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zustrebten, hinter dem sie vergebens auf Schutz hofften, da zeigte sich zum erstenmal ein neues Nebel, das fast das ganze folgende Jahrhundert und fast noch bis zur heutigen Zeit seine 5chatten auf den weg des langsam zu neuem Leben sich aufraffenden deutschen Volkes werfen sollte. Der eitle Zar und Rlleinbeherrscher aller Reußen, der noch wenige Jahre vorher geprahlt hatte, daß er sich mit seinem Freund Napoleon allein in den Erdkreis teilen werde, schrieb sich und den Zeinen das alleinige Verdienst am Untergang der großen Rrmee im Jahre 1812 zu, während das doch mehr durch den eisigen Nordwind und den Tiefstand der russischen Volkskultur als sein und seiner Heerführer strategische Leistung bewirkt worden war. So nahm er auch jetzt wieder die Lorbeeren des Sieges für sich und die Zeinen in Rnspruch und begehrte daher einen ausschlaggebenden Einfluß bei weiterer Rusnutzung des Sieges, was für diese nicht immer forderlich war. So mußte auch zur Befriedigung dieser Eitelkeit der Zieger an der Katzbach mit seinen Scharen, die bei Leipzig die blutigste Rrbeit getan hatten, von der geraden Verfolgung ablassen und ihren weg weit nach Norden durch weglose Gebirge bis zum vogelsberg nehmen, und nachdem sie den Kasseler Gperettenkonig ,,Morgen wieder lustik" von seinem Lotterbett verjagt, leider ohne hindern zu können, daß die zahlreichen Kameen (gravierte Edelsteine), welche bis dahin den Zarg der heiligen Elisabeth zu Marburg geschmückt hatten, mit ihm aus Nimmerwiedersehen verschwanden, bezog Blücher mit seinen Tapferen Standquartier in der oberhessischen Provinzialhauptstadt Gießen und Umgegend, wo er sich dann immer mehr in Hellen Zorn hineintrank über das Schreibervolk, das verderbe, was das Schwert geschaffen habe.
Trotz vaterländischer Begeisterung war aber das gegenseitige Verhältnis zwischen Ouartiernehmern und -trägern vorerst erschwert, weil Hessen dermalen noch als Feindesland gelten mußte,' denn dem Großherzog gelang es schwerer als anderen, sich aus den Verstrickungen des Rheinbundes zu befreien. Napoleon nämlich, der damals immer noch an Sieg dachte, hatte wohl 20 000 seiner Kerntruppen in der Festung Mainz belassen, die ihm freilich beim Entscheidungskampf schwer fehlten und haufenweise wie auch die unglückliche Bürgerschaft von den Kriegsseuchen weggerafft wurden. Einstweilen aber drohten sie wie ein Damoklesschwert über dem kleinen hessischen Nachbarland, wie sehr der Korse damals noch an seinen Stern glaubte, zeigte sich, als der hessische Rbgesandte ihm die Rbsicht seines Herrn kund tat, aus dem hinfällig gewordenen Rheinbund auszutreten. Da bekam dessen Protektor einen förmlichen Wutanfall und drohte, bei seiner demnächstigen sicheren Wiederkehr an dem abtrünnigen Hessen ein warnendes Beispiel aufzustellen, gegen welches das „brüler ls Palatinat“ (verbrennet die Pfalz) seines Vorgängers Ludwig XIV. ein Kinderspiel sein sollte!
Das damalige Gießen, ein bescheidenes Landstädtchen, von dessen Bewohnern wohl keiner sich träumen ließ, welch ein Rufschwung ihm nach hundert Jahren beschieden sei, erbaut auf einer niedrigen Landzunge zwischen Lahn und Wieseck, welche vor ihrer Regulierung mit häufigen Ueber- schwemmungen Schaden brachte, eingeengt von veralteten Festungswällen, ohne Industrie und Handelsverkehr, bot seinen Bewohnern zu ihrem Unterhalt fast allein den Ertrag ihrer Felder, und der alte Studentenwitz konnte noch lange Geltung beanspruchen: wenn die Gießener Bauern alle ins Feld gehen, bleibt kein Bürger daheim. Rls einzige Zugabe
diente noch, was von dem bescheidenen Wechsel der studierenden Jugend der kleinen Landesuniversität für sie abfiel. Deshalb war auch jeder entbehrliche wohnraum zur Vermietung an dieselben bereitgestellt und daraus erklärlich, daß solch plötzlich gewaltige Zunahme der Unterkunft Begehrenden hier mehr noch als anderswo Schwierigkeiten machte.
