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so geliebten Tanten waren sämtlich nie verheiratet gewesen, dies erschien uns als ein ganz besonderer Vorzug, denn die Respektsperson sank dadurch einerseits entschieden etwas herab, andrerseits gewann sie an vertrauen, was sie wiederum auf einen ungleich höheren Platz in den Binder- Herzen erhob.
IDenn es mir nun scheinen will, als gäbe es heutigen Tags gar nicht mehr diese unverheirateten, älteren Tanten in solcher Zahl wie damals, ja, sie scheinen mir jetzt wirklich eine Ausnahme zu bilden, so freut es mich doch für die Kinderwelt und die Jugend, daß es immer noch Tanten gibt und geben wird.
Uuch meine ich, es sei ihnen eine ganz besonders schöne und lohnende Tätigkeit zugewiesen, nämlich die: zu vermitteln und ausgleichend zu wirken. Tin jeder, der Binder liebt und sie beobachtet, weiß, daß es im Kinderleben Momente gibt, besonders bei der Heranwachsenden Zugend, die durchaus nicht mehr gern sich zu den Kindern rechnen lassen mochte, wo sie mit sich selbst nicht recht zu Bande kommen, wo eine unerklärliche Scheu sie daran verhindert, selbst in das Herz der geliebtesten Mutter ihr^n Kummer auszuschütten.
Selbft wenn die Tante recht jung ist und noch gerne mit den Kindern spielt und lacht, so wird deren Liebe für sie nur zunehmen, wenn ihren Kümmernissen Verständnis entgegengebracht wird und sie herausfühlen können, daß eine denkende Seele hinter dem Frohsinn zu finden ist. Vas leicht empfängliche Kinderherz sehnt sich ganz unbewußt nach etwas, das es den weg aus dem Sichtbaren in das Unsichtbare zu führen vermag.
Buch ist die Jugend mitunter sehr einsam, fühlt sich auch wohl unverstanden,' — ebenso ist grade in der heutigen Zeit die Macht des Bösen so erschreckend fühlbar und sichtbar, daß es unser aller Bestreben sein muß, der Heranwachsenden Generation Freundin zu werben, und es darf uns nicht verdrießen, wenn wir nicht sogleich Erfolge sehen. Buch die Tante muß Geduld haben und versuchen, ihren Verkehr mit der Jugend zu einem für beide Teile segensreichen zu gestalten.
3ch selbst, die ich für viele „Tante" bin, mit denen mich keinerlei Verwandtschaftsbande verknüpfen, bin stolz auf diesen Titel. Meine Familie wächst damit ins Ungemessene, und mein Leben wird reicher und wärmer. Sie alle trage ich mit ihren Freuden und Sorgen, soweit ich diese kenne, vor Gottes Thron und kann dabei nur hoffen, daß so manche dieser jungen, zum Teil auch schon recht bejahrten Seelen, den weg zur Heimat finden und damit die unsichtbare Macht des Guten stärken und mehren möge! Baronin U.
Gietzen vor hundert Jahren.
(Schluß.)
6. Lebensmittelstreise.
Tine Frage, die uns jetzt sehr beschäftigt, ist die nach den Preisen der unentbehrlichsten Lebensmittel. Diese sind in der Kriegzzeit bei uns wie bei den Staaten, die mit uns im Kampfe stehen, sehr in die höhe gegangen. Uber auch früher gab es hier schon ein Bus und Bb, und unsere Vorfahren hatten mit denselben Nöten zu ringen wie wir. Gerade die Jahre, die wir hier im Buge haben, die Jahre 1816 bis 1818, brachten ein rasches Unsteigen der Brotpreise. Bekannt- lich brachte das Jahr 1816 eine Mißernte, wie sie das deutsche Volk seither glücklicherweise nicht mehr erlebt hat,' diese Mißernte war die Ursache der hohen Preise.
