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konnte. Da verließ eines Tages die 5 rau bie Stube, der Mann saß am Tische. Unwillkürlich, er wußte selber nicht, wie, fiel ihm der müde, schleppende Gang seiner Frau auf,' in dem Türrahmen hoben sich merkwürdig die abgezehrte Gestalt und das blasse, schmale Gesicht der Gehenden ab. Dieser eine Blick sagte dem Manne mehr als die längste Ermahnung, er brachte ihm die ganze Härte, mit der er seit Jahren seine Lebensgefährtin behandelt hatte, mit einem Male zum Bewußtsein. Das weckte in ihm die Reue, und von da ab wurde er anders.

Ruch unserem himmlischen Dater, auch unserem Hei­land, tut jede Sünde wehe. So wie der Herr hier nach Petrus sich mit Trauer und Wehmut umschaut, so hat er sich gar sehr oft auch nach uns umgesehen, wenn wir mit der großen Menge gewandert sind und so wenig Festigkeit und wider­stand gegen die Sünde gezeigt haben. Ruch du, mein Sohn! So hat er manchmal geseufzt im Hinblick auch auf uns. Ls kommt unendlich viel darauf an, daß ein Mensch die rechte Scham, die rechte Empfindlichkeit bewahrt, ein feines Gefühl dafür, wie die Sünde uns allmählich umgarnt. Dafür gibt es in der Hauptsache zwei Mittel, nämlich einmal die Pflege des natürlichen Schamgefühles, welches unser Herrgott in jede Menschenbrust gelegt hat, und dann das Gebet. In unserem Gesangbuch steht die wunderbare Bitte:

Jesu, hilf siegen, wenn in mir die Sünde,

Eigenlieb, Hoffart und Mißgunst sich regt, wenn ich die Lust der Begierden empfinde,

Und sich mein tiefes verderben darlegt.

hilf dann, daß ich vor mir selber erröte

Und durch dein Leiden die Sündenlust töte. G. G.

war verletzte leisten können.

,,Nicht, daß ich nun nichts mehr verdienen, sondern, daß ich künftig nicht mehr arbeiten kann, das ist, was mir den Gedanken an die Zukunft so schwer macht!" So schrieb kürz­lich ein schwer Kriegsverletzter, und ähnlich denkt gewiß so mancher der Ungezählten, die auf dem Schlachtfelde ihre Tapferkeit mit dem Verluste scheinbar unentbehrlicher Glied­maßen bezahlen mußten. Und in der Tat ist häufig der Ge­danke, in Zukunft untätig sein zu müssen, bei vielen Schwer­verletzten das Schlimmste, das vor allem, was sie verzagt und mutlos in die Zukunft blicken läßt, vielleicht wird es da manchem ein Trost sein zu lesen, wie wenig oft der Verlust eines Rrmes, eines Beines oder gar mehrerer Extremitäten die Leistungsfähigkeit eines Menschen beeinträchtigt,' Vor­aussetzung ist allerdings ein fester Wille und ein zuversicht­liches vertrauen. 3n denNachrichten der pfeifferschen Rn- ftalten" (Magdeburg-Erakau) findet sich die Rufzählung einer ganzen Reihe von derartigen, besonders bemerkenswerten Fällen, die in diesem Zusammenhänge gewiß von Interesse ist. wir entnehmen ihr folgende Beispiele:

Der armlose Thomas Schweicker zu Schwäbisch-Hall (1541 1602) konnte zeichnen und malen und war darin so

tüchtig, daß man ihn zu den Stadtberühmtheiten zählte. Rls er gestorben war, räumten die Stadtväter ihm, dem Hand­werkersohne, eine Patriziergruft in der Michaeliskirche ein.

