Kriegsnöte der Landgraf in (Siegen gepredigt hatte und wo an Wochentagen die Pfarrer der Umgebung für ihre nach Gießen geflüchteten Gemeindeglieder Gottesdienst gehalten hatten. Der Bltar war ein gewöhnlicher, mit schwarzem Damast bedeckter Tisch. Buch der Taufstein war kein Meisterwerk der Bildhauerkunst, sondern ein einfaches Becken. Man saß auf Blöcken und Steinen, und da das Dach schadhaft war, so gab es kaum ein trockenes Plätzchen. Da die Glocken fehlten, so wurde zu Beginn des Gottesdienstes getrommelt, ein Knabe aus der Stadtschule ersetzte, indem er vorsang, die fehlende Grgel, auch trug er während des Gottesdienstes den Klingelbeutel herum. Trotz der mangelhaften Einrichtung fand sich in dem so dürftig ausgestatteten Baume in der Begel eine zahlreiche Versammlung ein, da die Stadtkirche längst zu eng geworden war. Um den Studenten der Theologie Gelegenheit zu geben, sich im predigen zu üben, wurde ein Uachmittagsgottesdienst eingerichtet. 1651, so heißt es in dem von uns benutzten Bufsatze, wurde von den Studenten eine „liebliche Music" eingerichtet. Buch wurde in dem Ball- Hause Thristenlehre gehalten. Sn der alten Zeit fanden bei weitem mehr Wochengottesdienste statt als in der Gegenwart, so wurde auch in der Gießener provisorischen Kirche an jedem Donnerstag ein Frühgottesdienst gehalten.
Zu einer Kirche wurde das Ballhaus vorläufig noch nicht umgebaut, da man nicht wußte, ob eine zweite Kirche in Gießen dauernd nötig sei. Bber man sorgte doch wenigstens für bessere Sitzgelegenheit. Generalleutnant Ernst Blb- recht von Eberstein, Begierungsrat Dr. Georg Dietrich und Hof- und Leibmedikus Dr. Johann Daniel Porst taten sich zusammen und ließen Stühle für diese Notkirche machen. Damals dachte man auch daran, das Gebäude für Schulzwecke einzurichten, es sollte ein sogenanntes „Pädagogium" darin Unterkommen,' andere hätten lieber gesehen, daß man wieder ein Ballhaus daraus gemacht hätte. Pfarrer Dr. Naumann schreibt in seiner Festschrift zur Einweihung der Johannes- kirche, in der er auch einen Bückblick auf die alten Gießener Kirchen wirft: „Daß dies trotz langer Verhandlungen doch nicht geschah, daran waren besonders die Berzte schuld. Denn angesichts des dort zu übenden Ballschlagens, Turnens, Springens u. dergl. wurde, wie es heißt, ,von den Herrn Medicis bei einem Ballhaus denen Studierenden doch diese Motion für allzustark gehalten.' Müssen das zartmuskelige Studenten und noch mehr zartnervige Berzte gewesen sein!!"
Landgraf Georg II. gab hier den Busschlag. Er sah ein, daß eine zweite Kirche besonders deshalb dringend nötig sei, weil die Universität von Marburg wieder nach Gießen zurllck- verlegt worden war und weil in Kriegszeiten der fürstliche Hofstaat, eine starke militärische Besatzung und die in der Stadt Zuflucht suchenden Landleute die Bevölkerungsziffer beträchtlich in die höhe schnellten.
Sm Zusammenhang mit den Erörterungen über den Umbau des Ballhauses zu einer Kirche wird übrigens mitgeteilt, daß die Gießener Studenten vor Busbruch des Dreißigjährigen Krieges berechtigten Bnlaß zur Klage gegeben hätten. Sie seien nämlich während des Gottesdienstes auf dem Stadtkirchenplatz spazieren gegangen, seien bald in die Kirche, bald wieder aus dieser herausgegangen und hätten somit den Gottesdienst gestört. Man sieht hieraus, daß in der „guten alten Zeit", die manche so sehr preisen, Zucht und gute Sitte doch nicht überall zu finden waren.
(Schluß folgt.)