Un der Hand der uns vorliegenden Tabellen veröffentlichen wir hier die Preise in der genannten Zeit, jeder unserer Leser wird ja diese Preise mit. den heutigen vergleichen. Im Beginn des Jahres 1816 kostete in Gießen das Pfund: Ochsenfleisch 11 kr. 2-pfg., Kühfleisch ho heißt es in der Uufstellung> 9, 2, Nindfleisch 8, 2, Kalbfleisch 7, 2, Schweinefleisch 12, Hammelfleisch 8, 2, Leber- und Blutwurst l2, geräucherte Wurst 16, geräucherter Spickspeck 24, geräucherter Schinken 18, Nierenfett 22, Schweinefett 24 Kreuzer. Die Maß Milch kostete 8 Kreuzer. Für Bäckerwaren hatte man eine andere Urt der Preisbestimmung, es wurde nämlich nicht bestimmt, was das Pfund kostete, sondern wieviel man von der betreffenden Ware für einen Kreuzer bekam. So bekam man im Unfang des Jahres 1816 für einen Kreuzer 13 Loth 3Vj Ouentchen Schwarzbrot, 7, 1 weck, 6, 1 Milchbrot,
3, 2V* Butterbretzeln, 10, 2 1 k Taigscher (ein mürbes Gebäck).
Fleisch und Fett stiegen auch im Sommer 1816 nicht erheblich im Preise, aber nach der Mißernte gingen die Bäckerwaren ganz gewaltig in die höhe. Die Gießener Preisliste macht bekannt, daß man am 3. Uugust 1816 bekam für einen Kreuzer 7 Loth Z 1/2 Ouentchen Schwarzbrot, 5, 2\k weck,
4, 2 1 ; Milchbrot, 2, zy± Butterbretzeln, 6, 3 Taigscher.
Naturgemäß sind nach schlechten Erntejahren die Brotpreise im Frühjahr und Vorsommer des nächsten Jahres am höchsten,' denn die geringen Vorräte des vorhergehenden Jahres sind aufgezehrt, und neuer Vorrat ist noch nicht da. Bei den ungünstigen Verkehrsverhältnissen der alten Zeit war es auch kaum möglich, aus anderen Ländern, die eine besssere Ernte gehabt hatten, Getreide nach Deutschland zu bringen. So waren die Preise im Juni 1817 recht hoch. Man bekam für einen Kreuzer 5 Loth Schwarzbrot, 2, 31/2 weck, 1, Z l / 2 Milchbrot, 1, 3% Butterbretzeln, 3, 3 3 /i Taigsscher. Uber nach der sehr ergiebigen Ernte des Jahres 1817 sanken die Preise sofort So bekam man Ende September des genannten Jahres für einen Kreuzer 6 Loth 2\\ Ouentchen Schwarzbrot, 4, 3 weck, 3, 3 Milchbrot, 2, IV 2 Butterbretzeln, 5, 2 1 / 2 Taigscher.
3n dieser Zeit werden die Gießener sich oft mit Bedauern der niedrigen Preise der früheren Jahre erinnert Haben; denn auch im Spätherbst des Jahres 1818 waren die Preise, die man zu Beginn des Jahres 1816 gezahlt hatte, noch nicht erreicht. Man bekam für einen Kreuzer 8, N /4 Schwarzbrot,
5, 1*4 weck, 4, 1% Milchbrot, 2, 2 V 2 Butterbretzeln und
6 , 31/4 Taigscher.
3m Preise gestiegen war auch das Ochsenfleisch, es kostete Ende 1818 12 Kreuzer, Schweinefleisch 16, Schweinefett 30 Kreuzer.
Uber wie gering waren diese Preise, wenn man die heutigen dagegen hält, wobei man auch bedenken muß, daß früher das Geld viel mehr wert hatte als jetzt. Möge es uns jetzt ein Trost sein, daß wie alles in dieser Welt auch die teueren Preise vorübergehen! H. B.
Lin ernster Mahnruf.
(Schluß.)
3ch stelle folgendes gegenüber: Musikveranstaltungen am Nachmittag in den Kaffeehäusern, wo ausgeputzte Frauen, Mädchen und Kinder, gepaart mit leichtsinnigen Lebemännern, um teuren Preis in Ueppigkeit schwelgen. Uuf der anderen Seite die 4000^ bis 5000 Kriegerfrauen und Kleingewerbetreibenden, die sich an jedem Markttag in den frühesten Morgenstunden, schon von 1 Uhr ab, am Viktualienmarkt ansammeln, um am nächsten Morgen in der Freibank ein


