, was sie im Gefolge hatte, doch immer eine unvergleichlich große und herrliche Zeit genannt werden müssen. Aber das erwartete neue Pfingstfest mit seiner nochmaligen Geistes- ausgießung und Geisteserneuerung ist es doch nicht gewesen, auch nicht geworden. Es war nur ein Hervorbrechen der Geisteskräfte, die in der Seele des deutschen Volkes lagen, nur ein Forträumen des Schuttes, der die herrlichen Güter bedeckte, die unser Volk sein eigen nennt. Es war ein wiederaufglänzen der Flammen, die zusammengesunken waren und unter der Asche zu ersticken drohten. Eine neue Ausgießung des heiligen Geistes, wiie sie an jenem ersten psingsttage in Jerusalem erfolgte, ist es nicht gewesen. Eine solche wird nicht wiederkommen, braucht auch nicht wieder­zukommen. Der Geist Gottes ist jetzt in der Welt. Er hat auch seine Kraft nicht verloren. Sie zeigt sich bei allem Guten und Großen, das es in der Welt gibt, auf welchem Gebiet es sich auch ereigne. Sie hat sich gezeigt in der Opfer­willigkeit beim Kriegsausbruch. Sie zeigt sich in der Rück­kehr Tausender von Männern an der Front zur alten Fröm­migkeit und zum Glauben der Kinderjahre. Sie zeigt sich nicht minder in dem tapferen Aushalten aller Glieder unseres deutschen Volkes bis zu dem endgültigen Siege.

Es kommt nur darauf an, daß dem vorhandenen und immer wieder sich offenbarenden Geiste Gottes die Bahn gemacht werde. Das können und das sollen wir tun. Daran mahnt uns das Pfingstfest, wir wollen nicht warten auf eine neue Offenbarung des pfingstgeiftes, sondern wir wollen nur dafür sorgen, daß dem vorhandenen eine reichliche Ge­legenheit zur Auswirkung gegeben werde. Das Wort Gottes ist sein Träger, die Kirche ist sein Grt. Darum wenn die pfingstglocken über das Land klingen, wenn die pfingst- gemeinde sich in den Kirchen sammelt, so wollen wir dafür sorgen, so viel wir vermögen, daß dem Geiste Gottes in uns und in unserm Volke Bahn gemacht werde, und daß alles aus dem Wege geräumt werde, was seine Entfaltung hindert.