Zu Feldherrnruhm brachte es der französische Marschall Josias von Rantzau, ein Holsteiner von Geburt, dem das Unglück ein Rüge, einen Rrm und ein Bein raubte, und der doch zu Rosse steigen und Taten ausrichten konnte. Gleich­falls ein Kriegsheld war der Prinz von Hessen-Homburg, dem bei der Belagerung von Kopenhagen am 29. Januar 1659

eine dänische Kanonenkugel ein Bein abriß. Mutig durch- schnitt er mit eigner Hand die letzte Sehne, woran es noch hing. Er blieb weiter bei der Waffe, nachdem ihm ein Silber­schmied ein künstliches Bein gefertigt hatte. Rn Händen und Füßen gelähmt war der Dichter Paul Scarron (1610 bis 1660), der trotz seines schweren Siechtums von sprudeln­dem Humor überfloß und eine Reihe humoristischer Werke verfaßte, von denen das BuchRoman comique am be­deutendsten ist. Damit wurde kein Geringerer als Goethe zu seinemWilhelm Meister" angeregt. Zu gleicher Zeit lebte in Braunschweig der zwerghaft verkrüppelte Rechts­gelehrte und Rrzt Hermann Eonring, der nach gründlichen Studien in Helmstedt und Lepden in vier Fakultäten zum Doktor promivierte. Er erwarb sich große Verdienste um das Zustandekommen des westfälischen Friedens und schrieb eine Geschichte des Ursprunges des deutschen Rechtes. Ruch machte er Studien über den Blutkreislauf. Er starb zu Helm­stedt am 12. Dezember 1681, ein Wunder der Gelehrsam­keit. Der ohne Hände am 10. Januar 1810 geborene Eäsar Ducornet brachte es bis zum französischen Hofmaler und schuf aus Rnlaß einer Preisbewerbung das Bild:Ben­jamins Rbschied von seinem Vater Jakob". Namentlich wandte der Bürgerkönig Louis Philipp ihm sein Wohlwollen zu und unterstützte ihn durch zahlreiche Rufträge. Gleichfalls ohne Rrme geboren war der belgische Maler Eharles Felu, der in Rntwerpen lebte, zahlreiche Kunstwerke täuschend kopierte und durch ein herrliches Porträt der bildschönen Schauspielerin Viktoria Lafontaine berühmt wurde. Er starb 69 Jahre alt am 5. Februar 1900. Der Maler Reimanns stellte ihn 6 Monate vor seinem Ende in seiner Tätigkeit auf einem seiner Gemälde dar. Rls dritter der armlosen Maler verdient der 1851 zu Kurtenbachshof bei Düren ge­borene Rdam Siepen genannt zu werden, der, in Düsseldorf ausgebildet, später nach München ging, wo er eine Fülle hübscher Genrebilder, meist aus dem Zigeunerleben, schuf. Sie wurden mit Vorliebe zu hohen Preisen von Rmerikanern gekauft. Den Schluß der Reihe mag ein Mädchen bilden, das an Geschicklichkeit alle vorgenannten übertraf, die Zungenkünstlerin Selma Kuntze zu Wertheim am Main, die, am 8. Rugust 1870 geboren, in frühem Kindesalter an Ge­hirnentzündung erkrankte, welche zur Vertrocknung ihrer Hände und Füße führte. Sie lernte mit der Zunge selbständig Speisen und Getränke aufnehmen, einen Faden einfädeln, einen Knoten machen, die Nadel führen, sticken, schreiben perlen aufreihen, Figuren ausschneiden, Knäuel drehen usw. Ihre Zunge entwickelte sich derart, baß sie schließlich damit die Nasenwurzel unb die untere Stirn berühren konnte.-Trotz der großen Gebrechlichkeit blieb das Mädchen allezeit fröh­lich und verstand andere, wenn sie betrübt waren, durch herzhaften Zuspruch und Hellen Gesang aufzuheitern."

Giehener polizeiverordnnngen alter Zeit.

(Schluß.)

Rus einer der damals von der Gießener Polizeibehörde ausgegangenen Bekanntmachungen können wir einen Rück­schluß machen, der kirchlich und kulturgeschichtlich nicht un­interessant ist. Rm 9. Dezember 1818 wird darauf hinge­wiesen, daßdurch das Rbschneiden der sogenannten Ehrist- kindchensbäumchen an den jungen Fichten- und Kiefern- stämmchen großer Schade" geschehe. Es wurde deshalb bestimmt, daß solche Bäume nur gegen Vorzeigung einer Legitimation von dem Oberförster abgegeben werden sollten.