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Stückchen Fleisch um einen Preis zu erhalten, den sie er­schwingen können. Geduldig und ohne Murren harren sie 6 bis 8 Stunden, bei jeder Witterung in dürftiger Kleidung, bis die Neihe an sie kommt! Und wenn, wie dies fast regel­mäßig der Fall ist, für 300, 400 oder 500 nichts übrig bleibt, so fügen sie sich ruhig in ihr Schicksal, Diese Urmen und Uermsten üben Selbstzucht und Zurückhaltung.

Ich verweise auf das Wohlleben vieler reicher Familien, für die der Krieg nicht zu existieren scheint. Sie halten ihre Gastereien wie im Frieden, und gewinnsüchtige Geschäftsleute ermöglichen diese Schlemmereien durch heimliches Zusenden der nötigen Leckerbissen.

Erwähnen möchte ich ferner einige Lebemänner, die es verstanden haben, ihre Unabkömmlichkeit nachzuweisen und dann neben ihrem Wohlleben ausschließlich dem Jagdsport und sonstigen Vergnügungen huldigten. Vas liebe Ich war ihre einzige Sorge. Es ist gelungen, sie in den Schützengraben zu versetzen.

Mit Bitterkeit muß ich gedenken all des Unflats an literarischen Erzeugnissen niederster Sorte, den gewissenlose Menschen unseren prächtigen Feldgrauen an der Front zuzu­führen suchten. Gemeine Niedertracht kann ich nur den ver­such nennen, die edlen, vaterländischen Gefühle und die ideale Stimmung unserer Heldensöhne durch teuflische Machwerke zu vergiften.

Berühren muß ich auch die Modefrage unserer Damen, viele deutsche Frauen wissen im zweiten Kriegsjahr nichts Besseres zu tun, als sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie sie sich für ihre Kleidung neue Formen schaffen oder welche Parfüms sie künftig zu benutzen haben.

weil ich gerade bei den Frauen bin, darf ich vielleicht no'ch zweier Kuriosa Erwähnung tun. Ein Fräulein hat die Eingabe eingereicht, ihr zu einer Milchkarte für ihre Katze zu verhelfen, und eine andere aufgeputzte Dame war in einem Geschäfte in Gegenwart vieler Kunden höchst entrüstet, als ihr der Inhaber die Ubgabe von neun Pfund haferflocken für ihr Schoßhündchen verweigerte, was müssen darüber unsere Urmen und Kriegerwitwen in der Sorge um ihre Kinder denken?

Sind ferner unsere Theater wirklich die veredelnden Unstalten, die sie sein sollen, und bringen sie in dieser ernsten Zeit ihre sittlich starken werte deutlich zum Uusdruck, so daß wir dort die Kraft und Macht deutschen Wesens erleben? Oder müssen wir nicht bekennen, daß wenigstens ein Teil der Bevölkerung immer noch Geschmack findet an frivolen Machwerken und die Bühnen veranlaßt, dieser Geschmacks­richtung nachzukommen. Sind wir nicht veranlaßt, von Herzen zu wünschen und daran mitzuhelsen, daß ebenso wie auslän­dische Stücke von unseren Bühnen auch der undeutsche Geist der sogenannten Modernen verschwindet und daß sich ein natürliches Gefühl des Unstandes und des guten Geschmacks entrüstet dagegen auflehnt, daß trotz der Trauer, die unser Volk erfüllt, schlüpfrige Stücke dargeboten werden, weil seichte und demoralisierte Gesellschaftskreise der Großstadt auch jetzt frivol gekitzelt sein wollen!

wie können wir all den Verirrungen in der Heimat wirksam entgegentreten? wie kann es gelingen, solchen Ub- trünnigen von der großen, vaterländischen Begeisterung den richtigen Ernst und die gehörige Zurückhaltung beizubringen?

