Nr. 21. (Ziehen, Sonntag Rogate, den 28. Mai 1916. 5. Jahrgang.
Himmelfahrt.
Psalm 29, 10. Der Herr bleibt ein König in Ewigkeit, von Generalsuperintendent E). Klingemann- Toblenz.
Jesu Himmelfahrt bedeutet seines Erdenwerkes Vollendung und zugleich die Krönung seiner Person. Der Herr ist König! vom Fimmel auf die Erde klingt der Triumphgesang: „Nun ist das heil und die Kraft und das Neich unsres Gottes worden, und die Macht seines Christus, weil der Verkläger unsrer Brüder verworfen ist, der sie verklagte Tag und Nacht vor Gott." Wenn die Worte im Tongewand unseres Johann Sebastian Vach erklingen, dann ist's, als gäbe die Trde dem Himmel den Jubel zurück, den sie von ihm empfangen.
Der Herr ist König! Damit bekennen wir den Glauben an das Himmelreich, das er verkündet und aufgerichtet hat. Vas Neich Gottes, das Himmelreich ist der leitende Gedanke, der große Inhalt der Frohbotschaft Jesu, und doch versagen unsre Begriffe, wenn wir diesen Gedanken in Worte kleiden, das Wesen dieses Neiches zu bestimmen versuchen. Ewig ist es und ragt doch in diese Zeit hinein, jenseitig und doch im Diesseits erschienen, vollkommen und doch hier auf Erden mit Unvollkommenheit behaftet, ein Reich des Friedens ist es und enthebt uns dennoch nicht des Streites. vom Himmelreich redet Jesus als von unsres Herzens gegenwärtigem Besitz und lehrt uns doch dieses Reiches und seiner Vollendung hoffen,' wir dürfen im Reich Gottes leben und sollen doch ins Reich Gottes kommen.
Da sind wohl Widersprüche, aber sie losen sich uns im Glauben. Venn alles, was uns Gegenstand des Glaubens ist, muß nun einmal über der erfahrungsgemäßen Wirklichkeit stehen, wo alles unserm Denken, unserm Erkennen sich fügen wollte, würde es des Glaubens nicht bedürfen, „wir sind" — so sagt uns Paulus - „wohl selig, doch in der Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man siehet, ist nicht Hoffnung,' denn wie kann man des hoffen, das man siehet?" Über wir leiden wohl an den Widersprüchen zwischen Glauben und Wirklichkeit, weil damit immer etwas von menschlicher, von eigener Unzulänglichkeit uns aufgedeckt wird. Und das gehört zum besonderen Leiden dieser gewaltigen Zeit, daß wir um Gottes Reich Sorge tragen. Nicht als könne das Reich, an das wir
glauben, das der ewigen, unsichtbaren Welt angehört, Gegenstand unserer Sorge sein. Über der Glaube selbst geht durch schwere Rnfechtung hindurch, weil die Geschehnisse dieser Zeit uns immer wieder im Gegensatz zur Herrschaft Gottes erscheinen wollen. Wir redeten gern und dankbar von einem Jahrhundert der Mission, wir meinten von der die Völker verbindenden Kraft gemeinsamer Rrbeit für Gottes Reich etwas zu spüren. Und nun ist so unendlich viel zerstört, nun sind wir so weit hinter ein scheinbar nahes Ziel zurückgeworfen worden! Und der Krieg selbst, der erbitterte, auf Vernichtung zielende Kampf eben der Volker, die in der Christenheit die führende Stellung einzunehmen berufen waren, ist er nicht ein harter Widerspruch gegen die Herrschaft Gottes, wie Jesus sie verkündet hat? Vas maßlose Leid, das im Gefolge des Krieges einherschreitet, muß es nicht am Glauben selbst, am vertrauen auf den Gott der Liebe irre machen? Und wo man gar den Fortschritt der Menschheit, die Kultur, die Beherrschung der Uaturkräfte als die eigentliche Offenbarung der Gottes- Herrschaft in Rnspruch nahm, da erlebt solche Kulturseligkeit den völligen Zusammenbruch ihres Lieblingsgedankens, da muß sie den Fortschritt, Forschung und Wissenschaft im ausschließlichen Dienst der Zerstörung tätig sehen.
Ist in solcher Zeit für Gottes Reich überhaupt noch Raum? — Über es ist uns doch gerade jetzt der Himmel, die Hoffnung des ewigen Lebens unentbehrlicher als je. Es sehnt und streckt sich unser Herz nach der Gewißheit, daß über der Herrschaft des Todes, die um uns her sich breitet, das Reich Gottes als Wirklichkeit vorhanden ist. Diese unentbehrliche Gewißheit haftet an Jesu vollendeter Person, an seinem königlichen Rmt. Ruch seine Vollendung geht aus Streit und Widerspruch hervor, auch hier begegnen UNS die Gegensätze, die nur der Glaube überwindet, was kann nach menschlichem Maß und Urteil sinnloser erscheinen als der Rnspruch eines am Kreuz gerichteten, in Hilflosigkeit gestorbenen Mannes auf ewige Herrschaft und Herrlichkeit? Der Glaube aber erfaßt über solchem Widerspruch das Urteil Gottes, jene göttliche Torheit, von der uns der Rpostel sagt, die weiser denn die Menschen ist, die göttliche Schwachheit, die stärker ist, denn die Menschen sind.


