- 74 —
die Menschen voneinander. Zwar seien die Bibelgesellschaften keine greuliche Erfindung, keine Pestilenz und Gottlosigkeit, wie die päpstliche Bulle vom 26. Juni 1816 behaupte, aber mit dem besten Willen vermochten sie nicht mehr zur Bettung alz zum verderben zu tun. Erfreulicherweise fand sich alsbald ein anderer Einsender, der diesem oberflächlichen, unverständigen Urteile kräftig widersprach.
4. Wie man in alter Zeit reiste.
Gießen ist heutzutage eine Stadt, in der wichtige Eisenbahnlinien zusammenlaufen. 3n der kürzesten Frist kann man mit den Schnellzügen von hier aus nach jeder Bichtung reisen. Zn der Zeit, in der es noch keine Eisenbahnen gab, war das Ueisen weit beschwerlicher. Man war für größere Strecken auf die Post angewiesen oder mußte sich selbst eine Fahrgelegenheit verschaffen. Kls der Professor Vahrdt 1771 von Erfurt nach Gießen kam, ließ er sich einen Beisewagen bauen, mit dem er vier Tage unterwegs war und der unterwegs einmal einen Kbhang hinunterstürzte, so daß die kleinen Binder des Gelehrten vor Schrecken weinten. 2m Jahre 1816 suchte man, wenn man sich einen Beisewagen verschafft hatte, die nötige Zahl der Insassen zusammenzubekommen. S'o sagt ein Inserat vom Jahre 1816: ,,In einem gut bedeckten Wagen, welcher Montag früh nach Darmstadt fährt, können noch einige Personen Platz haben. Erkundigungen hierüber sind bei Ausgebern einzuziehen." Statt ,,bei Ausgebern" sagt man heute ,,bei der Expedition des Blattes". Eine andere Knzeige dieser Krt lautet: „Zwei Männer, welche die Frankfurter Messe besuchen und den zweiten Osterfeiertag von hier in einer Thaise dahin abreisen, suchen noch einige Beise- gesellschafter. Man kann das Nähere bei Kusgebern erfahren."
In der Zeit, ehe Eisenbahnen gebaut wurden, wurde der Personen- und Güterverkehr hauptsächlich „per Kchse", wie der landläufige Kusdruck lautete, befördert. Die Fuhrleute hatten viel zu tun. Wenn sie Waren transportierten oder ^u den Märkten fuhren, so erledigen sie auch Nusträge, die man ihnen nebenher übergab. Sie überbrachten Briefe und kauften für ihre Kuftraggeber ein. In den Zeitungen gaben sie bekannt, wo sie zu treffen waren und wann sie ihre Fahrten machten. Botenfrauen vermittelten den Verkehr von Dorf zu Dorf. Kn diese alte Zeit wurde ich erinnert, als ich im Sommer 1915 zu Oberwiesen in der Bheinpfalz Bayern eine Frau aus Kriegsfeld traf, die in Botengängen regelmäßig nach den benachbarten Dörfern geht, da in dieser eisenbahnlosen Gegend der Verkehr durch die Post sich nicht schnell genug vollzieht.
Km 14. September 1812 war das Postwesen in Hessen neugeordnet worden. Diese Verordnung gewährt uns einen Einblick in die Krt, wie man damals reiste. Line große Bolle spielten die Posthalter, die brauchbare Pferde und wohl- „konditionierte" Thaisen zu unterhalten hatten. In der erwähnten Verordnung wurde ihnen ausdrücklich zur Pflicht gemacht, „sich gegen die Beisenden eines höflichen und gefälligen Betragens zu befleißigen und auch ihre Leute hierzu streng anzuhalten". Es scheint sonach nicht überall liebenswürdige Posthalter gegeben zu haben. In jedem Poststall sollte nachts eine Laterne brennen und ein Postillion sollte Wache halten, damit die Beisenden nicht zu warten brauchten. Kuf Hauptstraßen sollten Extraposten längstens in einer Viertelstunde, Kuriere und Stafetten innerhalb 10 Minuten befördert werden. Die postknechte sollten nicht dem Trunk ergeben sein, ein betrunkener Postillion müsse sofort durch
einen nüchternen ersetzt werden, nur mit Bewilligung des Beisenden durfte er, wenn er im vorderen Teile des Wagens saß, Tabak rauchen. Man unterschied ganz gedeckte, geschlossene Beisewagen und nicht gedeckte, offene Postchaisen. Kuf den Stationen wurde der Wagen öfters geschmiert, die Taxe bestimmte 12 kr. für das Schmiergeld, hiervon mag sich wohl das Sprichwort ableiten: „Wer gut schmeert, der gut fährt." Kuch das Trinkgeld des Postillions wurde genau abgegrenzt.