Erinnerungen eines alten Mannes.
von Generalarzt a. D. Vr. (Otto Kappesser in Darmstadt.
23. Gottes Segen über deutsches Land.
Die dermalen so schön sich gestaltenden Herbstaussichten lassen mich des gesegneten Weinjahres 1846*) gedenken, dessen sich wohl nur noch wenige erinnern werden so wie ich, der ich damals mein 16. Lebensjahr vollendete.
Freilich nur als Weinjahre gleichen sich die beiden; denn während jetzt so reicher Segen über die deutschen Felder sich ergießt und hoffentlich noch weiter ergießen will, gleichwie ein Protest gegen das frevelhafte vornehmen unserer Feinde, die, was sie mit Waffengewalt, mit Trug und Verleumdung nicht erreichten, durch Hunger beim deutschen Volk erzwingen wollen (und hoffentlich bald am eigenen Leibe spüren sollen), war jenes berühmte Weinjahr ein rechtes Jahr des Unglücks durch eine volle Mißernte, wie sie seit Menschengedenken, seit dem 30 Jahre zurückliegenden Hungerjahr 1816 in deutschen Landen nicht war erlebt worden.
Sn einer Hellen Frühlingsnacht nämlich zu Bnfang Juni hatte eine plötzliche Kältewelle als Spätfrost über ganz Deutschland sich vom Norden bis zum Fuß der BIpen ergossen und die Kornblüte so völlig vernichtet, daß man nur leeres Stroh erntete, da die tauben Behren nicht das Dreschen lohnten. Gerade aber im schönen Bhein- und Weinland wirkte der reiche herbst gleichsam wie ein heilendes pflästerchen aus die schwere wunde, daß man das allgemeine Unglück weniger empfand.
Gerade so wie auch jetzt waren die Trauben im vergleich mit anderen Jahren so fortgeschritten, daß man schon Mitte Bugust die Weinberge schloß. Sch erinnere mich, daß, als ich am ersten Sonntag im September mit der ganzen Familie nach dem Nachbarort ging, um die auf diesen Tag fallende Kirchweih bei unserer Großmutter zu feiern, ich in unserem am Wege liegenden Wingert einen ganzen Korb voll herrlich reifer Gutedel schneiden durfte, um sie zum festlichen Mahl als Nachtisch mitzubringen, von der großen Fruchtbarkeit zeugte damals ein Hohlweg, neben dem ein abgängiger Weinberg ausgerottet worden war. Bus den liegen gebliebenen wurzeln waren Beben wild aufgeschossen, welche wieder Trauben trugen!
Gegen Ende September bei fast sommerlicher wärme hatten häufig auftretende Begen sich eingestellt, so daß eine Schädigung des Ertrags durch Fäulnis drohte und man lange vor der sonst üblichen Zeit, schon am l. Oktober, mit der Lese beginnen mußte. Da ergab sich nun zu allgemeiner Ueberraschung am ersten Lesetag, daß der Ertrag alle seitherigen Voraussetzungen weit übertraf. Das führte dann zu manch tragikomischem Notfall, um Fässer und Gefäße für all den reichen Segen zu schaffen. Die Waschbütten der Frau mußten herhalten, und abgedankte alte Begenfässer wurden wieder mit Läden versehen, um zur Bufbewahrung des Mostes zu dienen. Wenn dann so ein Faßgreis, kaum gefüllt,
*) Lei der Zusendung seiner Zugenderinnerung aus dein Jahre 1846 schreibt der nun im 86. Lebensjahre stehende ljerr Verfasser: „wein Gegenstand scheint eigentlich zur Verhandlung in einem kirchlichen Blatte wenig geeignet zu sein. Ober als Zwischenspeise bei der ständig schweren jetzigen Olltagskost kann er wohl Oufnahme finden. Ich selbst bin ja Onhänger absoluter Temperenz. Ich habe seit 30 Jahren keinen Tabak mehr geraucht, seit 25 Jahren kein Bier mehr getrunken und wohl seit lO Zähren bis auf außerordentliche Gelegenheit dem wein entsagt. Ober ich mißgönne keinem die Gottesgabe, ich selbst entbehre bei meiner Lebensweise nichts."


