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Alle Gießener Burger gehörten zur Ltadtkirchen- gemeinde, zur Burgkirche waren nur die Beamten und Mili­tärpersonen eingepfarrt. Diese Gemeinde war nicht sonder­lich groß, aber sie galt für vornehm. Das merkt man an der Titulatur. In den Mitteilungen über die vollzogenen kirch­lichen Handlungen heißt es in.-der Regel, daßdem Burger" R. R. ein Rind getauft worden sei, dagegen heißt esHerrn Geheimenrath und Hofkammer-Direktor Johann Wilhelm Langsdorf eine Tochter Namens Auguste Juliane". Am lo.Juli 1816 wurde in der Ltadtkirche kopuliertder Burger" Johann Philipp Lehrmund, am l4.Juli in der Burgkirche Herr Gberchirurgus Wilhelm Jakob Schimpf. Es hieß damals: der Burger und Bäcker Ronrad Noll, dagegen: Herr Hofgerichtsatvokat Lundheim. Die Bräute dagegen wurden unterschiedslos sowohl bei der Ltadtkirche wie bei der BurgkircheJungfer" genannt. Die Bezeichnung Fräulein" war damals noch nicht allgemein und war nur dem Adel Vorbehalten. Während die GießenerBurger" keinen Anspruch auf die Bezeichnung Herr hatten, wurde dieses Prädikat den Lergeant-Majoren ^Feldwebeln), Ran­tonssekretären, Rechnungsprobatoren und Hofgerichts-Akzes- sisten zugestanden. Loldaten, Sergeanten, hautboisten, Ba- taillonstamboure dagegen galten nicht als Herren. Oft wur­den in Gießen Loldaten, die schon über 60 Jahre alt waren, und Frauen, die als Loldatenwitwen bezeichnet wurden, beerdigt. Dieses hohe Alter aktiver Loldaten erklärt sich daher, daß es sich um Einsteher handelte, die beinahe ihr ganzes Leben lang für andere um Geldeslohn dienten.

vor hundert Jahren bestand schon in Gießen eine ka­tholische Gemeinde, die nicht unbeträchtlich gewesen zu sein scheint; denn beinahe in jeder Woche werden Amtshandlun­gen aus dieser Gemeinde mitgeteilt, vermutlich kamen viele katholische Beamten nach Gießen, weil bis zum Jahre 1816 die Provinz Westfalen zum Großherzogtum Hessen gehört hatte.

Am 9. August 1818 wurden in der Burgkirche getraut Herr Landbaumeister Friedrich Ludwig Lonnemann, des Herrn Majors und Landbaumeisters Georg Friedrich Lonne­mann ehelicher Lohn, und Jungfer Luise weiland Herrn Luperintendenten und Professors der Theologie Ludwig Ben­jamin Ouvrier, eheliche Tochter". Der Vater des Bräutigams war der Erbauer der im Jahre 1821 fertiggestellten Ltadt- kirche, die Braut war die Tochter eines bekannten Gießener Theologen. (Fortsetzung folgt.)

vor sechsundvierzig Jahren.

Dem Bericht eines Augenzeugen nacherzählt von Eugen Mayer.

(Schluß.)

Jetzt erst, da er auf diese weise in Bewegung gesetzt wurde, kam das Eis der Erstarrung, das sich um sein biederes Beamtenherz gelegt hatte, etwas ins Tauen. 3um erstenmal, seit unser Alleinsein so schnöde unterbrochen worden war, fand er wieder einen Blick für mich, seinen Freund, der einer­seits an seiner Erstarrung geziemenden Anteil genommen und andererseits an seiner Verblüffung sich heimlich geweidet hatte. Mit einem bedeutungsvollen Achselzucken, das etwa sagen sollte:Nun, wenn ers denn nicht anders will!" ging er zu seinem Pult, holte die verlangten Gegenstände hervor und breitete sie vor dem Offizier aus. während dieser sich sofort in ihren Inhalt vertiefte und das Ergebnis seiner

