Nr. 8. Gieszen, Sonntag Sexagesimä den 27. Februar 1916. 5. Jahrgang.
Die eigene Ehre.
Evangelium des Johannes 8,50. Jesus antwortete: Ich suche nicht meine Ehre.
Ls gibt Menschen, für die das Ich im Mittelpunkte ihrer Weltanschauung steht. (Es gibt für sie nichts als die eigene liebe, eitle, gefallsüchtige Person, alles in der Welt soll sich nach ihr richten. Man kann eine derartige Weltanschauung mit dem Fremdworte eine egozentrische nennen. Diese Menschen suchen nur ihre Ehre, wer kennt nicht solche, die bei öffentlichen Verhandlungen, - ohne daß sie sich selbst jemals die Mühe machen, in stiller, fleißiger Krbeit neue Gedanken hervorzubringen oder alte Gedanken zweckmäßig zusammenzustellen, jedesmal sofort das Wort ergreifen und nun lang und breit von ihren Verdiensten, ihren Ansichten, ihren Leistungen in früherer Zeit den anderen erzählen, einerlei, ob diese davon hören wollen oder nicht. Diese unangenehme Eigenschaft verstärkt sich mit den Jahren, oft tritt sie im Klter so unleidlich auf, daß der ehrsüchtige Mensch zum Spott wird, aber sie ist auch bei jungen Menschen zu finden und steht im umgekehrten Verhältnisse zu den wirklichen Leistungen. Oft sogar findet man sie bei Kindern. In irgend einer Form rücken sich alle diese Menschen in den lTTittcI= punkt der Dinge.
Dergleichen unerfreuliche Erscheinungen werden natürlich auch durch den Krieg nicht aus der Welt geschafft,' denn die menschliche Natur bleibt sich unter allen Umständen gleich. Gerade in der Kriegszeit drängen sich viele mit ihren Leistungen in den Vordergrund, wenn die Öffentlichkeit nicht wäre, die von allem, was im Dienste der Allgemeinheit geschieht, gebührend Notiz nimmt, so würde manches ungeschehen bleiben. von allem, was auch im kleinsten Dorfe geschieht, muß berichtet werden. Sogar, wenn Kinder bei irgend einer Gelegenheit ein Gedicht aufsagen, versucht man das in die Zeitung zu bringen, erst recht geschieht das mit den Leistungen der Erwachsenen, als ob sich in der Zeit des großen Weltkrieges nicht von selbst verstünde, daß jeder seine Schuldigkeit tut.
Diese Art tritt namentlich bei den zu Hause Gebliebenen zutage, wie seltsam hebt sich hiervon das ab, was draußen im Felde geschieht, was unsere Offiziere und Soldaten leisten an Todesverachtung, Hingebung, an Ertragen
von Mühseligkeiten, Entbehrungen, Unbequemlichkeiten aller Art, das wird kaum bekannt. Mancher Mann steht seit 19 Monaten im Felde, Lut wacker seine Schuldigkeit, leistet dem Vaterland einen ganz unermeßlichen Dienst, und wenige nur erfahren davon. Auch von dem, was die Professoren der Medizin und die Aerzte in den Kliniken und Lazaretten leisten, um verwundete am Leben zu erhalten und sie ihren Familien wieder zurückzugeben, von der Last der Verantwortung, die auf ihnen liegi, wird öffentlich kaum geredet.
Der Krieg sollte uns antreiben, nicht die eigene Ehre zu suchen, wir können das von dem lernen, der von sich mit gutem Grunde sagte: Ich suche nicht meine Ehre. Der Heiland hat nie darnach getrachtet, bei seinem Volke berühmt und beliebt zu werden,' den Menschen ging er aus dem weg, wenn sie ihn ehren wollten, nichts war sein Ziel, als zu wirken die Werke dessen, der ihn gesandt hatte. Diesen Auftrag vollführte er, indem er Schande, Schmach, Mißhandlung, schließlich den Tod ertrug. Sollten die, die ihm nachzufolgen gelobt haben, es nicht über sich gewinnen, die eigene Ehre, die doch schließlich ein zweifelhaftes Gut ist, hintanzusetzen, still ihre Pflicht zu tun und nach dem einen zu trachten, das not trzt? h- b-
Meine Erlebnisse
in der französischen Fremdenlegion.
von einem Gießener.
(Fortsetzung und Schluß.)
Ich erwiderte, daß ich nur noch auf Antwort von meinen Eltern warte. Spät abends kam ein Telegramm mit dem Inhalte: ,,Komme sofort, Vater ist tot." Das hatten sie mir zu Hause im ersten Briefe nicht miige'eilt, um mich nicht zu beunruhigen. Nun war kein Bleiben mehr für mich. Ich machte mir bittere Vorwürfe, daß ich nicht gleich nach hau e gefahren war,' denn dann hätte ich vielleicht den Vater noch lebend getroffen. Mit dem nächsten Zuge fuhr ich nach Hause und kam nachts im strömenden Kegen hier an. wie war die Freude bei den Meinen lgroß, als ich ankam. Meine erste Frage war die nach dem Vater, und da erfuhr ich, daß er schon vor einem halben Jahre verschieden sei. Die Depesche hatten die Meinen abgeschickt, weil sie gefürchtet hatten, ich würde mich zum zweitenmal anwerben lassen.


