Einzelbild herunterladen

151 rr

Denselben Weg gehts zurück durch die abendlich glän- * zende 5Iur. Schon dunkelt es, als wir unserem Lestimmungs- ort entgegenfahren. Die Schwüle des Abends ist abgelöst von beinahe herbstlicher Frische. Fast ganz still wird es. nur hier und da hört man das Rollen einzelner Schüsse. Die Einzel­heiten in der Landschaft verschwinden mehr und mehr. Am Horizont blitzt es wie wetterleuchten aus Wolkenbänken, ein greller Feuerschein, das Mündungsfeuer schwerer Kaliber. Ganz in der Ferne, wo die Erde und der Himmel ineinander- fließen, steigen kleine, Helle Punkte aus und verschwinden, Leuchtkugeln! Dort ist die Front! - (Es war ein Werktag

wie alle, an dem wir diese Fahrt gemacht. Sn Wirklichkeit war es ein Sonntag für das Herz.

warum der Grenzer-Rarl die Rosen lieb hat.

Erzählung von Karl Hesselbacher.

(Fortsetzung.)

Ehe Fränz reden konnte, stand wie aus dem Boden cheroorgewachsen, der Hannes vor ihr. Der alte Mann war ganz weiß im Gesicht, so war er von starker Erregung

durchzittert.

Fränz, weg von dem Patron da! Weißt du nicht,

was da für ein Durfch ist?"

Mit entsetzten Rügen schaute Fränz auf den zornigen Mann. Unwillkürlich ließ sie ihren Arm dem des Burschen, als wolle sie bei dem jungen Menschen Schutz suchen gegen den Angriff, mit dem sie der Hannes überfallen wollte.

Guck deinen Strauß da an!" rief Hannes.Gleich reiß ihn in Fetzen und laß dich nicht mit ihm sehen. Sonst verlierst du deinen Dienst und wirst noch vor Nacht aus dem Haus gejagt wie der da, den der Forstmeister wie

einen Hund zur Türe hinausstößt!"

Was ist?" fragte Fränz stammelnd.

Was ist?" schrie der Hannes.Ein Lump ist gekom­men und hat des Forstmeisters schönsten Nosenstock, der die weißen Rosen trägt, zusammengerissen. Wie ein Teufel hat er gehaust. Kein einziges Röslein hängt mehr an dem Strauch. Die Knospen sogar sind weggerissen. Der Forstmeister hat gemeint, daran seien die Turner schuld. Die seien wild wie die Eber durch das Dorf gesprungen. Sch habe ihm aber gesagt, da steckt ein anderes Früchtlein dahinter ich will es schon finden! Und wie der Forstmeister nicht hat zum preisvertei­len gehen wollen aus lauter Aerger auf die Turner habe ich ihm gesagt, gehen Sie nur hin grad dann bringen wir den Spitzbub heraus! Und ich sag es ja, ich habe ihn gefun­den. hast du nicht diese Rosen von dem Walzbruder da? Sag ja oder nein!"

Fränz nickte wortlos mit dem Kopf.

Sieh, und das sind die Rosen, die er aus dem Forst­meistergarten gestohlen hat! Das sind seine Künste. Was nicht niet- und nagelfest ist, das läßt so ein Kerl nicht stehen. Und dem willst du deine Seele verkaufen?"

Die Fränz biß die Zähne aufeinander:Fremde Leut, die auf der Straß zueinander kommen, sollen nicht hart gegen einander sein. Sch steh zu dem Mann, der für mich ein­gestanden ist. Sch bin ohne Heimat hier, und der ist ohne Heimat hier. Drum fahren sie alle auf ihn los und verstoßen ihn. Sch verstoße ihn ncht."

So?" rief Hannes.Dann ist er vielleicht auch für die schwarze Mine eingestanden? Und die hat er auch auf der Straß getroffen? Oder am End etwa in dem Schwanen?

