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Der Sockel dieser Bildsäule ist nun mit belgischen Far­ben umwunden, und vor ihm kann man stets eine Reihe Beter sehen - hier schütten sie nun ihr Herz aus. Km unver­blümtesten zeigte sich ihre Gesinnung am 21. Juli, ihrem Rationaltag, da sie sich 1830 unabhängig gemacht hatten. Schon in den frühen Morgenstunden drängten sich die Massen, alle mit Schleifen in den Nationalfarben besteckt, in den Straßen, die Damen bald mit kleinen, bald mit auffallend großen Bändern und Schleifen. Ls war wie eine stille Ver­abredung. Line lautlose, aber wie man manchen Gesichtern ansah, beabsichtigte Demonstration. Freilich wurde ihnen am Kbend das Vergnügen, durch Knsammlungen den Verkehr zu sperren und sich besonders vor der Kommandantur anzu­sammeln, von einigen berittenen Feldgendarmen gründlich vertrieben. Sn wahnsinniger hast rannten sie, besonders die Frauenwelt, davon, als eins, zwei Pferde etwas unruhig zu werden schienen. Km nächsten Tag war die sonst so reg­same Stadt wie ausgestorben. Sie hatten ihr politisches Herz zur Schau getragen und sich anscheinend dabei tüchtig er­kältet. Kaum ein Blatt, eine Schleife war noch in den Knopflöchern zu sehen.

!vie weit der nationale Fanatismus gehen kann, zeigt noch folgender Vorfall. Line Dame aus unserem Erholungs­heim bezahlte in der Straßenbahn aus einem Geldbeutel, der mit Glasperlen in deutschen und österreichischen Farben be­setzt ist. Sie ist Belgierin und spricht gut vlämisch, aber der ganze Wagen regt sich auf.Schluß!"Baus!" ertönt es von allen Seiten. Line Kbtrünnige! Lin Offizier muß sie in Schutz nehmen.

Solches Treiben und Hetzen ist allerdings nur in Städten möglich, wo die mehr oder weniger verborgene Wühlarbeit einzelner Kgitatoren rasch unter die Menge kommen kann. Ganz anders verhält sich dagegen der Bauer auf dem flachen Land, besonders in der Gegend, wo ich ihn genügend kennen lernte, im westlichen Belgien. Sie wohnen zerstreut auf ein­zelnen Gehöften als Erbpächter, viele wohnen seit alten Ge­schlechtern auf denFermen", zahlen ihren Zins an irgend eine alte Dame oder einen Beniner in der Stadt oder ganz weit bis in nordfranzösische Städte, sind im übrigen verhält­nismäßig unbehelligt und selbständig. Sie bearbeiten den leichten aber fruchtbaren Sandboden geschickt und nutzen ihn tüchtig aus. Ihr Kinderreichtum - sie haben im allgemeinen nicht unter 10 Kinder kommt ihnen dabei gut zustatten.

Wandert man nun so an einem Sonntagnachmittag den Hecken und Gräben entlang, seitab der großen Straße, und bleibt vor einem solchen, oft von Wassergräben und meist von Zäunen umgebenen Gehöft stehen, so meldet sich rasch der große Hofhund, wenn er nicht gerade in dem in der Rück­wand fast jeden Bauernhauses angebrachten Laufrad die Buttermaschine in Bewegung hält. Wenn man aber gar den photographischen Kpparat zur Hand hat, flattert einem die Kinderschar mit ihren gelben Haarsträhnen und verschmier­ten Gesichtern und Händen entgegen,- spricht man nun etwas mit den Kindern, so erscheint wohl bald auch der Hausherr, da mpnher," rückt etwas die Mütze, spuckt einmal aus und fragt nach dem Wetter und nach dem Kanonendonner, der von der Front her klingt. Diesen Landleuten geht es wie vielen Menschen - wenn man sie nach ihren Leiden und Ge­bresten fragt, nicht allzu aufdringlich von Krieg und Natio­nalprinzip redet, dann stehen sie bald Gegenrede. Kann man gar ein wenig vlämisch radebrechen, so ist man bei ihnen ziemlich fein raus. Sie fühlen sich vorläufig ganz wohl, hoffen nur, daß die Engländer nicht in das Land kommen.

