Nr. 13. Gichen, Sonntag Lätare, den 2. April 1916. 5. Jahrgang.
Der Segen rechter Scham.
Evangelium des Lukas 9, 61 und 62.) Der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn wart, wie er zu ihm gesagt hatte: ,Lhe denn der.hahn krähet, wirst du mich dreimal verleugnen. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.
3m Laufe einer langjährigen Betrachtung haben wir uns ganZ daran gewöhnt, in dem Petrus, der seinen Heiland dreimal verleugnete, einen Busbund von Sünde und Verworfenheit zu sehen. Line solche Betrachtungsweise hat gewiß ihr gutes Uecht, aber sie ist einseitig, von dem Petrus, der seinen Heiland verleugnet, können wir mancherlei lernen. Lr war einmal anhänglich, er wollte seinem Herrn nahe sein in der Stunde der Not und Gefahr. Nutzer ihm hat es von allen nur noch ein Jünger gewagt, dem Heiland nachzufolgen in Not und Gefangenschaft, nämlich der Bpostel Johannes, wie wir das in seinem Evangelium (18, 15) lesen. Gewiß war das dem Heiland ein Trost, daß er in der schwersten Stunde seines Lebens zwei Menschen in seiner Nähe wußte, die sein Leid und seine Last mittragen wollten, wie viel Kranke sind uns schon begegnet, die gebeten Haben: bleibe bei mir! wenn der Todeskampf kam, oder wenn Einsamkeit und Schmerzen sie bedrückt haben! Oder wie ist das uns allen so wohltuend und erfreulich, daß in dem jetzigen Kriege so zahlreiche junge Deutsche aus dem Bus- lande sich unter vielen Gefahren und Entbehrungen durchgeschlagen haben nach der deutschen Heimat, um dem Vaterland beizustehen in seinem Kampfe aus Tod und Leben! wie mag sich Mutter Germania gefreut haben über die Treue und Anhänglichkeit so vieler ihrer deutschen Söhne! Die Anhänglichkeit des Petrus ist also anerkennenswert, und, so widerspruchsvoll das auch klingen mag, auch seine Ueue.
Bus den meisten Bildern, welche es von Jesus und seinen Jüngern gibt, wird Petrus dargestellt als ein älterer Mann, dessen haar bereits leicht ergraut ist, als ein Mann etwa Mitte der vierzig. Uun heißt es von diesem Petrus: Tr ging hinaus und weinte bitterlich, wenn ein Mann in diesem Lebensalter etwas derartiges tut, wenn er abseits geht und bitterlich weint, weint über seine eigene Sünde und Erbärmlichkeit, sich schämt vor sich selber, dann kann dieser Mann noch nicht ganz verloren, noch nicht rettungslos gesunken sein. Ein Mensch, der sich seiner Sünde noch schämt,
um den ist es noch nicht ganz und gar schlecht bestellt. Ls gibt noch etwas viel Schlimmeres, nämlich wenn sichrem Mensch seiner Sünde nicht mehr schämt, wenn er ihrer sich vor den Menschen noch rühmt und sagt, wie man es manchmal hören kann: was mache ich mir daraus, was ist mir daran gelegen! Sn den Zeitungen war vor einiger Zeit einmal von einer Frau zu lesen, welche im Eisenbahnzug die Beußerung getan haben soll, ihrethalben könne der Krieg noch 10 Jahre lang dauern; denn sie habe bisher nur Gewinn und Vorteil davon gehabt. Die Empörung unter den Mitreisenden war so groß, daß einer davon die Missetäterin derb gezüchtigt haben soll. Diese Frau hatte ganz die Empfindung, das Gefühl dafür verloren, wie niedrig und gemein ihre Gesinnung war. wer es verlernt hat, sich seiner Sünden vor sich selber und vor anderen zu schämen, über den kommt irgend wann einmal in seinem Leben das strafende Verhängnis.
was ist nun eigentlich die rechte Scham und Ueue? worin besteht sie? Buch das bringt das Gotteswort kurz und schön zum Busdruck. Ls heißt: Der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe denn der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen, hier ist kurz und schön angegeben, was die rechte Scham und Beue ist. Ls ist die Empfindung, daß man einem lieben, treuen Menschen, der es gut mit uns meint, bitter weh und unrecht getan hat. Der Herr sah den Petrus bloß an, er sprach kem Wort, aber mit unsäglicher Trauer und Wehmut. Und dieser eine Blick ging dem Petrus bis auf den Grund der Seele und schnitt ihm tief ins Herz. Lr brachte ihm mit furchtbarer Deutlichkeit zum Bewußtsein, wie schändlich und erbärmlich er gehandelt hatte, wie er seinem Heiland ein größeres Herzeleid angetan hatte, als seine schlimmsten Feinde. Behnliche Empfindungen hat schon mancher Mensch gehabt. Uicht bloß Kinder, auch erwachsene Menschen haben schon bittere Tränen geweint, weil es ihnen mit einem Male zum Bewußtsein kam, wie sie mit ihrer Sünde ihrer Mutter großes Herzeleid bereitet hatten. Gar manchem gehen erst die Bugen auf für seine Sünde, wenn er sieht, wie sie einem geliebten Menschen Tränen erpreßt. Zn einer Erzählung wird uns von einem Manne berichtet, der seiner Frau stets hart und rauh begegnete, den kein Vorhalt und kein Bitten von seinem Unrecht überzeugen


