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Gemeinöeblatt für dir evangelische Kirchtngkmeinde Gieszeer

Nr. 38. Bietzen, 17. Sonntag nach Trinitatis, 26. September 1915. 4. Jahrgang.

Der Krieg, ein Wegweiser zu Gott.

Apostelgeschichte 17, 24 u. 25. Gott, der die Welt gemacht hat und aües ( war darinnen ist, er, der ein kserr ist Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln mit fänden gemacht; sein wird auch nicht mit Menschenhänden gepflegt, als der jemandes bedürfe, so er selber jedermann Leben und Vdem allenthalben gibt.

Unter den unzähligen Gestalten, in denen der Krieg sich offenbart, macht eine besonders nachhaltigen Eindruck: der Krieg enthüllt sich uns als Träger rücksichtsloser Wirklich- keit. Wie ein morsch gewordenes Gewand fallen hunderterlei schiefe oder phantastische Auffassungen, die wir uns vom Leben und vom Sinn des Seins gemacht hatten, von uns ab; viel Selbstbetrug, auch viel eingebildeter Idealismus. Wir sehen die Dinge nicht mehr, wie wir sie sehen wollten, sondern wie sie sind. Wir sprechen in diesem riesenhaften Weltkrieg viel von dem Uiesenfeldzug der Lüge. Und tatsächlich ist sie als eines der unheimlichsten Geschwüre am Menschheitskörper ausgebrochen. Uber warum? Weil den Menschen, insbeson­dere denen, die diesen wahnsinnigen Krieg angezettelt haben, diejFülle erschütternder Wahrheiten, die er an den Tag bringt, allzu mächtig wird. Diese Wahrheit starrt ihnen nun ins Gesicht, wie einst nach der tiefsinnigen Auffassung der alten Griechen das versteinernde Bild der Medusa auf dem Schilde der Pallas Athene. Und weil sie diesen Blick unerbittlichster Wirklichkeit nicht zu ertragen vermögen, lassen sie vor den eigenen und anderer Augen die dicken Uebelschwaden der Lüge aufsteigen.

Diese Wahrheit dringt aber auch bis ins Innerste der Menschenseele, weit tiefer hinein als in alle unmittelbaren Probleme des Krieges. Sie stellt den Menschen gleichsam sich selbst völlig unverhüllt gegenüber und fragt ihn scharf: Wer bist du? Was glaubst du? Cs zeugt von erstaunlicher Kurz­sichtigkeit, wenn auch jetzt noch dieser oder jener die gewaltige religiöse Flutwelle, die unser Volk, draußen in der Front wie daheim, überkommen hat, als künstliches Gebilde oder als eine Art kindischen Aberglaubens aus blasser Todesfurcht hinstellen möchte. Nein, die Wahrheit, die unbestechliche Wirklichkeit der elementarsten Welterschütterung im Menschheitsganzen, des Weltkriegs, durchrüttelt nun auch das lange schlafum­fangene Gewissen jedes einzelnen, und forscht erbarmungslos: Was denkst du von dir selbst? Tue Kechenschaft! Und da tritt an jeden schließlich die Aufforderung zur Aeußerung über

den Satz heran:Ich glaube an Gott den Vater, den All­mächtigen, Schöpfer Himmels und der Erden". Wir hatten ihn vielleicht mit der Schulzeit der Kinderjahre begraben, aber in der großen Schule des Lebens taucht er von neuem empor, nur daß der Weltkrieg jetzt der ernste Prüfer ist, der die Entscheidungsfrage stellt. Und wunderbar! Das erste Wort gleich rafft uns zu stärkster Selbstbesinnung aus: das Ich" als Ausdruck der Persönlichkeit. Man kann ruhig sagen: Mit der Stellungnahme zum Ich entscheidet sich auch die Stellung zu Gott. Aber auch das ist gewiß: Ein Kriegs­jahr enthüllt uns das Wesen echter Persönlichkeit schneller und überzeugender, als oft zehn Friedensjahre. Zumal denen in der Schlachtfront und im Schützengraben. Denn sie er­leben nun an sich und erst recht an anderen, an ihren Führern, ihren Kameraden, was überhaupt Persönlichkeit ist. Wo stammt dieses wunderbarste, wesenvollste Gebilde her? Aus der wesenlosen, bestimmungslosen Masse des kosmischenUr­schleims", aus dem die ganze Welt und somit auch du und ich erstanden sein soll? Können wir uns im Ernst den Edel­charakter unseres Kaisers, das titanenhafte Genie eines hin- denburg, aber können wir uns auch nur das stille Heldentum des nächsten besten Musketiers, diese schlichte und doch an­steckende Willens- und Bestimmungs- und Bewußtseinskraft, entstanden denken aus einem allgemeinen Lebensbrei? Und wo wäre denn dort das Leben hergekommen? Nein, eine ein­fache Forderung der Vernunft, des logischen Denkens, sagt uns: das menschliche Ich ist da als Persönlichkeit, und doch schuf es, wie keines der Milliarden menschlicherIch", sich selbst. Nun kann kein Werk ohne Meister bestehen. 5o muß denn das menschlicheIch" stammen von einem höheren, machtvollerenIch", demIch" der Urpersönlichkeit. Und das allein begreifen wir unter dem Uamen: Gott.

Ein Tag hinter der Hront.

von Leutnant d. u. Dr. Ern st Meper - Gießen.

An einem wirklichen Bommertag, deren wir hier so wenige gehabt, fuhr ich mit dem Feldgeistlichen der Lazarette von Werwick über Menin nach Tourtrai. Ueberall Feld­graue von den Kolonnen, die sich recht gut eingerichtet haben und gut mit der einheimischen Bevölkerung zusammenzuleben