Nr. 40. Gießen, 19. Sonntag nach Trinitatis, 10. Oktober 1915. 4. Jahrgang
Gotterglaube und Weltkrieg.
Brief an die Hebräer II, 1. Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet und nicht zweifelt an dem, das man nicht liehet.
Wer sein „Sch" als Ausdruck einer geistigen Persönlichkeit empfand, für den ist der persönliche Gott als Ausdruck der Urpersönlichkeit, von der überhaupt erst das menschliche „Sch" stammt, eine Forderung der Vernunft. Die unmittelbare Vermittlung dieser beiden geistigen Kräfte aber bewirkt der Glaube. Ls ist schade, daß unsere so reiche und, begriffsklare deutsche Sprache gerade dem Begriff „glauben" gegenüber etwas versagt, daß sie für das bloß „für wahr oder möglich halten" und für die innerste Kraft der Wechselbeziehung zwischen Gott und Mensch nicht zwei verschiedene Wörter besitzt. Freilich wird dieser Mangel, der sich besonders deswegen störend geltend macht, weil die religiöse Kraft des Glaubens in die höhen des irdisch Unsichtbaren führt, für jeden Denkenden doch schnell beseitigt: es wird uns sofort klar an dem machtvollen Einsatz des Glaubensbekenntnisses: „Sch glaube an Gott". Vas heißt nicht mehr: Ls kann ja immerhin sein, daß ein göttliches Wesen vorhanden ist woraus für den Fall, daß es wirklich existiert, noch keineswegs sich ergäbe, daß es sich nun auch in Beziehung zur Welt und den Menschen setzt, sich um sie kümmert. „Sch glaube an Gott": mit diesem Bekenntnis öffnet sich meine Seele, wie die Blüte dem Licht, dem heiligsten Wesen in höhen der Unendlichkeit voll bewußten und unerschütterlichen Vertrauens. Sn der Schatzkammer der Bibel findet sich denn auch die unvergleichliche Auslegung für das, was allein unter religiösem Glauben verstanden sein kann und will: Ls ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet, und ein Uichtzweifeln an dem, das man nicht sieht. „Ja, wenn man Gott sehen könnte!" ist einer der bekanntesten und — ehrlich gesagt oberflächlichsten Einwürfe des Unglaubens. Auch hier könnte der Krieg für manchen zum Lehrmeister werden. Täglich werden dort hunderttausende, ja Millionen aus Leben und Tod eingesetzt kraft des Geisteswillens einiger Weniger, schließlich eines Einzigen, des obersten Kriegsherrn, hunderttausende, Millionen geben oft ihr Letztes, höchstes und Bestes voll begeisterten Vertrauens auf ein einziges Genie daran, das sie noch nie gesehen haben und vielleicht nie sehen werden. Wer von unfern heldenmütigen Truppen unter
hindenburg hat z. B. wirklich einmal den greisen Feldmarschall von Angesicht zu Angesicht erblickt? Und wenn? Sst allein mit der leiblichen Erscheinung eines Kaisers, eines hindenburg die hinreißende Macht erklärt, die ihre Persönlichkeit auf die ganze Armee, ja, auf das ganze Volk und in gewissem Sinne auf alle Kulturvölker ausübt? Nicht wie sie aussehen, sondern was und wie sie wirken, ist das Entscheidende, weckt den bis zum Tode ausharrenden Glauben an sie. Und wir können noch weiter gehen. Kein Mensch wird aus sich heraus etwas Tüchtiges leisten, der nicht im guten Sinne des Wortes an sich selber glaubt. Aber findet er diese Kraft des Glaubens etwa, wenn er sich selbst im Spiegel beschaut? Dder spürt er nicht vielmehr ein geistiges, unsichtbares Wesen in sich, das ihm doch so vertraut ist, daß er mit ihm, mit sich selbst, Zwiesprache halten kann? Nun schaue hinein in die Herrlichkeit, Macht und Größe der Welt, mit allem, was sie birgt, dazu der riesenhaften, ununterbrochenen Kette der Menschheit in ihrer Gesamtheit, nimm dies alles in seiner vollständigen Geschlossenheit samt allen Wundern und Uätseln des Himmels, und du wirst doch erst gleichsam das Gewand erblicken, hinter dem sich der birgt, aus den du um dieser machtvollsten Urpersönlichkeit willen zuversichtlich hoffst, und nicht zweifelst an ihm, obwohl du ihn nicht siehst: Gott! Das ist der Glaube an Gott! An ihn, den persönlichen, nun auch im Donner der Schlachten, an ihn nun erst recht in den entscheidenden Schicksalsstunden des Weltkrieges!
Belgischer Nationalismus.
von Leutnant d. u. Vr. Ernst m e p e r - Gießen.
Sch schrieb an anderer Stelle einmal über den Nationalismus in Belgien, besonders in Brüssel, wie er sich von der Straße, wo seine Aeußerungen überwacht werden, in die Hallen der Kirche flüchte. Sn Belgiens zweiter Hauptstadt Gent findet sich in der Kathedrale im linken Ehorumgang eine Gestalt des Stadtheiligen Joseph und darunter ein für das Wahl der Stadt bittender Spruch:
„heilige Sozef, vor Kamp und Nouw bewaar ons Land met hart en Hand aan God getrow."