Oder was weiß ich wo? Bei seinen Spaziergängen am Sonntag nachmittag, von denen kein Mensch gewußt hat, wo er gesteckt ist?"

Was ist mit der schwarzen Mine?" fragte Fränz und wurde totenblaß.

Der Hannes zeigte mit dem Finger in das Gewühl der Turner, die sich jetzt von der Tribüne entfernten und mit ihren Preisträgern stolz zum Tanze schritten. Der städtische Turner, der den ersten Preis geholt hatte, führte lachend am Arm die schwarze Mine, an deren roter Bluse der weiße Ro­senstrauß mit doppelt grellem Leuchten über den ganzen Platz herüberglänzte.

Da riß die Fränz ihren Arm aus dem des erschrockenen Grenzer-Karl, der gar nicht recht wußte, was und wie ihm geschah,pfui!" rief sie.Für die schwarze Mine bin ich zu gut! Willst du mit der Kamerädles machen, so geh hin zu ihr, aber mich laß aus dem Spiel!"

Sie lief davon, ehe der arme Bursche nur ein Wort der Verteidigung herausbrachte. Denn sie fühlte, daß ihr die Tränen kamen.

Er rief ihr noch nach:Fränz, Fränz, hören Sie doch! Ts sind ja weine Rosen, ich habe sie selber . . ."

Gestohlen!" höhnte grimmig der alte Hannes.Und wenn du dem Forstmeister in die Hände kommst, so bleibst du nimmer am Leben. Sch rat dir im guten, pack deine sieben Zwetschgen zusammen und mach, daß du fortkommst. Mor­gen früh darfst du nimmer zu finden sein!"

Der Bursche stand mit völlig verzweifeltem Herzen, wie ein Kreuzträger zerknickt unter dem ungeheuren Kreuz­balken. Er krampfte die Fäuste zusammen. Wie einer, der am Ertrinken ist und um einen Strohhalm die Finger zu- iammenzwingt, ehe es vollends hinunter geht in die furcht­bare Tiefe.

Langsam schritt er von dem Festplatz weg.

Zum Forsthaus ging er nimmer. Er fühlte in seiner Tasche nach seinem Messer. Denn er hatte noch ein Geschäft zu erledigen. Dazu brauchte er das Messer. Dies Geschäft war imSauloch" zu vollziehen. Die Rosen mußten sterben. . . Dann ging's hinaus in die Fremde! Wohin? Das wußte er nicht. Irgendwohin zu den Leuten, deren Heimat die Straße ist. Die stoßen keinen in den Graben . . .

* * *

Aus dem stampfenden und jauchzenden Tanzgewühl schaute nur ein einziges Augenpaar dem Grenzer-Karl nach, wie er zum Waldberg Hinausstieg. Er hätte vielleicht seinen Schritten halt geboten, wenn er diese todtraurigen Augen ge­sehen hätte. Das waren die Augen der Fränz.

Jetzt geht er ins Elend!" dachte sie. Sie war hinter der Kirche herumgegangen, um auf einem Umweg nach Hause zu kommen. Don dem steilen Kirchenhügel konnte sie weit hinaus ins Land sehen, und drum siel ihr auf der hell­golden beschienenen Wiesenhalde, die zum Bergwald hinauf­führte, die gebeugte Gestalt aus, die dort emporklomm wie ein gekrümmtes Männlein, dessen Rücken die Jahre gebo­gen haben. Die Nelke am grauen Hut, die er vergessen hatte, herunterzureißen, leuchtete im Strahl der abendlichen Sonne blutig rot.

Die Fränz durchfuhr es mit wehem Leid. Sie mußte sich plötzlich erinnern, wie er als ein bleicher, verhungerter Mensch auf den Hof des Forstamtes gekommen war, und wie sie seine Augen gesehen hatte, die sie an ihren Bruder erin­nert hatten. (Fortsetzung folgt.)