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Genüssen für unfern Gaumen und unsere Rügen zu haben, daß wir es oft als eine Beeinträchtigung unseres guten Rechts empfinden wollten, fanden wir einmal nicht das Gewünschte.
Ging diese Anschauung nicht durch alle Klaffen, und war sie nicht auch bei allen Lebensaltern zu finden, besonders häufig auch bei jungen Menschen?
Da fragt sich eine nachdenkliche Seele wohl: mußte denn erst dieser Krieg kommen, um uns aus ungesunden Träumen, aus einem gottfeindlichen Leben wach zu rütteln, zur Besinnung zu bringen, bedurfte es dieser Keulenschläge?
Tine Antwort auf solche Frage ist nicht schwer, das tägliche Leben gibt sie uns ungefragt jeden Tag. Und doch kann diese schwere Heimsuchung, deren Ende nicht abzusehen ist, nur dann ihre heilsame Wirkung ausüben, wenn wir wieder beten lernen, bitten lernen um unser täglich Brot und es dankbaren Herzens aus des Vaters Hand nehmen.
Jetzt, wo wir so vieles entbehren müssen, sehen wir erst ein, daß es ohne dieses recht gut geht, daß wir gelernt haben, manches gar nicht zu vermissen. Machen wir es uns nur immer mehr klar, wie bevorzugt wir sind im vergleich zu so ungezählten vielen, denen ihr Haus und heim genommen oder zerstört worden ist, besonders der Gedanke an unsere Gefangenen in der Fremde müßte uns aufrichtig dankbar stimmen.
G möchten wir doch lernen, mit gläubigen Herzen unser täglich Brot aus Gottes Hand zu nehmen, leiten wir doch auch die Kinder dazu an, mit Bitten und Danken es täglich zü empfangen! wir müssen es uns nicht nur zu einer Gewohnheit werden lassen, sondern unsere Herzen müssen lernen, so von Dankbarkeit erfüllt zu sein für allez Gute, das uns geschenkt wird, und es als aus Gottes Vaterhand kommend hinzunehmen, daß, wenn auch einst dieser furchtbare Krieg ein Ende nimmt und wieder bessere Zeiten eingetreten sein werden, wir den Legen dieses Bittens und Dankens nie mehr lassen mögen, sondern als unveräußerlichen Gewinn einer schweren Zeit uns bewahren können. Baronin R.
Gießen vor hundert Zähren.
I. Die Gießener Familien am Rnfang des 19. Jahrhunderts.
Bei geschichtlichen Rückblicken interessieren uns am meisten die Menschen, die früher gelebt haben. Sie haben für uns mehr Interesse als die Kleider, die Bücher, die Geräte, die man in alten Tagen benützt hat, mehr Interesse als alle die Gegenstände, die im Laufe der Jahrzehnte den Motten und dem Rost zum Opfer fallen. So wollen wir auch unsere Schilderung der Zustände, die in Rlt-Gießen geherrscht haben, mit einer Uebersicht über die damals hier bestehenden Familien einleiten, wir gewinnen unsere Rngaben aus den Verzeichnissen der Getauften, Getrauten und verstorbenen, die wir in den Jahrgängen 1816—1818 des Gießener Rn- zeigers (damals genannt „Gießer Rnzeigungs-Blättchen") finden. Leider können Mitteilungen über den Personenstand heute in den Zeitungen nicht mehr veröffentlicht werden. Das ist im allgemeinen wie im geschichtlichen Interesse sehr zu bedauern. Sollen die Menschen Gemeinschaftsgefühl und das Gefühl der Zusammengehörigkeit gewinnen und behalten, so müssen sie über Renderungen in dem Familienleben ihrer Bekannten orientiert sein. Für die geschichtliche Forschung, besonders für die heute so in Blüte stehende Familienforschung ist das Fehlen der Standesamtsnachrichten in den Zeitungen der Gegenwart sehr zu beklagen.
