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Nr. 2. Riehen, 2. Sonntag n. Epiph. den 16. Januar 1916. 5. Jahrgang.

Magere Zähre.

1 Moj« 41, 29 dir 31. Sieben reiche Hohre werden kommen in ganz 8egi)plenlanb. Und nach denselben werden sieben )ahre teure Aeit kommen, daß man vergessen wird aller solchen Fülle, und die teure Aeit wird dar Land verzehren; denn sie wird sehr schwer sein.

Ein Mitglied des preußischen Herrenhauses, Graf Kos. poth. hat vor kurzem in einer Tageszeitung die Frage auf- geworfen: Das wird die Zukunft bringen? Er hat darauf die Antwort gegeben: neue und schwere Zleuern. va§ ist gewiß keine Voraussage, über die man sich fteuen wird, aber sie erinnert an so manches Dort der Bibel, das schwere, magere Jahre für die Zukunft in Aussicht stellt. Sic erinnert an den Propheten Agabus, von dem die Apostelgeschichte meldet: er deutete durch den Geist eine große Teuerung, die da kom­men sollte über den ganzen Kreis der Erde, welche geschah unter dem Kaiser Tlaudius. Zie erinnert auch an Joseph, der dem Pharao die sieben mageren Jahre ankündigt, nachdem Jahre oorausgegangen waren, da alles überreichlich vor- Händen war.

Gute, ergiebige Jahre liegen hinter uns. Vor dem 1. fluguft 1914 wogte ein Goldstrom durch das deutsche Land. Leute, deren Arbeitsleistung und verantwortlichkeits- last bei weitem nicht den tasten entsprach, die ein Minister zu tragen hat. hatten Ministergehaltcr. vie einzelnen Be- amtenkategorien wurden nicht müde. Eingaben um Gehalts- aufdcsserung zu machen, vie Arbeiterlöhne waren, wenn man an die Zeit etwa vor 1880 denkt, gewaltig gestiegen. Der Landwirt hatte ausgezeichnete Einnahmen und hat sie auch noch jetzt in der Kriegszeit. Vas wird sehr bald auf. hören, ver Krieg ist ein furchtbarer Zerstörer. Er zer. stört das Menschenleben, das Menschenglück, das Menschen- wcrk und den menschlichen Besitz. Man denke nur an die unglückliche Ztadt vpern, die die Engländer nun ganz nieder legen, also dem Erdboden gleich machen wollen. Einst war sie volkreich und hochbedeutend, auch vor dem Kriege noch eine ansehnliche Mittelstadt, nun fallen chre Einwohner völliger Verarmung anheim, selbstverständlich kommen die mageren Jahre nicht nur über uns, sie kommen und zwar in noch erheblicherem Maße auch über unsere Gegner. England

wird seine gegen veutschland gerichtete Politik teuer bezahlen müssen.

Dir verzagen jetzt nicht, da der Krieg noch kein Ende nehmen will, wir werden auch nach dem Friedensschluß nicht verzagen, wenn wir um des Vaterlandes willen schwere Lasten zu tragen haben. Dir haben das gute Gewissen, daß unser Kaiser, unsere Negierung und unser Volk den Krieg nicht gewollt haben, er ist uns aufgezwungen worden. Varum tun wir unsere Pflicht und harren standhaft aus. veutsch. land wird schon wieder hochkommen. Unser Heimatland ist reich an natürlichen Zchätzen, unser Boden trägt Korn die Fülle, unsere Lage im Mittelpunkt von Europa und der neu­lich vollzogene Anschluß an den Grient begünstigen Handel, Handwerk und Industrie, es liegt dem veutfchen im Blute, daß er fleißig ist und das Zeine schafft.

Und wenn wir in der Zukunft uns wieder an die Ein- fachheit gewöhnen müssen, in der unsere Großeltern erzogen wurden, so kann das nur segensreiche Folgen haben. Man wird in Ztadt und Land keine Feste mehr feiern, die drei Tage dauern, Feste mit Konzert und Kommers am Zamstag. abend, mit Begrüßung der auswärtigen Teilnehmer am Zonntagmorgen zurzeit des Gottesdienstes, mit ungeheurem Menschenzusammenlauf am Zonntagnachmitlag. mit musi- lischem Frühschoppen undVolksbelustigungen" am Montag. Erwachsene, auch geistig erwachsene Menschen werden sich nicht mehr in allerhand Kostüme hüllen, wenn sie tanzen wollen, achtzehnjährige Zchüler werden nicht mehr auf eigene Faust Keisen nach Italien machen, man wird die Dinterabende nicht mehr ausschließlich mit Essen. Trinken und Musik ausfüllen, und die Frauen und Mädchen, deren Mütter noch mit dem schlichten, schwarzen Kopftuch in die Kirche gingen, werden sich nicht mehr mit allerhand städti­schem putz behängen. Ztädte und Gemeinden, auch die Kirchengemeinden, werden etwas behutsamer mit dem Gelde ihrer Zteuerzahler umgehen.

Vafür aber wird uns wahre Lebensfreude geschenkt werden. Dir werden das p:almwort beherzigen: Habe deine Lust am Herrn, der wird dir geben, was dein Herz wünschet. Dir werden die stillen Freuden im Kreise der Familie, das traute Zusammenleben der Eltern und der Kinder, die stille geistige Veredlung, die aus guten Büchern gewonnen wird,