Man spricht und schreibt viel in unserer Kriegszeit von dem inneren Uufschwung und der sittlichen Erneuerung des deutschen Volkes! Gebe Gott, daß unsere tapferen helden- söhne mit ihren siegbekränzten Fahnen auch den Geist deut­

scher Sitte und deutscher Schlichtheit und höchster Einfachheit von der blutgetränkten Walstatt im Feindesland in ihre Hei­mat zurückbringen, daß sie draußen gelernt Haben, das Echte zu scheiden vom Schein, daß redliche, schaffende Urbeit wieder beginne und daß ein einheitlicher, wahrhaftiger Gemeinsinn zwischen Staat und Volk sich entfalte, die schwierigen Uuf- gaben zu lösen, hie uns auf allen Gebieten zu lösen bevor­stehen. Bis dahin müssen wir Daheimgebliebenen dafür sor­gen, daß wir bereit sind, die Heldensöhne würdig und wohl­vorbereitet zu empfangen und daß die Nachrichten, die von der Heimat zu ihnen an die Front gelangen, sie erfrischen und beruhigen, sie ermutigen zu neuen glänzenden Heldentaten.

Bei aller Unerkennung der Generalkommando-Erlasse und aller organisatorischen Befähigung unseres Volkes ge­nügen die Zwangsverordnungen und Sicherheitsmaßnahmen allein nicht. Ulle Tüchtigen müssen an der Erziehung und Veredelung der Schwachen und namentlich unserer'Jugend mitarbeiten. vaterlandslose Selbstsucht und niederträchtige Habsucht dürfen nicht mit Kopfschütteln hingenommen werden. Ulle sind berufen und verpflichtet, offen und laut aufzutreten gegen diese Sippen und sie fühlen zu lassen, wie verächtlich sie sich machen als Ungehörige des deutschen Volkes, daß sie unwürdig sind des deutschen Namens, wenn in diesem Sinne alle Berufenen an die Urbeit gehen, dann wird es ge­lingen, allenthalben Ernst und würde zu wahren, deren unsere schwere, aber auch große Zeit dringend bedarf.

Erinnerungen einer alten Männer.

von Generalarzt a. D. Dr. Otto Kappesser in Darmstadt.

25. Der J u g e nh e i m er *) Tintenkrieg.

Verklungene Glocken.

Draußen glüht der hohe Sommer. Träumend unter Blütenhallen Ruht der wegemüde Wandrer. ° Aus dem laubverhüllten Moder Ragen moosversunkne Steine, Weltvergessen, unbesungen.

Goldne Sonnenstrahlen tanzen Mit des Sommers froher Jugend. Durch die heil'ge Waldesstille Zieht geheimnisvolles Raunen,

Und dem Wandersmann erklingen Alle, langvergessne Lieder.

Gerne kehren in dieser Zeit schwerster Not meine Ge­danken in jene längstvergangene Tage zurück, da die Mensch­heit noch nicht ahnte, welch Furchtbares noch über sie kom­men werde, und ist es daher dem Leser wohl nicht zuwider, einmal wieder harmloses zu hören von der Zeit, da es noch Kriege gab, deren man sich weniger mit Schaudern erinnert, habe ich doch schon früher geduldigen Lesern berichtet vom Spatzenkrieg und was damit alles zusammenhing. Und so will ich auch heute wieder von einem Krieg berichten, den die Geschichte lang vergessen, da nicht Blut noch Tränen seine Wege netzten, der aber doch auch eine Seite füllt in der Ge­schichte meiner lieben alten Heimat.

Es ist jetzt auch wieder mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen, seit ich noch einmal, wie einst vor 72 Iahren als Guck in die Welt meine Blicke schweifen ließ von dem höchsten Punkt des Donnersbergs nach Süd und West über die wogen­den Wipfel seiner Uhornwälder und nach Nord und Ost bis zu den Bergen jenseits des Nheins über die Städte und das

*) Jugenheim, Kr. Bingen, wo ich vor jetzt 86 Jahren zum erstenmal die Welt befchrien und ihr zugleich die Zähne gezeigt habe (die mich jetzt treulos verlassen). Anmerkung der Red. Der Herr Ver­fasser wird am 4. Juni 86 Jahre alt. wozu wir ihm von Herzen Glück wünschen.