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scheinen. Längs der langgezogenen Dorfstraße sitzen die Belgier haufenweise in unnachahmlicher Hockstellung, spielen Karten oder blinzeln in die Lonne, rücken die Mütze von einem zum andern Ghr, gähnen aus Langeweile oder spucken kunstgerecht durch die Zähne. Das Herz geht einem auf, wenn man die reichbestellten Fluren zu beiden Zeiten der Ztraße sieht; von dem leicht zu bearbeitenden oder gut tragenden Boden ist nichts zu sehen. Ueberall Frucht, Kartoffeln und Rüben, dazu der zum Hausgebrauch notwendige Tabak. Tin wogendes, bald in sattem Gelb flimmerndes, bald in tiefes Grün übergehendes Farbengemisch. Dabei sieht man kaum jemand im Felde. Ts scheint, als säßen die Belgier zu Hause und ließen draußen den lieben Gott alles allein machen,' man sieht es ihnen an, sie können arbeiten, sogar tüchtig und ausdauernd, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Tbenso können sie aber auch faul ganze Tage in der Gosse sitzen oder langausgestreckt, nur eine Matte unter sich, im Hausflur liegen und aus dem Ton­pfeifchen rauchen.

Nach zweistündiger Fahrt, während der einem eine seuchtwarme Lust um das Gesicht schlug, heben sich über Bäume und Hecken die Türme der Ztadt immer mehr in die Höhe. Tourtrai! Ich besuche alte Kameraden und meine alten Hausleute, deren Kinder mich auf dem großen Marktplatz ge­sehen und nun auf mich zulaufen und die Rrme um mich schlagen. Der Mutter, die bei ihnen ist, ist es sicher peinlich,' denn man wird es ihr in belgischen Kreisen schwer verdenken, solche offenkundige Sympathie für einen Deutschmann! Die Kinder wollen mit mir gehen, sie hat aber noch einige Kommissionen" zu besorgen. Das ist immer so, zu Hause da tauen die Leute allmählich auf und stellen sich zu einem, wie sich eben Menschen zu Menschen stellen, die sich im Kreise der Familie kennen und wohl auch schätzen lernen. Rber auf der Ztraße, da fürchtet einer die böse Zunge des andern,' davon später mehr. Zufällig höre ich von Kame­raden, heute abend im Zoldatenheim, einem theatermäßig ausgebauten großen Zaal, soll ein großes Künstlerkonzert stattfinden. Ts gelingt noch, eine Karte zu erhalten, die Fahrt wird um zwei Stunden verschoben.

Im Krieg, in Feindesland, wenige Kilometer hinter der Kampflinie, ein Konzert von erstklassigen deutschen Kräften. Wer ließe sich das träumen! Und nun merkte ich auch, welche ungeahnte Wirkung das rauhe Kriegshandwerk noch üben kann. Schon manchmal hatte ich gefürchtet, daß der Verstands­kasten einroste jetzt in dieser Zeit, wenn bei gelegentlichen Gesprächen das zunehmende verschwinden sachwissenschaft- lichen Wissens zutage trat, aber desto empfänglicher wird man zugleich für solche Genüsse. Früher lief ich wohl von Vortrag zu Vortrag, von Konzert zu Konzert und Theater, ein wahres Sichübernehmen geistiger und ästhetischer Genüsse, wie ganz anders jetzt!

Kein Zettel mit einer vortragsfolge und dergleichen wurde einem in die Hand gedrückt. Ruf der mit wenig Blumen geschickt geschmückten Bühne erschienen nacheinander, schein­bar ganz zwanglos und ohne Regel die Künstler und sagten selbst an, was sie uns darbringen wollten. Professor Bach- mann, Dresden, schuf mit wenigen Stücken am Flügel (Schu­bert, Schumann, Walzer und Nocturno von Thopin) die Stimmung. Rach ihm kam E. Leisner-Berlin; in ihrem ein­fachen weißen Sommerkleid, ihrem ernsten und doch freund­lichen, von dunkelbraunem Haar umrahmten Gesicht, stand sie plötzlich in der weiten, grünen Landschaft der Bühne. Und nun sang sie ihre ernsten Lieder und faßte die Zuhörer im Innersten. Keine Mimik, keine Geste, den Blick ins weite ge­

richtet. So war es ganz innerstes Erleben, das diese schöne Rllstimme zu wunderbarem Klingen brachte. Hatte ich früher vielleicht in manchem Konzert gesessen, mehr prüfend und mitarbeitend als rein genießend, hier wurde ich und mit mir viele andere zum Kind, mit ineinander verkrampften Händen saßen wir wie vor einer Offenbarung.

