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heute geht etwas vor in der Natur. Um 3 Uhr nachts stand ich Wache am jenseitigen Waldrand. Da war es dunkel, aber Mäuse, Ratten, Ratzen und Füchse waren meine Vorhut. Ich dachte, solange die so ruhig weiter rascheln, ist keine Gefahr, erst wenn sie in eiliger Flucht das weite suchen, dann heitzt es: Gewehr vor! vie Tannen standen und brei­teten ihre Reste aus, wie die Henne ihre Flügel ausbreitet,- die Wipfel waren gen Himmel gereckt als die Finger der Natur, die nach oben zeigen. So stand Tanne um Tanne, Reihe um Reihe am Lcrgeshang, ein betendes Volk, das da rief: Herr, hilf uns!

vie Stunden vergingen und der Tag brach an, duftig und rein zog es vom Tal herauf und strich an den Tannen empor, und es ging ein Raunen durch die Zweige: heute ist Himmelfahrt!

Ls war Tag, die Tannen aber standen, Stamm um Stamm, von Rerg zu Berg, soweit das Rüge reichte, als eine Orgel im Weltall. Sie folgten meinen Gedanken, es ging ein Sausen und Brausen von Berg zu Berg, verstärkte sich und ging dröhnend im vonner zuin Himmel: Herr, hilf uns!

Jetzt ist es ruhig geworden, milder Sonnenschein lacht im Tale hernieder auf blumige Wiesen. Rlare Tröpfchen rinnen von Strauch und Halm zur Wurzel, sie bringen Wachstum, Gedeihen und Nahrung für den Menschen. Fleißige Bienchen tragen Honig und summen sich zu: Eile, Schwesterchen, eile, den Menschen zur Freude, auch Würze zur Nahrung sollen sie haben. Rleine Sänger singen in den Zweigen gar lieblich von Frieden und Heimat, und der Bach murmelt dazu, und der Röhrenbrunnen plätschert, daß es wie ein leises Richern klingt. Rm Bach steht einer und wäscht sich, patsch, fährt er hinein, jetzt fliegt der ganze Strahl über ihn, und die Tropfen funkeln im Sonnenschein. 3m Walde klopft einer eine weiden- pseife. Friedlich und froh ist die Ratur, darüber hin wandern Wölkchen, weiß und licht in endlosem Zuge, wie schuldlose Jungfrauen, sie sprechen: Ruf, laßt uns zum Feste ziehen, zur Feier der Himmelfahrt!

Rls ich das sah, da sagte ich mir: der Herr wird helfen, wenn seine Stunde gekommen ist."

ver zweite Brief beschreibt mit folgenden Worten einen Feldgottesdienst, der am 1. Rugust, dem Jahrestage der Mobilmachung, gehalten wurde:Gestern war Feier des Jahrestages der Mobilmachung. Tine wunderbar ergrei­fende Rnsprache hat der Feldprediger gehalten, ver Text war: Beschließe einen Rat, und es werde nichts daraus, viele Soldaten haben sich die Tränen weggewischt, lauter Helden, die ohne Furcht und Zittern dem Tod in das Rüge gesehen haben. Sie haben die Größe und Herrlichkeit un­seres Gottes erkennen müssen bei der überzeugenden, hin­reißenden Rnsprache des Predigers. So eine Rede kann nur der halten, der mit dabei und Zeuge des großen Sterbens ist, das über die Menschen gekommen ist. Wohl tausend Mann haben dem Gottesdienste beigewohnt, und Musik be­gleitete die Thoräle. Still sind alle nach Hause gegangen, und manchem wird dieser Tag unvergeßlich im Gedächtnisse stehen. Wollte der liebe Gott mehr solcher Prediger er­leuchten, daß endlich die breite Masse ergriffen und hin­geführt werde zu den Bergen, von welchen uns Hilfe kommt."

vie vurgtirche zu Gießen.

