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Nr. 22. Bietzen, Sonntag Exaudi, den 4. Juni 1916. 5. Jahrgang.

Line perle aus dem deutschen Sprachschatz.

Psalm 65, 10. Du suchest das Land heim, wir Deutschen haben ein wunderbares Wort, das, ebenso wie das Wort Gemüt, keine andere Sprache in seiner Ureigen- heit aufzuweisen vermag: das Wort Heimsuchung, wenn man sagen darf, daß der Charakter eines Volkes am Reichtum seines Sprachschatzes gemessen werden kann, so weist der unsrige, wie auch aus diesem Beispiel wieder erhellt, eine Verinnerlichung auf, die von den Tieferblickenden anderer Völker stets an uns als besonderes Wertkennzeichen hervor­gehoben worden ist. Dieser Wesenszug steht im innigen Zu­sammenhang mit dem Christentum. Nicht bloß in dem Sinne, wie wir Deutschen uns zu ihm im Lauf der Geschichte stellten, sondern auch, wie es sich, so zu sagen, zu uns stellen konnte. Nur aus einem Volk, in dem des Christentums geheimste und heiligste Kräfte sich geltend zu machen vermochten, konnten Worte wie Gemüt und Heimsuchung, mit all der Innerlichkeit und Vertiefung, die in ihnen liegt, sich entwickeln. Rankt sich im Gemüt, bewußt oder unbewußt, eine Kraft der Seele zu Gott empor, sjo senkt sich in der Heimsuchung die Heiligkeit Gottes auf die Menschen- und auf die Volkerseele herab. Der Rllmächtige selbst sucht uns in dem auf, fast persönlich, was uns wohl das Teuerste auf Erden ist, in unsermheim". Rn der Stelle, wo unsere Persönlichkeit sich recht eigentlich und vollnatürlich ausprägt. Und dann gemahnt das Wort Heimsuchung an das erhabene Erlebnis des Moses auf dem Rerge Sinai, dem ein Karl Gerok so unerreichten Rusdruck gab:

hier fühlt mit tiefem Reben Das Menschenkind sein Nichts,

Und ihm zu häupten schweben Die Rdler des Gerichts."

Es hat Zeiten in unserm deutschen Volk gegeben und sie sind keineswegs lange her da es von jenem Wort in seinem Sprachschatz fast nichts mehr wußte. Es ging uns äußerlich zu gut. Wohl machten sich beim Einzelnen wie in der Rllgemeinheit wachsende Schäden und innere Nöte gel­tend, herausgeboren aus oem Todfeind jeden edlen Menschen­tums, dem Egoismus, aber, wenn auch viel davon gesprochen und von getreuen Eckarten davor gewarnt wurde : ein Wandel im Ganzen wurde nicht erzielt! Nun ist sie da, die

Zeit der Heimsuchung, im Weltkrieg! Und jeder feile Spott, als handle es sich bei dieser Ruffassung um Finster- lingsfrömmelei, fällt höchstens auf die Spötter zurück! Rber wenn wir dies allerwichtigste Erlebnis der Zeit, wichtiger als alle Schrecken und alle Größe des Krieges, recht erfaßt haben, dann liegt in dem Wort Heimsuchung doch auch ein wunder­barer Unterklang des Trostes, den eben nur unser deutsches Dhr zu hören vermag. Den geheimsten Sinn aller Heim­suchung offenbart nämlich doch das Wort:Ich bin barm­herzig, spricht der Herr, und will nicht ewiglich zürnen. Rllein erkenne deine Missetat, daß du wider den Herrn, deinen Gott, gesündigt hast." Und dann, wenn dastrotzige und verzagte Ding", das Menschenherz, dieser tiefsten Wirkung aller Heimsuchung sich gebeugt hat, dann kommt auch ein neues, großes Erleben hinzu, das Wort Jesu:wahrlich, wahrlich, ich sage euch: wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben." Dem öffnet sich die Vorahnung eines neuen, herrlichen Pfingsten, weil er es nun erlebt hat:

Und hast du deine Knie Rm Sinai gebeugt,

Dann nimm den Stab und ziehe, wohin der Engel zeigt,

Zeuch auf der Sehnsucht Flügel weit über Tal und höhn,

Ris du den Gnadenhügel von Golgatha gesehn!

Die Tante.

In meinem letzten Rrtikel versuchte ich, den lieben Lesern all den Segen vor Rügen zu führen, der in der Tätigkeit und dem wirken der Mutter liegen kann, heute nun möchte ich einer anderen Frauengestalt in unserm Familienleben nicht nur gedenken, sondern auch ihr zu der Würdigung verhelfen, die sie verdient. Ich meine hiermitdie Tante" !

Denke ich weit zurück in die Zeit meiner Kinderjahre, so kann ich nur aus Erfahrung sagen, daß von allerlei Tanten mir viel Gutes kam, daß Tantenbesuche in meinem Eltern­hause bei mir und meinen zahlreichen Geschwistern stets die größte Freude hervorriefen und von uns ebenso sehnsüchtig er­wartet, als mit Redauern scheiden gesehen wurden. Diese