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Der Ausdrucksogenannte Thristkindchensbäumchen" weist darauf hin, daß die Sitte, einen Thristbaum aufzustellen, damals in Gießen noch nicht alt war und erst in der Zeit nach den Befreiungskriegen allgemeine Verbreitung gefun­den hat.

3m Jahre 1816 trug sich in Gießen ein Unfall zu. Beim Bierbrauen in der Brauerei des Wirtes Herbert stürzte der Brauknecht Dörr in den Kessel und verbrannte darin. Gb er, wenn auch schon tot, noch herausgezogen worden ist, ist nicht bekannt. Natürlich wollte niemand in Gießen dieses Bier trinken, und Herbert mag längere Zeit in seinem Ge­schäfte erheblich geschädigt gewesen sein. Wohl auf sein An­suchen zeigte deshalb das Stadtamt, das unserem heutigen Kreisamt entspricht, an, daß das Bier, in welchem der Un­glückliche seinen Tod gefunden hatte, in die Sahn geschüttet worden sei.

Gießen war damals eine Kleinstadt mit vorwiegend landwirtschaftlichem Betriebe. Fast scheint es in den Straßen der Stadt zugegangen zu sein wie auf den Gassen eines welt­abgelegenen Dorfes. Die Einwohner ließen, wie eine Polizei­verordnung rügt, ihre Chaisen, wagen und Karren auf der offenen Straße, sogar zur Nachtzeit und öfters längere Zeit hindurch, stehen. Diesen Einwohnern wurde gesagt, daß die offene Straße keine Nemise, sondern dazu bestimmt sei, das Publikum frei und ungehindert passieren zu lassen. Für den Fall, daß sie diese Warnung nicht beachten würden, wurde ihnen eine Geldstrafe in Aussicht gestellt.

Ueberhaupt gab die Polizeibehörde sich große lUühe, die Straßen in einem geordneten Zustande zu erhalten. Gefters wurde eine Verfügung vom Jahre 1805 den Einwohnern eingeschärft, daßjeder, wes Standes er auch immer seyn mag", wöchentlich dreimal und zwar Dienstags, Donners­tegs und Samstags,nach dem Ausgang des Viehes" die Straße kehren und den Kehricht wegschaffen lassen solle. Im Weigerungsfälle gab es eine Strafe von drei Talern.

Im Jahre 1818 teilte die Polizeibehörde mit, daß mehrere Beschwerden über das Bellen und Saufen der Hunde des Nachts auf der Straße, wodurch die Nachtruhe gestöret werde", eingelaufen seien. Daher wurde verordnet, daß jeder seinen Hund des Nachts nach 10 Uhr bei Vermeidung einer Strafe von fünf Gulden im Hause einhalten solle. Die Knechte des Wasenmeisters wurden angewiesen, jeden Hund, der des Nachts auf der Straße gefunden werde, zu töten, wir gehen wohl in der Annahme nicht fehl, daß dieser strenge Befehl nicht ohne weiteres ausgeführt wurde, zumal man in der damaligen Kleinstadt nicht nur die Menschen, sondern auch die Hunde kannte.

In dieser Zeit, unmittelbar nach den Befreiungskriegen, war in Deutschland allgemein nach dem Vorgang Jahns das Turnen aufgekommen. Der Stadtrat hatte den Studenten auf dem Trieb unterhalb des Exerzierplatzes einen Turnplatz angewiesen, der durch einen aufgeworfenen Graben einge- schlossen war. wie natürlich ist, so blieben die Gießener dort oft stehen, gingen auch über den thraben hinüber, vermutlich, um dem Turnen der Studenten zuzusehen. Das wurde ihnen verboten. Auch wurde auf dem Turnplätze jegliches Fahren, Beiten und viehtreiben untersagt.