3m Unterschied von mancher deutschen Stadt fehlt es in Gießen ganz und gar an alten Rirchen. Städte wie Rugs- burg, Regensburg, Nürnberg, Heidelberg, Hildesheim ganz abgesehen von den großen, zumeist katholischen Städten

wie Mainz, Röln und Trier - weisen eine Fülle von alten, interessanten Rirchenbauten auf. vie Gießener Rirchen stam­men meist aus neuerer Zeit, vie Stadtkirche wurde in den Jahren 1809 1821 erbaut, nur der Turm ist bedeutend älter,- wie eine Inschrift an einer Tür dieses Bauwerkes ausweist, so hat man 1483, also 10 Jahre vor Luthers Geburt, mit dem Lau begonnen, vie Johanneskirche wurde erst 1893 vollendet, vie alte katholische, jetzt zum Vereins­haus umgebaute Rirche stammt aus der Mitte des 19. Jahr­hunderts, und die neue katholische Rirche ist ein ganz mo­dernes Bauwerk, vie alte Pfarrkirche zu Selters, die auf dem Seltersberge lag, wurde um das Jahr 1533 abgebrochen, vie alte Stadtkirche, auch Pankratiuskirche genannt, ur­sprünglich ein schöner, stilgerechter Lau, dann aber durch Rn- und Umbauten entstellt, wurde 1809 abgebrochen, nach­dem man sich nach langjährigen Verhandlungen zu einem Reubau entschlossen hatte.

Fünfzehn Jahre später wurde auch die Burgkirche ein Raub der Vergänglichkeit. Ueber diese Rirche, die ihren Standort im heutigen Botanischen Garten hatte, sei auf Grund eines Rufsatzes, der sich in den hinterlassenen Papieren eines längst verstorbenen Gelehrten fand und später in die Thronik der evangelischen Rirche Gießen Rufnahme gefunden hat, hier einiges mitgeteilt.

Schon im Jahre 1607, bei Begründung der Universität, dachte man in Gießen an den Lau einer zweiten Rirche. Sie sollte in den Burggarten, der damals für Wohnhäuser (die späterenReue Bäue") bestimmt war, zu stehen kommen. Zu den Baumitteln hatten die Zünfte der Stadt bereits einen nennenswerten Beitrag in Russicht gestellt. Ruf Veran­lassung des damaligen Rommandanten und Rmtmanns von Schrautenbach sollte zu derselben Zeit das Wasser von Rödgen bis nach Gießen geleitet und auf dem Markte ein Spring­brunnen errichtet werden, vie Rusführung dieser beiden Projekte schien der Gießener Bürgerschaft jedoch zu kostspielig zu sein, und man entschied sich in sehr weiser Ueberlegung dafür, keines davon zu. verwirklichen, vamals sagte der Gießener Superintendent und Pfarrer 0. Winkelmann eines Sonntags auf der Ranzel:Man gibt bei uns viel an und führt wenig aus. Wo bleibt unsere Rirche? wo unser Spring­brunnen? Ich glaube, was die gemeinen Leute obschon im Sprichwort sagen: die Rirche ist in den Brunnen gefallen."

Rber ein anderer plan kam damals zur Rusführung. Tin italienischer Ballmeister, namens Peter Toutier (der Rame klingt allerdings mehr französisch) schlug vor, man solle ein Ballhaus bauen, viese Rnregung fiel auf guten Soden. Leider ereignete sich bei der Fertigstellung dieses Laues ein Unglücksfall. Tin Balken stürzte herab und traf den Zimmermann Johannes Zimmermann so unglücklich, daß er starb, vieses Ballhaus, das nach unseren modernen Be­griffen eine Turnhalle, ein Raum für Ballspiel und Leibes­übungen war, wurde auf demselben Platze errichtet, den man für eine Rirche ausersehen hatte.

Sehr bald stellte sich heraus, daß es sehr übereilt und töricht gewesen war, den plan des Italieners auszuführen. Ts fanden sich nämlich nicht genug junge Leute, die sich an seinen Uebungen beteiligten. Obwohl damals in Gießen, wie es in dem alten, von uns benützten Rufsatze heißt,viele junge Grasen, Freiherren, edle und unedle, reicher Leute Söhne studierten", so konnte der Lallmeister doch sein Leben nicht fristen, und er versuchte bald sein Glück an einem anderen Grte. Tinem Lallmeister, der von Marburg herüber­kam, ging es nicht besser, auch ihn trieb mangelnder Verdienst