von Familien, die heute noch in Gießen Vorkommen, finden wir in den Jahren 1816—1818 folgende Namen: Vogt, Stohr, Schmall, Spruck, Faber, Kohlermann, Simon, Lehrmund, Lampus, Rinn, Wallenfels (auch Wahlenfels und walenfels geschrieben), Flett, vetzberger, Noll, Möhl, Petri, Leib, weidig, Ferber, Sack, Krailing, Huhn, Jughardt, Loos, Löber, Tbel, Schwan, Sundheim, Reiber, Pistor, Seip und Walther.
viele der heute Lebenden wird es interessieren, über die Veränderungen im Familienleben ihrer Vorfahren etwas zu hören. Rm 51. Dezember 1815 verheiratete sich der Burger (so hieß es damals und nicht Bürger) und Kupferschmied Kon- rad Balthasar Vogt, „Johann Balthasar Vogt, Burgers und Metzgers allhier ehelicher Sohn" mit Philippina, „Johann Peter Stohr, Burger und Wirts allhier ehelicher Tochter". Rm 7. Januar 1816 wurde dem Burger und Hutmacher Peter Schmall ein Sohn Karl Theodor getauft, am 16. Januar dem Burger und perruckenmacher Friedrich Kohlermann eine Tochter Marie Elisabeth Friederike Rugustine Thristine. In den Listen über die kirchlichen Rmtshandlungen wurden folgende Burger verzeichnet: Seifensieder Balthasar Schmall, Rothgerber Philipp Balthasar Simon, Bäcker wahlenfelz, Schuhmacher Friedrich Ludwig Flett, Ehirurgus Kohlermann, gestorben am 10. September 1816, Postmeister Kempf, Metzgermeister Georg Melchior Lonp, Stadtbleicher hilgardt, Bäcker Heinrich Daniel Noll, Metzger Rdolf Möhl, Weißbinder Rnton Petri, Schreiner Peter Lehrmund, Ratzdiener Peter Flett, Speisewirt Konrad Rnton Geißmar, Metzger Matthäus weidig, Sattler Christian Konrad Reiber, Nagelschmied Rn- dreas Noll, Blaufärber Heinrich Jughardt, Gasthalter zum Einhorn Wilhelm Christian Ferber, Küfer Johann Melchior Krailing, Kaufmann Gail, Kaufmann Gottfried Spruck, Hutmacher Philipp Moritz Schmall, Lisenhändler Joseph Markus Flett.
Rm 18. November 1818 wurde in der Stadtkirche ein Mann getraut, der einmicht alltägliches Gewerbe hatte, nämlich der Scharfrichter Philipp North, „weilend Peter North, Scharfrichters allhier ehelicher Sohn". Er heiratete ein Mädchen aus Butzbach, das die Tochter eines Landwehrhauptmanns war. Da glücklicherweise in Gießen nicht allzu viel Hinrichtungen vorkamen, so betätigte sich Philipp North haupt- lächlich als Tierarzt. 1817 veröffentlichte er folgendes Inserat: „Da ich jetzt die Stelle meines verstorbenen Vaters angetreten und mich mit denen Kenntnissen, welche dieses Rmt erfordert, bekannt gemacht, auch die Tierarzneiwissenschaft studiert habe, welches meine Zeugnisse beweisen, so ersuche ich ein geehrtes Publikum, mir bei vorfallenheiten sein Zutrauen zu schenken. Meinerseits werde ich meine Pflichten mit aller Treue und Redlichkeit zu erfüllen mich bestreben und mir die Liebe der Bewohner meiner Vaterstadt sowohl als auch auswärts angelegentlichst zu erwerben suchen." Darunter stand „Philipp North, Scharfrichter und Tierarzt."
Obwohl man damals, unmittelbar nach den Befreiungskriegen, gerade so wie jetzt einen scharfen Krieg gegen die Fremdwörter führte, so gebrauchte man doch allgemein in Deutschland ein der französischen Sprache entlehntes Wort, das leicht durch ein gutes deutsches Wort zu ersetzen war. In den Mitteilungen über die verstorbenen des Jahres 1816 heißt es, daß am 30. Oktober gestorben sei Johann Christoph 5ack, „Marquer im Tlubb". Statt „Marqueur" sagt man heute erfreulicherweise Kellner.