Wie langsam im vergleich zur Gegenwart sich damals der Verkehr abwickelte, erhellt aus der Tatsache, daß im Jahre 1819 ein Brief von Halle a. S. nach Mainz normalerweise vier Tage unterwegs war.
Dem Warentransport und dem Personenverkehre dienten auch die Marktschiffe. So ging täglich ein Marktschiff von Mainz nach Frankfurt und zurück, ein zweites von Frankfurt nach Mainz und zurück. Den Verkehr auf dem Bheine vermittelte auch eine „Wasserdiligence", also ein schnellfahrendes Schiff. Die Dampfschiffahrt war damals noch in ihren Knfängen. Die Mainzer Zeitung meldete, daß man am 12. Juni 1816 das nie dagewesene Schauspiel gesehen habe, daß ein ziemlich großes Schiff ohne Mast, Segel und Buder sehr schnell den Bhein heraufgefahren sei. Dieses Schiff sei ein von London nach Frankfurt gehendes englisches Dampfschiff gewesen, vielen erschien der Dampfbetrieb damals als eine sehr bedenkliche Sache. Lin Ueberängst- licher meinte, „man solle das eigentliche Dampfbetriebe in einem besonderen kleinen Fahrzeuge, gehörig entfernt vor das eigentlich Schiff, spannen, wie ein übermächtiges Boß". Im Jahre 1825 ist das erste Dampfschiff auf seiner Probefahrt von Köln nach Mainz gekommen.
Das Beisen vollzog sich damals in voller Geffentlichkeit, insofern alz die Zeitungen unter der Ueberschrift „Lin- und Kuspassierte" die Namen ber in der Stadt abgestiegenen Fremden mitteilten. Das mag in Gießen die Neugier mächtig angeregt haben. Gasthäuser in Gießen, in denen damals Fremde abstiegen, waren: „zum Einhorn", „zum Bappen", „zum Schwanen", „zur Post", „zum Löwen", „zum grünen Baum" und „in der Sonne", von diesen existieren heute nicht mehr die Gasthäuser „in der Sonne" (stand in der Sonnenstraße und gab dieser den Namen) und „zum grünen Baum". Km 25. Kugust 1816 beherbergte Gießen einen hohen Gast, nämlich den Kronprinzen von Schweden, in seinen Mauern, er wohnte in der Post. Kber auch die Fremden, die bei Privatleuten und bei Freunden und Verwandten abstiegen, wurden in der Zeitung unter der Bubrik „Kngekommene Fremde außer den Wirtshäusern" aufgeführt. So wissen wir heute noch, daß am 28. Kugust 1817 die Jungfern Friederike und Kmalie Nebel aus Darmstadt bei der verwitweten Frau Professor Nebel abgestiegen waren, daß die Jungfer Neurath aus Königsberg bei der Frau> Steuerexäquator (übrigens ein schöner Titel!) Binßer und der Kaufmann Busch aus Marburg bei Martin Bücking logierten. Eine glückliche Zeit, in der man sich in der Kleinstadt noch für dergleichen Dinge interessierte!
(Fortsetzung folgt.)
Sine Amerikanerin gegen den Nrieg.
Kn den Kriegshetzer Präsident Wilson richtet in den Evening Times aus Bochester S. Knnie Daehn folgenden Krtikel, dessen Original einem Gießener Bürger dieser Tage als Zeitungsausschnitt aus Kmerika zugesandt wurde und der in wortgetreuer Uebersetzung folgendermaßen lautet:


