Einzelbild herunterladen

143

bald wieder weg. Vollends, als im Jahre 1623 die Universi­tät nach Marburg verlegt wurde, verödete das Ballhaus immer mehr. Ls wurde immer abgängiger, da niemand etwas zu seiner Wiederherstellung aufwenden wollte.

So gingen 20 Jahre in das Land, sie waren für Deutschland, auch für Gießen, unendlich unheilvoll. Während jetzt, abgesehen von einem ganz kleinen Bezirke im Gber- elsaß, der große Weltkrieg auf fremdem Loden ausgefochten wird, war damals Deutschland der Schauplatz der wildesten Kämpfe, Hunger und Seuchen gingen verderbenbringend durch unsere Gaue, und die Unsicherheit nahm immer mehr zu. Da Gießen in Unbetracht der damaligen Verhältnisse stark be­festigt war und man die furchtbaren Geschütze, die jetzt in Gst und West die Festungen unserer Feinde in unsere Hände gebracht haben, noch lange nicht Kannte, so suchten die Land­leute der Umgegend Schutz innerhalb der Mauern unserer Stadt. Zeitweise hat hier die ganze Gemeinde Gleiberg einen Unterschlupf gefunden. Ls mag damals in Gießen ähnlich gegangen sein wie jetzt in den russischen Städten, die die Flüchtlinge aus den von unseren Truppen besetzten Ge­bieten aufnehmen. Unter diesen Umständen war die Stadt- Kirche zu Klein geworden. Viele Kirchenbesucher saßen wäh­rend des Gottesdienstes auf Blöcken und Steinen und in Winkeln, die durch die Feuchtigkeit des Mauerwcrks kaum zu benutzen waren. Darum schlug im Jahre 1645 der Gber- kommandant der Stadt und Festung Gießen Generalleutnant Ernst Ulbrecht von Eberstein vor, daß man in dem Ball- Hause einen gottesdienstlichen Kaum herrichte, in dem Gar­nison- und Feldprediger Stephan Schüßler Gottesdienst halten solle. Diesem Vorschlag erteilte Landgraf Georg II. seine Genehmigung. (Fortsetzung folgt.)

Warum der Grenzer-Rarl die Rosen lieb hat.

Erzählung von Karl Hesselbacher.

(Fortsetzung.)

Die Fränz wußte nicht recht, ob sie annehmen wolle. Für den Festzug mußte jedeEhrendame" geschmückt sein mit einem Strauß, den einer der Burschen ihr gebunden hatte. Wer würde ihr den Strauß reichen? Sie konnte ja den Forstmeister bitten, ihr aus dem Garten Blumen zu schenken, und dann konnte sie den Strauß selber machen. Uber ihr Stolz bäumte sich gegen den Gedanken auf. Und von selber dachte der Forstmeister natürlich nicht daran.

Durch den dämmernden Hof schritt der Grenzer-Karl. Er stutzte, als er das Mädchen in Gedanken versunken sah. Es war sonst nicht ihre Urt, still zu sitzen. Er wagte es, neben sie zu sitzen wie schon lange nicht mehr. Um hin- und herreden verriet sie den Grund ihrer Unsicherheit.

Der Bursch faßte sich ein Herz:Fränz, wenn Ihnen der Walzbruder nicht zu gering ist ich wüßt einen, der Ihnen einen Strauß bringt, wie ihn kein Ulädchen am Sonn­tag trägt. Ulle im ganzen Dorf müssen Sie beneiden."

Die Fränz sah ihn an.warum sollt ich den Strauß nicht nehmen? wenn er aus gutem Herzen kommt, findet er einen guten Platz. Stolz sein Hab ich nicht gelernt im Leben, wenn man zu den Geringen gehört, lernt man bei­zeiten das Ducken und bas Lücken. Ich bin hier so fremd wie Sie, und fremde Leut, die sich auf der Straß treffen, sol­len nicht gegen einander hart sein, so haben Sie einmal ge­sagt. Das Wort hat mir gefallen."

Dem Burschen schlug das Herz bis an den hals. So hatte die Fränz noch nie zu ihm gesprochen. Er mußte an

den Forstmeister und die Begonien denken. Blüht sie jetzt, die Blume, die so stolz ist und weiß, wieviel sie wert ist und darum so lang braucht, bis sie ihren Kelch auftut?

Die Fränz duldete, daß er ihre Hand nahm.Bm Sonn­tag morgen liegt der Strauß vor dem Fenster der Küche!"

*

Frisch, fromm, froh, frei! hoch edle Turnerei!"

Im Taktschritt ging's über die weiße Landstraße. Die schlanken Gestalten der jungen Männer in ihren knappen weißen Turnhosen und den hellgrauen Jacken gingen, wie wenn sie Sprungfedern in den Gelenken hätten. Ihre Ge­sichter sprühten vor Lebenslust.

Ls waren die Turner aus dem nahen Städtchen. Zwi­schen die Lieder, die sie sangen, flogen Scherze und frisches Lachen. Eben führte der weg an dem weißen Staketen­zaun des Forstmeistergartens vorüber. Lin Bosenbäumchen ließ seine Krone über den Weg herüberhängen. Weiße, mit seinem rosa hauch überschimmerte Blüten waren wie Schnee, den die Morgensonne bestrahlt, über das rötlich leuchtende Laub gestreut. Lin Blütenbusch, wie ihn sonst nur der Sommer zeitigt. Ls war der Stolz des Forstmeisters: die Bose, die ererrötende Jungfrau" nannte.

Liner der jungen Leute rief übermütig:Das lasse ich mir gefallen. Die Vruchhäuser haben ihr Dorf zum Fest schön geschmückt, her mit der Herrlichkeit!" Er zog ein Messer aus der Tasche und schnitt mit ein paar kecken Schnitten die allerschönsten Llütenzweige ab und steckte den mächtigen Bosenstrauß in den Busschnitt seiner Turnjacke.

Im strammen Marsch ging es in das Dorf.

Durch das Dorf klang bald der Ton jauchzender Lust. Becher klangen, Lieder schallten. Wägelein rasselten durch die Gassen. Mädchen mit weißen, steifgestärkten Kleidern und bunten Schärpen über der Brust schritten reihenweise durch die drängenden Turnerscharen.

vom Dorseingang her kam die Fränz. wie lieblich sie aussah! Das einfache Kleid floß um die geschmeidige Ge­stalt wie ein lichter Schimmer. Das Goldhaar trug sie heute wie ein Krönlein aufgesteckt, und um dies Krönlein lag ein schmaler Kranz von Herbstastern, die in lichtem Blau wie zarte Sterne aus dem anmutigen Kopfe strahlten. Statt der Schärpe hatte sie einen Gürtel aus einem buntfarbigen Seidenband, so wie es die Mädchen sonst um den Spinn­rocken schlingen. Das Land war in der frühsten Morgen­frühe vor ihrem Fenster an der Küche gelegen. Um einen Bosenstrauß von wundervollen weißen Rosen geschlungen, die einen seinen rosa Schimmer ausstrahlten, wie wenn die lichten Morgenwölkchen am Hellen silbernen Himmel stehen, ehe die Sonne über den Kamm des Waldes emporgeklom­men ist.

Die Musik schnarrte und dröhnte. Die grellen pfiffe der Flöte und das Cjuieken der Klarinette gaben die Melodie, und die Laßtrompeten spielten die Begleitung dazu.

Mit Krach und Lumm ging es zum Festzug, der auf dem Festplatz unten aus der wiese am Flusse endete. Die Bede des Turnwartes des Turngaus warunbeschreiblich schön". Dann kamen die Bedungen der Turner an Barren und Beck und Pferd, und schließlich das Bllerschönste, die Turnreigen mit den Stäben und den Keulen. Das lachende ' Bild der Gewandtheit und Kraft strahlte über den grünen Bnger und die blitzenden Wellen des Flusses wie ein Triumph der Menschenschönheit über die Pracht der geschmückten Erde.