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ganze Zauber mußte ja den Leuten unheimlich imponieren. Ls gab dann einige höchst peinliche Entlarvungen von berühmten „Medien", ältere Leute entsinnen sich dessen vielleicht noch,' in Men z. B. fiel 1884 ein gewisser Bastian vor dem Erzherzog Johann, in München ein gewisser Eglinton, Florence Lorner in London, anderorts noch mancher andere, mit seinem Zauber böse hinein, der Helle Betrug kam ans Licht, von „Geist" keine Spur! Doch hinderte das alles nicht, daß die spiritistischen „religiösen" Offenbarungen usw. eine Zeitlang reißenden Rbsatz fanden. Um 1890 gab es in Berlin Hunderte von Medien. Die Blütezeit des Spiritismus in Deutschland ist nunmehr jedoch längst überstanden, es gibt noch okkultistische Konventikel hier und da, doch hörte man von der ganzen Bewegung immer weniger, in letzter Zeit so gut wie gar nichts mehr. Gott sei Dank.
Jetzt plötzlich flattern nun an vielen Orten wieder Bücherzettel umher, die mit der alten Aufdringlichkeit die Reklamepauke rühren für neue S p i r i t i ste n l it e r a t u r. „Die Toten leben!" „Eigene Erlebnisse von G. Spannender als der spannendste Roman . . . Der Tod ist unerbittlich . . . und rafft uns und unsere Lieben . . . erbarmungslos dahin. Dieser brutalen Tatsache stellt der Verfasser den sicheren Beweis gegenüber, daß wir sofort . . . persönlich weiter-, leben mit einem wunderbar organisierten Körper von ätherischer Feinheit. Ja, er beweist'noch mehr, nämlich, daß die Rbgeschiedenen ... sich sichtbar machen können, daß sie in unsere Welt einzugreifen vermögen, und daß sie sogar, wenn auch nur für kurze Zeit, sich zu verkörpern imstande sind, anfaßbar und klar kenntlich, als wären sie noch Menschen von Fleisch und Blut. Rlles das und noch mehr beweist der Verfasser, nicht durch leere Behauptungen, nicht durch kirchliche Tröstungen, sondern" . . . usw.
Diese Stilproben mögen hinreichen, die Neuerscheinung zu kennzeichnen: S e n s a t i o n — wie die erdrückende Mehrheit aller spiritistischen Druckschriften! Denn es ist eine abgedroschene Redensart, wenn der besagte Zettel „neue Beweise" verkündigt,' beweisen ließe sich der Okkultismus überhaupt nur durch wissenschaftliche Erkenntnisse, und diese Seite des Spiritismus, die eine Einführung in ver-! zwickteste Probleme der Strahlenforschung voraussetzt, ist den philosophisch ungeschulten Köpfen einer breiteren Oeffentlich- keit selbstredend von vornherein verschlossen. Das weiß man sehr wohl und wirbt deshalb mit sensationellen Kunststücken statt „Beweisen". Taschenspielerei! Rus jenem Jenseits, aus welchem das Buch eigene Erlebnisse verraten will, ist noch niemand wiedergekehrt, und von dem, was nach diesem Leben ist, wissen wir nichts. D3ir können diesen Dingen nur mit dem Glauben beikommen- einen solchen festen, unerschütterlichen Glauben darüber haben wir Ehristen. Und dieser Glaube, die „kirchlichen Tröstungen", die der Prospekt mit Rchselzucken behandelt, bietet denn doch Tröstlicheres als die Zauberkunststücke der Spirits. Tr sagt uns, daß unsere Dahingeschiedenen nicht „tot" sind, daß sie in Gottes Hut schlafen, ruhen, daß sie „leben", nicht aber von irgend einem Medium bei „fliegenden" Tischen zitiert und auferweckt werden können. Ja, der Glaube lehrt auch uns sogar, daß wir die Toten Wiedersehen werden; d. h., nach dieser Zeit, wenn auch wir einmal eingehen werden in die Ewigkeit, nicht irgend eines Rbends in irgend einem verdunkelten Tanzsaal.