Einsichtnahme mit den Aufzeichnungen seines Dienstbuches und seinem herbeigeholten Rartenmaterial verglich, winkte mir mein Freund in die entfernteste Ecke der Ltube und raunte mir zu:

Das wird ein schönes Durcheinander geben, wenn der " hier machte er eine verständnisvolle Kunstpause, die er mit einem schlauen Augenzwinkern in der Richtung des Tisches verband,die Lache in die Hand nimmt! hat doch unsereiner gerade genug zu tun, um herumzukommen, obwohl wir schon jahrelang hier im Dienst stehen und uns hinreichend auskennen. Na, mir kanns recht sein. Er mag sehen, wie er fertig wird. Er hat ja Ordre."

Obgleich dabei so etwas wie ein schadenfrohes Lächeln über sein Gesicht huschte, klang doch ganz leise, nur mir ver­nehmbar, der Ton gekränkter Unschuld aus seinen Worten heraus. Ich nickte meinem Freunde bestätigend zu, um ihn sein Leid nicht allein tragen zu lassen. Aber innerlich wagte ich an der Richtigkeit seiner Prophezeiung erheblich zu zwei­feln ; ich mußte an einen Vorgang denken, den mir ein Bekannter erzählt hatte, der Forstbeamte drüben bei Ham­melburg war und Anno 66 in seinem Walde von einer preußischen Patrouille eines Tages unerwarteten Besuch be­kommen hatte. Der Patrouillenführer hatte ihn um eine Rarte seines Forjtbezirkes ersucht. Raum hatte er einen Blick auf die vorgelegte Rarte geworfen, als er mit einem gewissen Lpott ausrief:Das soll eine Lpezialkarte sein für Ihr Re­vier, Herr Förster? wenn Lie keine bessere haben, so kann sie mir nicht dienen; denn sehen Sie her!" und er brei­tete seine Generalstabskarte vor dem Forstbeamten aus. Staunend wurde der gewahr, daß der Preuße tatsächlich eine viel genauere Rarte besaß als er, der Tag für Tag in diesem Bezirk zu tun hatte.

Derpreußische Windhund" hatte inzwischen still für sich gearbeitet. Nach kurzer Zeit richtete er ein paar Fragen an meinen Freund, aus denen hervorging, daß er sich bereits ausgezeichnet orientiert hatte, wir traten zu seinem Tisch und sahen, daß der Mann tatsächlich in kein unbekanntes Land gekommen war. vor ihm lagen mit größter Genauigkeit ausgearbeitete Pläne des Eisenbahnnetzes, von denen mein Freund sich eingebildet hatte, daß er allein hier ein Rundiger sei. Run war seine Hoffnung nur noch auf den Betrieb gerich­tet ; denn er meinte, dieser müsse unbedingt ins Stocken geraten, wenn er nicht seine gebietende Stimme erschallen lasse. Aber auch hier erlebte er eine Enttäuschung nach der andern. DiePickelhaube" bewegte sich im Betrieb, wie wenn sie seit Jahr und Tag hier bedienstet gewesen wäre: es ging alles wie am Schnürchen und keine einzige Störung kam vor, obgleich in den nächsten Wochen der Betrieb einen Umfang annahm, wie ihn sich mein Freund nicht einmal im Traume hätte denken können, von Tag zu Tag machte die anfängliche Geringschätzung einem mehr und mehr sich stei­gernden Gefühle des Respektes Platz. Als wir einige Tage später wieder einmal unter vier Augen uns trafen und das gestörte Mittagsmahl jenes ersten Tages ungestört nachholten, vereinigten sich unsere Gedanken in dem Ausspruch, den mein Freund in die klassischen Worte kleidete:

Sie sind halt doch schneidige Rerle, diese preußischen Windhunde! Das muß ihnen der Neid lassen! Rammt diese Pickelhaube dahergeschneit und steckt ihre Rase nur so in dieses Loch und sofort ist sie auf der rechten Führte, ohne daß ihr auch nur jemand die Rase darauf zu stoßen braucht! Ja, ja, diese Preußen!"