Zu den Leibesübungen gehört auch das Schwimmen. Schwimmen und Baden war in der offenen Sahn an den Bleichplätzen, der Brücke und der Pulvermühlebis hinab zu den pfählen vor der untersten wehre" verboten. Die wache am Neustädter Tor, die Feldschützen und die Bleicher waren berechtigt, jeden, der gegen dieses verbot handelte,

zu arretieren und zur Bestrafung einzuliefern. Als Strafe wurde angedroht die Zahlung von fünf Gulden oder eine angemessene Seibesstrafe", die wohl in Stockschlägen be­stand. An anderen Stellen des Flusses war das Baden ge­stattet.

Körperliche Strafe war damals, obwohl man im Zeit­alter der Humanität lebte, noch sehr gebräuchlich. Eine Ver­ordnung vom Jahre 1817 besagt, daß Kinder, die nachts auf dem Felde, außerhalb der Wege oder bei Tage in fremden Gärten angetroffen würden, auch wenn sie nichts entwendet hätten, sowie Kinder, die beim Aehrenlesen,Kartoffelstöp­peln" und viehhüten auf Feldern, deren Ernte noch nicht eingetan sei, gefunden würden, in der Schule oder nach Um­ständen vor dem Bathause öffentlich gezüchtigt werden sollten. Aber auch das mittelalterliche Halseisen gab es damals noch in Gießen- denn es hieß in derselben Verordnung:wer wiederholt Feld- und Gartenfrevel begeht, wird als ein Felddieb mit dem umgehangenen gestohlenen Gewächs auf den Wochenmärkten zur Schau ausgestellt, oder auch durch die Stadt ausgetrommelt werden." Das war barbarisch genug.

Es gab damals in unserer Stadt nicht nur Felddiebe, sondern auch Entendiebe. Junge Leute hatten auf dem Stadtgraben zwischen Neuenweg und Seltersweg mit Angeln, an die sie Speck gesteckt hatten, Enten gefangen. Gesfentlich wurde bekanntgegeben, daß der eine Belohnung von fünf Beichstalern erhalten solle, der die Täter zur Anzeige bringen oder durch Angabe, wogestohlenes Federvieh verspeißt" werde, zur Ermittlung der Diebe beitragen werde.

vor sechsundvierzig Zähren.

Dem Bericht eines Augenzeugen nacherzählt von Eugen Mayer.

Als der Krieg mit den Franzosen ausbrach, stand ich im Dienst der pfälzischen Eisenbahnen und war als Ingenieur in den Steinbrüchen bei Bammelsbach verwendet. Mein Freund h. war Bahnverwalter in Homburg. Bach der Kriegserklä­rung besuchte ich meinen Freund, der sich auf seiner Station als ein bedeutender Mann vorkam, um mich mit ihm über das zu unterhalten, was nun werden würde.

Das wird für uns ein gut Stück Arbeit geben," meinte er und warf sich im Bewußtsein seines gegenwärtigen und besonders seines künftigen wertes sichtbar in die Brust ; denn von den Truppen, die voraussichtlich hier durchkom­men werden, kennt sich ja niemand in unserer Gegend und in unserm Betriebe aus. Da werden wir wohl hinten und vorne dabei und beim Zeug sein müssen, sonst klappt die ganze Geschichte nicht." Und er kratzte sich im Vorgefühl der kommenden Arbeit bedächtig hinter den Ohren, während er mit gewichtigen Schritten den Dienstraum des Stationsvor- standes durchmaß. Ich saß, eine Zigarre rauchend, auf einem Stuhle in der Nähe des Fensters und nickte zum Zeichen der Uebereinstimmung mit seinen Worten hin und wieder mit dem Kopfe. Es mochte etwa eine Viertelstunde vor Mittag sein.

plötzlich kam, fast zu gleicher Zeit, Stillstand in unsere Bewegungen. Mein Freund hemmte seine Stubenwanderung und mir blieb der Kopf im Nacken stehen, die Zigarre entfiel fast meiner Hand; denn auf dem Bahnsteig vor dem Fenster tauchte eine Pickelhaube auf, als deren Inhaber sich bei genauerem Zusehen ein preußischer Offizier entpuppte. Ohne im geringsten von unserm oder anderer Menschenkinder Da­sein Notiz zu nehmen, schritt er draußen auf und ab, nur von Zeit zu Zeit schaute er nach der Uhr, die am Stationsgebäude,