Ausgabe 
7.5.1916
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Nr. 18. Giehen, Sonntag Misericordias Domini, den 7. Mai 1916. 5. Jahrgang.

Zonnenleuchlen.

- Psalm 84, 12. Gott der Herr ist Sonne und Schild, der Herr gibt Gnade

und Ehre, er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.

Seit dem zweiten Ostertage lacht uns wieder die Sonne. Trübe, regenschwere Tage gingen voraus. Sn der Karwoche war der /Himmel meist grau umzogen; wehender wind, Regen­schauer, die mehrere Male am Tage niedergingen, fliegendes Gewölk, das waren die Kennzeichen dieser Woche. Doch nun scheint die Sonne. Sie leuchtet herab auf Felder und Gärten, an allen Enden regt sich Wachstum und Gedeihen, blitzblank sind die jungen Blätter, und die weißen und roten Blüten senden süßen Lenzesduft. Die Sonne leuchtet herab auf Städte und Dörfer, ihr milder Schein wärmt die Rlten, die mühselig am Stock dahinschleichen und sich freuen, daß sie den Frühling noch einmal sehen dürfen. Die Sonne scheint in die Säle der Lazarette und erfüllt die bleich da liegenden verwundeten mit neuer Hoffnung. Sie lockt und treibt die Kinder heraus aus den Stuben in das Freie, baß sie auf der Straße Ringel­reihen-Rosenkranz singen, sich an den Händen fassen und fröh­lich herumspringen. Sie scheint in die Rrbeitszimmei und Fabrikräume, wo fleißige Menschen tätig sind, sie leuchtet auf den Rsphalt der Großstädte, ihr Schein dringt sogar wenn auch nur für kurze Zeit - in die sonst lichtlosen, rings von hohen Mauern umschlossenen Höfe. Bunte Muster malt der Sonnenschein auf die Steinfließen, wenn er durch gemalte Kirchenfenster dringt. Blendendes Sonnenlicht liegt auf allen unseren wegen, gleitet über die Dächer, läßt Kirchturmkreuze hell erglänzen und Fensterscheiben in roter Glut aufleuchten.

Rousseau hat einmal gesagt, man solle einem kleinen Kinde von Gott kein Wort sagen, wenn es aber zehn Fahre alt geworden sei, solle man es früh vor Tagesanbruch mit auf einen hohen Berg nehmen und ihm dann, wenn der Zonnen- ball im Osten aufschwebe, sagen: Das ist Gott! Selbstver­ständlich ist das ein phantastischer Vorschlag, aber es wiikt in ihm doch eine der ursprünglichsten Vorstellungen des Menschengeschlechtes nach, das, bevor ihm die volle Offenba­rung Gottes in Jesus Thristus zu teil geworden ist, in der Sonne Gott gesehen hat.

Ruch der psalmist fußt in gewissem Zinne noch auf dieser Vorstellung, wenn er sagt: Gott der Herr ist Sonne. Rber wie unendlich tiefer ist doch sein Gottesbegriff! Ihm ist Gott

nicht die allwaltende Naturkraft, sondern der lebendige, per­sönliche Gott, der sich seiner Menschenkinder annimmt, der in Not und Kriegssturm ihr Schild ist, der Gnade und Ehre gibt und kein Gutes den Frommen mangeln läßt, wie trost­reich ist uns diese Zusage gerade in der gegenwärtigen Zeit. Noch immer keine Russicht auf Frieden. Ernst bewegt uns die Frage, ob zu unseren seitherigen Gegnern noch neue hin­zukommen werden!, schwere Opfer müssen noch immer gebracht werden, noch fahren die Lazarettzüge durch das Land, und das Leid liegt wie eine schwere Wetterwolke über dem deut­schen Volke. Rber Gott der Herr ist Sonne und Schild, der Herr gibt Gnade und Ehre, er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen, wie jetzt nach regenschweren Tagen die Frühlingssonne uns leuchtet, so wird sich unser Gott unser nach Monaten der Rngst, Sorge und Not wieder annehmen. Der Herr wird uns helfen, wenn seine Stunde gekommen ist.

_ H. B.

Drei Nriegsgedichte.

1. Psalm 50, 21. 22.

3n London kühn Herr Rsquith spricht,

Herr Sasonow viel Worte bricht,

Herr Briand Siegeskränze flicht. - Der Herr im Himmel schweigt.

wo Menschen reden, bleibt das Tun Ruf ew'gen Händen ganz beruh'n, versiegelt harrt'? in Gottes Truh'n. - Der Herr im Himmel schweigt.

2. was nicht sein sollt, was nicht sein sollt',

Ihr habt's gewollt,

3n sonn'ge Welt brach's jäh zu Tal.

Mit Donnern schwer Blitzsprühend Heer,

Des Lebens Rot, Herzkranke Oual.

Deß ihr vergaßt,

Der wend' die Last,

Dran eine Welt selbst trägt zu schwer!