Genug solcher Betrachtungen. Der Spiritismus als „religiöse" Philosophie, als Ehristentum-Ersatz hat heute wohl kaum noch Glück mit seiner Propaganda. Zn dieser Zeit
ganz und gar nicht, was den Geistersehern seinerzeit den starken Zulauf sicherte, ist ja auch nicht allein das Sensationelle seiner Erscheinung gewesen,' es war noch etwas anderes. was, darauf legte Rdolf Ztoecker damals in einer seiner Reichstagsreden sehr richtig den Finger, wenn er sagte: „Die ganze Sache hängt zusammen mit der Neigung unserer Zeit nach dem Rbenteuerlichen und Unnatürlichen. Das Thristentum ist vielen verleidet, verekelt,' nun greisen sie nach dem wunderbaren, das ihnen entgegentritt . . ." Man darf wohl ohne Ueberhebung sagen, daß solche Worte für unsere Zeit nicht mehr zütreffen, und darf sich wohl der Erwartung hingeben, daß sich mit den jüngsten Zähren der Glaubensarmut und Geistesöde auch der kindische Schwarm für so abergläubische Erscheinungen wie Spiritismus und ähnliches verlaufen hat, und daß die neuerlichen Rnstrengun- gen der „Geisterseher" und ihres literarischen Rnhongs keine großen Ueberraschungen für das Thristentum zeitigen werden.
Kleine Mitteilungen.
Rm Karfreitag entschlief der in weiten Kreisen des Hessenlandes bekannte Direktor der Iudenmission, Pastor T. Wag- ner-Köln. Nach bestandenem Definitorialexamen stand er zunächst im Dienste der deutsch-evangelischen Gemeinde zu Budapest,' zugleich war er dort Iudenmissionar. Späterhin weilte er längere Zeit als deutsch-evangelischer Pfarrer in London. Mit unserer Heimat trat er erstmalig in nähere Beziehung als vereinsgeistlicher für Innere Mission in Hessen. Darmstadt war für einige Jahre sein Wohnsitz. Nach nochmalig vorübergehender Rmtsleistung in einem Gemeindepfarramt auf dem Lande widmete er die letzten Jahre seines Lebens dem Westdeutschen Verein für Israel. Mit Missionspredigten und Vorträgen diente er auch in Hessen vielfach den Gemeinden, zugleich mit Israel Goldstern und Pastor Klose-Frankfurt a. M. In ersterem schenkte Gott ihm eine erste Frucht seiner Missionstätigkeit am jüdischen Volk. Noch während der ersten Zeit seines Rufenthaltes konnte Wagner den ehemaligen Rabbinatskandidaten Goldstern aus Lemberg durch das Sakrament der heiligen Taufe in die christliche Kirche aufneh- men. Damit hatte der junge Theologe einen begeisterten Schüler für die Sache des Evangeliums gewonnen. Durch Leiden und viel Trübsale hielt Goldstern unentwegt an seinem Heiland fest, von seiner Jesusjüngerschaft legen beredtes Zeugnis ab die von ihm selbst erwählten Worte auf seinem Leichenstein zu Homburg v. d. höhe: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth." Wagner sollte dem Schüler die Leichenrede halten.
Die Bedeutung Wagners ist nach zweierlei Richtung zu erkennen. Zunächst galt seine Rrbeit, wie die eines jeden Judenmissionares, Einzelnen aus den Juden. Durch Hausbesuche, öffentliche Vorträge für Juden wie Ehristen mit Themen wie: „Neues Testament und Talmud", oder: „Das Rite Testament, seine Hoheit und seine Schranke" u. dgl., Katechumenenunterricht und Briefverkehr suchte er an die jüdische Seele heranzukommen. Um die zersplitterten Missions- Kräfte zu einen, trat Wagner für Zusammenschluß der deutschen Judenmissionsgesellschaften ein. Im Kriege entstanden, soll diese Einigung zugleich eine feste Grenze gegen englische Missionsmethoden in Deutschland bilden. Eine gewisse Einleitung dazu bot das Delitzsch-Jubiläum zu Leipzig 1913, worüber Schreiber dieser Zeilen im „Sonntagsgruß", Jahrgang 1913, berichtete. Erwähnt sei hier im Zusammenhänge noch, daß Wagner von der Universität Erlangen her Schüler