Roch klang es in uns fort, d>a löste Herr Wendling- Stuttgart (in Landsturmuniform) die Stimmung durch ein vornehmes Geigenspiel. Wie das zirpt und hüpft und einen schier vom Stuhl heben will, dies Menuett von Mozart. Wer sähe da nicht vor sich die Gestalten der werther-Zeit, wie sie wippen und sich in gemessenem Takt umeinander drehen in ihren schönen Hängekleidchen, ihren roten und blauen Fräcken. Da kommt, nach allen Seiten verbindlich lächelnd, wie ein Maienkind, Frau Tlara Dux (Sopran) herein, mehr trip­pelnd, hüpfend, wirbelnd als gehend. Sie lacht und läßt die Zähne blitzen hinauf zu den Feldgrauen auf der Galerie und bis in die hintersten Lcken des großen Saales. Mit etwas soubrettenhaft anmutender Liebenswürdigkeit hat sie schon, bevor sie beginnt, alle auf ihrer Seite. Tief empfindend und doch etwas neckisch bringt sie denRuftrag" von Schumann vor, schmettert die große Rrie aus Figaros Hochzeit; kaum kann sie sich bemeistern in ihrer Lebhaftigkeit, die Töne würgen sie beinahe in ihrer Kehle und drehen sie nach allen Seiten. Unter rauschendem Beifall hüpft sie davon.

Herr Mühlenhofer-Berlin trägt mit meisterhaft geschulter Stimme WildenbruchsDeutschland" vor. Es schaudert einen beinahe, zu hören, wie wahr der Dichter schon im Jahre 1889 alles geschaut hat, wie es jetzt gekommen ist,' ob ein solcher Mann mit dieser Sehergabe wohl ruhig sterben konnte, vor der Zeit, die er geschaut?

Knote, der auch in Gießen bekannte Bapreuther Sänger des Münchener Hoftheaters, singt ein in Ernst und Schalk­heit getauchtes GedichtZwischen Metz und den Vogesen" und zeigt mit derHeimlichen Rufsorderung" von Strauß, daß er nicht nur der Heldentenor ist.

Rlle treten noch einmal auf und heimsen reichen Beifall ein. Rm besten gefiel mir die Leisner, die trotz aller Heiter­keit im zweiten Teil der Vorträge sich wieder als die Inner­lichste zeigte, besonders in dem Wiegenlied von Brahms. Mit demGuten Rbend, gute Rächt" verklang der schöne Rbend. Ich Habe dieses Lied schon mehr gehört in einem weiten park von einem wohlbekannten hessischen Künstler auf dem Piston. Da, so allein, weit hinten unter Bäumen stehen, fern von der Menge, und diese helle Stimme in den Rbend dringen hören, das war schön. Rber hier saß ich im vollgestopften Saale, und was um mich herum saß, das wenig wechselnde Bild von Feldgrau, und vor mir die Kulissenlandschaft, konnte nicht die gleiche Stimmung bieten wie jener Rbend im park. Und doch hatte ich größeren, tieferen Genuß. Denn hier brachte kein Instrument die Töne hervor, hier waren es die Klänge einer edlen Frauenstimme, aus der unvermittelt eine tiefe Seele sprach.

Kurz nach 9 Uhr fuhren wir aus dem Städtchen zurück. Meine ehemaligen Hausleute, eine Rpothekerfamilie, der Rachbar, ein von mir vielbeschäftigter Photograph und andere bekannte Gesichter standen auf der Straße und sahen uns nach, die Kinder winkten, wir winkten zurück. Ernst blickten die Erwachsenen drein. Sie wußten: jetzt geht die Fahrt wieder zurück zur Front, die sie selbst nicht kennen, von deren ungeheuerlichem Geschehen ihnen nur der weithin hörbare Donner der Geschütze bisweilen erzählt.