Unter der damaligen Bürgerschaft befand sich eine Rn- zahl, die auf den Namen Vogt horten. Nach Familienaufzeichnungen soll deren gemeinsamer Stammvater hundert Jahre vorher von dem Orte Steinbach eingewandert sein. Seine Nachkommen gehörten zumeist dem Nährstande an als Bäcker, Metzger oder Wirte. Liner hatte aber, die heimische Gelegenheit benutzend, sich dem Studium der Medizin gewidmet und war bis in die dreißiger Jahre als Professor eine Leuchte der medizinischen Fakultät, bis er, wie damals so viele, in den verdacht demagogischer Umtriebe geriet und, um vielleicht langjähriger Untersuchungshaft zu entgehen, nach der Schweiz flüchtete, .wo er noch lange als Lehrkraft an der Berner Hochschule wirkte. Einer seiner Sohne war dann der als geistvoller Schriftsteller wie durch seine politische Tätigkeit vielgenannte Karl Vogt, der Reichsregent, der bis 1848 als Professor der Zoologie wieder in seiner Geburtsheimat tätig war.
Zu der Zeit, von der wir hier reden, befand sich einer des Namens Vogt, der war Schweinemetzger und betrieb nebenbei in seinem Hause eine Wirtschaft. Ein kunstbeflissener Gast hatte ihm ein bezügliches Schild mit einer saftigen Traube gemalt, das als Wahrzeichen an einem über der Tür herausragenden Rrm baumelte, und seine Freunde nannten ihn davon zum Unterschied von gleichnamigen anderen den Träubele-Vogt. Seine Gäste entstammten weniger dem Kreis der studierenden Jugend als vielmehr dem eigenen bürgerlichen Stande' die aber chatten meist wenig Sinn für Traubensaft und begnügten sich mit dem damals gebräuchlichen Gießener Dünnbier, von dem die Rede ging: Darmstädter Verordnung und Gießener Bier, die halten ein wochener drei oder vier. Nach altem Herkommen wurde denn auch jedem Gast, damit er sich den Magen nicht am kalten Trunk verderbe, seine Portion Kornbranntwein in einem jener handfesten Stengelgläser beigestellt, die nach Umständen auch als Handwaffe nicht gering zu schätzen waren.
Dieser Träubele-Vogt nun hatte es unternommen, seinen bedrängten Mitbürgern zu Hilfe zu kommen, indem er alle Räume seines Hauses benützte, um gegen mäßiges Entgelt Einquartierung ganz bei sich auf- oder doch zur Beköstigung zu übernehmen. Er schlachtete in der Woche ein oder zwei Schweine mehr, und da ging es eine Zeitlang zu allgemeiner Befriedigung. Bekanntlich aber ist für den Menschen nichts schwerer zu ertragen, als eine ständige Reihe von guten Tagen. Die Kostgänger wurden nach und nach der schweinernen Speisesolge müde und hätten gern zur Rbwechslung etwas vom Kalb oder Rind auf ihrem Teller gesehen. Dafür hätte aber der Bedarf anderwärts gegen bar angekauft werden müssen, und bares Geld war damals rar, weshalb auch der Wirt sich taub gegen alle Rnzapfungen stellte. Daraus entstand dann nachgerade ein kleines Gemurr, das sich immer weiter verbreitete und zuletzt auch dem General Blücher zu Ohren kam. Der dachte möglicherweise an unliebsame, feindliche Gesinnung, der er von vornherein entgegenwirken wollte, und befahl den übel Beleumundeten zu sich in sein Ouartier. Der kam auch in sauberem Habit seines Standes: Hirsch-


