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Honntagsgrus;

Gemeinöeblatt sürüie evangelische Kirchengemeinoe

Gieszew

Nr. 19.

Bietzen, Sonntag Jubilate, den 14. Mai 1916.

5. Jahrgang.

Leben.

Evangelium des Johannes 17, 3. Das aber ist das ewige Leben, daß

sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt

hast, Iesum Christ, erkennen.

Neues Leben regt sich in diesen Tagen im deutschen Lande, wunderbar herrlich ist der Frühling aufgeblüht. wohin wir unsere Nugen richten, Wachstum und Gedeihen. Tine Fülle von Blüten leuchtet uns in Garten und Feld ent­gegen. wenn di- Kinder vom Walde heimkehren, so tragen sie Maiglöckchen in den Händen. Die Bäum« sind dicht be­laubt, und wenn uns nicht alles täuscht, so werden wir in diesem Jahre eine reich« Trnte haben. Unter dem Lindrucke der Naturlebens regt sich auch im M-nschenherzen Lebens­sehnsucht und Lebensgefühl. Vie Zeit ist da, da man wandern möchte über Berg und Tal, da man hinaufsteigen möchte auf alte Burgen, da man alte, deutsche Städte sehen möchte, wo der Geist einer großen Vergangenheit lebendig ist. vie. Zeit ist da, da man durch trauliche deutsche Dörfer wandern möchte, um das fromme, fleißige Leben dort zu beobachten. Nll das Ldle in Kunst, Geschichte, Menschen- und Naturleben spricht in schönen Frühlingstagen vernehmlicher zu unseren Kerzen als sonst.

Dennoch kann wahre Lebensfreu.de jetzt nicht in uns hochkommen. Es ist uns zumute, als hätten wir kein Necht mehr zu dieser Freude, da so viele Lebenswürdige, Lebens­mutige in den beiden letzten Jahren aus unserer mitte, aus dem Lande der Lebendigen hinweggerissen worden sind. Sie hätten alle noch so gern gelebt, die auf den Schlachtfeldern gefallen sind. Hls Schiller jung gestorben war, hat Goethe zehn Jahre später in der Nückerinnerung an den Eindruck, den das schmerzliche hinscheiden seines Freundes auf ihn gemacht hatte, gesagt: ,,Den Lebenswürd'gen soll der Tod er­beuten, ach! wie verwirrt solch ein Verlust die Welt! sehn­liche Empfindungen bewegen uns zu dieser Zeit. Viele unfrei Gefallenen kannten das Leben noch gar nicht, sie sind als halbe Binder da draußen gestorben, alle hatten noch so viele Pläne für die Zukunft, waren noch so sehr notwendig auf Erden, den Ihrigen eigentlich unentbehrlich, wieviel edle Manneskraft hat uns dieser furchtbare Krieg geraubt! Nun ruhen die Tausende deutscher Männer und Jünglinge in fremder Erde, in Galizien und Nordfrankreich, in Flandern

und Polen und auf dem Grunde des Weltmeeres. Sie sehen nicht mehr den deutschen Frühling, sie pflücken keine Blumen mehr im deutschen Walde, sie grühen die Heimat nicht m:hr mit jauchzendem Gesang, sie halten nicht mehr Zwiesprache mit Vater und Mutter, mit Ehegattin und Kindern, das Leben ist für sie verklungen mit Lust und Leid, mit Arbeit und Familienfreude.

Wahrlich, wenn wir von keinem anderen Leben wüßten, als von diesem zeitlichen Leben, wir müßten jetzt verzweifeln und verzagen, wir hätten nicht mehr den Mut, weiter zu leben, zu wirken und zu schaffen. Nber gottlob, dieses zeit­liche Leben ist nicht das Einzige und Veste. Das allein wahre, das ewige Leben, ist, wie der Heiland gesagt hat, daß wir den Vater im Himmel, daß er allein wahrer Gott ist, und den er gesandt hat, Jesum Thristum, erkennen. Zn Gott allein gewinnen wir jetzt Festigkeit, nur wer mit Jesus im Bunde steht, sich von ihm erlöst weiß und deshalb an ihn glaubt, in ihm seinen Vetter und Heiland sieht, der kann in dieser wildbewegten, leidvollen Zeit ausharren. Nur im Glauben gewinnen wir Mut und Kraft, jetzt unsere Schuldigkeit zu tun. Es ist nicht mehr alz natürlich, als daß die hochfliegende Begeisterung der ersten Kriegswochen vorüber ist. Sn den Ge­setzen, die das menschliche Seelenleben bedingen, liegt es be­gründet, daß solche Erregungszeiten, wie man sie im guten Sinne nennen kann, alsbald wieder vorübergehen. Nber an die Stelle der Begeisterung sind nun das Pflichtgefühl und die Nusdauer getreten. Pflichtgefühl und Nusdauer aber wachsen nur aus dem Glauben hervor. Lasset uns feststehen im Glau­ben, dann werden wir auch über diese schweren Tage hin­wegkommen und die Kraft haben, zu tun, was Gott von uns fordert. _ h- B.

Gietzen vor hundert Jahren.

(Fortsetzung.)

Wie wenig Verständnis man damals noch für diese heilige Sache hatte, geht aus einer Nuslassung hervor, die ich im Jahrgang 1817 derMainzer Zeitung" gefunden habe. Dort urteilte ein Einsender, die Bibelgesellschaften hätten keinen Wert, das reine Thristentum sei die höchste Humanität. Diese Wirkung hätten die heiligen Bücher nicht, sie trennten