Lin recht wohlhabend Kusschauender verkündet mir mit großer Freude, daß er auch einen studierten Sohn habe, der die Universität Löwen besucht habe und noch jetzt während des Krieges, in Ostende an einem dortigen Institut (wahr­scheinlich einer priesterschule) Rhetorik lehre und manchmal Verse machen müsse, was doch sehr schwer sei, so daß er gerne jn dieVakanzen" zu ihm zurückkomme. Die Frau des Hauses kann, wie es scheint, nicht verstehen, welch interessante Geschichte ihren Mann wohl solange bei mir stehen läßt,- sie sieht schüchtern aus der Haustür, ruft ihm mit vorwurfsvollem Blick zu und will ihn Hineinwinken. Er aber, der Weltmann, (!) ruft sie herbei und stellt mich, den Philologen, als Fachgenossen ihres Sohnes vor, und nun ist die Scheu der Frau überwunden. Kls ich weggehe, fragt er noch schnell, ob ich wieder zur Front müsse. Natürlich, sage ich. Da drückt er mir impulsiv die Hand und wünscht mir alles Gute zum Kbschied. Falls ich heil aus dem Kriege käme, sollte ich ja wiederkommen und auch ihn besuchen.

Lin anderes Mal streife ich einer Bahnlinie entlang und komme in die Nähe einer Windmühle, auf die ich mit dem Kpparat schon lange einen Angriff hatte unternehmen wollen, aber nie hatte es mit dem Wetter gepaßt. Lin bie­derer, ewig lustiger Kamerad aus der Pfalz, Pfarrer seines Zeichens, der bisher in der Front war, begleitete mich. Kus der Zeit seiner Studien in Utrecht kann er noch etwas holländisch sprechen und versteht sich deshalb auch noch besser auf das vlämisch als ich. Lr meint, bevor man die Mühle von außen auf das Bild nähme, müßte man erst mal ihr Inneres kennen gelernt haben. Klso besteigen wir unter Führung des freund­lichen Müllers, der wohl stolz sein mag, fremden Offizieren seinen Besitz zu zeigen, die Mühle. Küßen pfeifen die zwölf Meter langen Flügel durch die Luft, in ihrem Innern knarrt es leise, während wir die hohe, schwanke Leiter empor­krabbeln. Lin gewaltiges Girren und Ouietschen entsteht plötzlich, der Müller hat die Mühle gebremst. Lr setzt sie wieder in Gang, da schlottert es auf einmal tüchtig und der ganze Kasten wackelt bedenklich, er hat den oberen Mühl­stein gehoben, die Mühle läuft leer und nun wirft der Wind mit voller Gewalt die Flügel noch einmal so schnell herum, so daß der ganze hohe, schmale Bau erschüttert wird. Noch ehe wir es ahnen, hebt sich neben uns ein Brett am Boden, und es erscheint ein Sack voll Frucht, der durch die Förder­vorrichtung hochgezogen wurde. Dermolenaer" hat seine heimliche Freude, uns immer ein bißchen zu überraschen. Lr erklärt alle Einzelheiten, Windverhältnisse, Gestehungs- und Kbnutzungskosten usw. vor dem Kbstieg über die hohe Leiter müssen wir noch einen Blick aus dem Müllerfenster, dem reinsten Lulenloch hoch oben in den Brettern, werfen und genießen schonen Rundblick in die weite, flache, vlämische Landschaft: Einzelne Gehöfte mit grauen Strohdächern, zur Seite ein Dörfchen mit leuchtend roten Dächern inmitten der Baumgruppen und dichten Hecken, auf den Feldern die dicht­gestellten Fruchtgarben, dazu auf Wiesen das braune, wetter­harte Weidevieh.

Zum Dank mache ich eine photographische Kufnahme der Mühle, davor mein Kamerad und die Müllersleute.

Kber wir dürfen nicht ziehen, wir müssen erst noch in das Wohnhaus eintreten, die in ber eigenen Bäckerei her­gestellten Brätchen versuchen, man denke, Semmel, jetzt im Krieg ! und gut waren sie! und dazu eine gute Flasche dunkles Bier! Ja, sind wir wirklich in Feindesland? Mit demSohn- chen teilen wir das mitgebrachte Frühstück mit deutschem Schinken, und nun kennt die Freude der Familie kein Ende