Ausgabe 
20.2.1916
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Gememüeblatt für öie evangelische Kirchengemeinae

^ Gießen.

Nr. 7.

Bietzen, Sonntag Septuagesimae den 20. Februar 1916. 5. Jahrgang.

öarmherzigieit.

Evangelium des Lukas 10, 31 35. Es war einmal ein Mensch, ver­ging von Jerusalem hinab gen Zericho und fiel unter die Mörder; die zogen ihn aus und schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Ls begab sich aber ungefähr, daß ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und da er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit, da er kam zu der Stätte und sah ihn, ging er vorüber. Lin Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß drein Gel und wein und Hub ihn auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein.

Ts war einmal, so erzählt hier Jesus, ein Mensch, vielleicht ein Jude, der durch das Gebirge Juda reiste. In seinen Schluchten hausten Räuber. Der einsame Mann ent­ging ihnen nicht. Sie nahmen ihm ab, was er hatte, und schlugen ihn halbtot. Da lag er, dem verderben preis­gegeben.

vor wenig Tagen wurde von Deutschland ein Luft­schiff, ein Zeppelin, über die Nordsee hin, zu einer Rufklä- rungsfahrt ausgesandt. Tr hatte Unglück, vielleicht durch Motorschaden, vielleicht durch ungünstige winde. Tr senkte sich aus der Luft auf die wogen des Meeres und sank immer tiefer. Die in den Nabinen des Luftschiffs waren, kamen in die Gefahr, zu ertrinken, wenn kein Schiff kam, sie auszu­nehmen, waren sie verloren.

RIs der unter die Räuber Gefallene am Wege lag, kam ein Priester die Straße und sah ihn liegen. Der Geschlagene schrie nicht, aber um so lauter riefen seine Wunden die Darm- Herzigkeit wach. Rber der Priester hörte sie nicht. Tr ging vorüber und ließ ihn liegen. Desgleichen tat auch ein Levit, der bald darnach kam.

RIs das Zeppelinluftschiff auf dem Meere schwamm, schon zum größten Teile von den Wellen verschlungen, und die Gefahr für die Luftschiffer sehr -grotz geworden war, kam ein englischer Fischdampfer in die Nähe. Der Kapitän sah etwas Weißes auf dem Meere und fuhr darauf zu. Tr sah den sinkenden Zeppelin und die Not der Lustschifser. Die Deut­schen riefen seine Darmherzigkeit an, versprachen ihm sogar Geld, viel Geld. Ts war für ihn ganz leicht, die Gefähr­deten zu retten. Tr brauchte nur einen großen Kahn hinüber­zusenden. Rber er wollte'nicht. Tr sah die Not und fuhr weiter.

Ts steht in unserm Gleichnis kein Wort darüber, mit welchen Gründen der Priester und der Levit ihre Unbarm­herzigkeit entschuldigt haben. Rber daß sie deren gehabt haben, daran braucht man nicht zu zweifeln. Das muß ein grunddummer Mensch sein, der nicht für seine Sünde, und mag sie noch so schwer sein, eine Entschuldigung zur Hand hat. vielleicht hat der Priester gesagt: Darum bin ich an dem halbtoten Mann vorübergegangen, weil ich befürchten mußte, daß die Räuber wiederkämen, und dann hätten zwei halb­tote, statt eines einzigen, dagelegen.

Ruch der englische Kapitän hat eine Entschuldigung ge­habt. Tr hat gesagt, er habe gefürchtet, wenn er die Deut­schen in sein Schiff nähme, daß dann sie die an Zahl ge­ringere Mannschaft des Schiffes überwältigen und das Fahr­zeug in einen deutschen Hafen bringen würden. Der deutsche Offizier hat ihm sein Ehrenwort gegeben, daß das nicht geschehen würde. Tr ist bei seiner Meinung geblieben. Tr wollte nicht barmherzig sein.

RIs der Priester und der Levit an dem halbtoten Mann vorübergegangen waren, kam ein Samariter, der war barm­herzig. Tr verband seine Wunden und führte ihn in die . nächste Herberge. Und das, obgleich die Samariter und Juden einander so scharf gegenüberstanden, als heute die Deutschen und die Engländer. Rber den armen Deutschen auf dem Meere ist kein Retter erschienen. Sie sind einen schweren Tod gestorben, und wir denken heute mit Trauer der durch eng­lische Unbarmherzigkeit hingeopferten.

Jesus hat in dem Priester und Levit die Unbarmherzigen für alle Zeiten gebrandmarkt. Tr hat uns ins Herz hinein geschrieben, daß wir jedem Menschen, der in Not ist, helfen sollen, und sei es der schlimmste Feind. Ich glaube sicher, daß der Kapitän des englischen Fischdampfers das Gleichnis vom barmherzigen Samariter gekannt hat. Rber er muß es be­trachtet haben als eine Geschichte, die ihn nichts anginge. Tr hat es genau so angesehen, wie das englische Volk und der Dischof von London es ansehen. haben sie doch das Tun des genannten Kapitäns ausdrücklich gebilligt. Ja, der Dischof hat gemeint, es sei recht, den Deutschen keine Ritterlichkeit zu erzeigen. Er muß tief in seiner christlichen Erkenntnis ge­sunken sein, daß er das Ritterlichkeit nennt, was unser Heiland einfach als Nächstenliebe bezeichnet.