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Nr. 36. Giehen, 15. Sonntag nach Trinitatis, 12. September 1915. 4. Jahrgang.

Schlaflose Nächte.

Psalm Z, 6. Ich liege und schlase und erwache; denn der Herr hält mich.

Schlaflose Nächte! Dem kleinen Kinde sind sie unbekannt. Wenn es sich den Tag über munter im Spiele getummelt und keinen Augenblick Buhe gehabt hat, so umfängt es am frühen Abend tiefer, traumloser Schlummer, aus dem es erst er­wacht, wenn die Sonne schon längst über die Berge gestiegen ist und die Erwachsenen mehrere Stunden gearbeitet haben. Auch der junge Mensch weiß nicht, was es heißt, schlaflos die Nacht verbringen. Lr erfreut sich noch ungestörter Ge­sundheit, ihn plagen noch keine Sorgen, froh erwacht er beim Schein des Frührotes. Anders ist es mit dem, der vom Leben schon tüchtig hin und her geschüttelt worden ist. Sorgen um die Existenz, Kummer um Leid, das in der Vergangenheit liegt, trübe Aussichten in die Zukunft, eine erschütterte Ge­sundheit rauben ihm den Schlummer. Es gibt kaum etwas peinvolleres, als Stunde um Stunde in der Nacht die Uhren schlagen zu hören. Man wälzt sich von einer Seite auf die andere, man versucht, seine Gedanken von dem, das Sorgen schafft, abzulenken und in eine andere Uichtung zu bringen, alles ist umsonst, der Schlaf bleibt fern, bis der Morgen kommt und zur Arbeit ruft, an die man mit mattem Geiste und schweren Gliedern geht. Gerade die Kriegszeit schafft schlaflose Nächte in großer Zahl, draußen im Felde und da­heim im Vaterlands.

In einem Gedichte, das uns im Augenblick nach seinem genauen Wortlaute nicht gegenwärtig ist, berichtet der fromme Graf Zinzendorf von einer schlaflosen Nacht, die ihn gequält hatte. Der hochbegabte religiöse Dichter und Erneuerer der Missionstätigkeit der christlichen Kirche in Deutschland erzählt, daß er krank und bekümmert gelegen habe, fortwährend vom husten geplagt. Stunde um Stunde verging ihm in Schmerzen und in trostlosem Grübeln. Da gedachte er der Treue Gottes, er malte sich aus, wie der Herr ihn seither geführt, geleitet, mit Gnade bedacht und beschützt habe, und über diesen Ge­danken schlief er fröhlich ein, um neugestärkt zu erwachen. Es war mit ihm nach dem Psalmwort gegangen: Ich liege und schlafe und erwache! denn der Herr hält mich.

Emil Frommel, der Hofprediger Kaiser Wilhelms I., erzählt von einem jungen Mädchen, das er in einem Kurorte der Alpen getroffen hatte. Die Bedauernswerte war nervös

so erschöpft, daß der Schlaf sie floh und sie die ersten Stunden der Nacht ruhelos auf dem Lager zubrachte. Da gab ihr der erfahrene Seelsorger einen guten Nat. Sie solle, so sagte er, jedesmal, bevor sie sich zur Nuhe lege, ein Kapitel aus dem Neuen Testamente lesen und dann langsam und andächtig das Vaterunser beten. Dieses Mittel half. Das Mädchen, das lange Zeit ohne Gott dahingelebt hatte und in allerhand Zerstreuungen nicht zur Nuhe gekommen war, fand Gesund­heit und Frieden.

Möchten wir alle, wenn schlaflose Nächte kommen, uns ganz zu Gott wenden, die Wege, die er mit uns gegangen ist, bedenken, ihm auch für die Wege danken, die er in großer und ernster Zeit zuletzt mit unserem Volke gegangen ist, dann werden wir den erquickenden Schlaf finden und das Wort aus dem 4. Psalm erfahren: Ich liege und schlase ganz mit Frieden,- denn allein du, Herr, hilfst mir, daß ich sicher wohne. h- B.

wie man Gott im Heide dient.

Daß unsere Krieger draußen im Lande des Feindes Gottes Nähe deutlich empfinden und daß unter dem Ein­drücke des Großen und Furchtbaren, das sie erleben, vieler Herzen ganz zu Gott gezogen werden, ist uns aus manchem Feldpostbriefe bekannt geworden. Wir geben im nachfolgen­den die Schilderungen zweier Mitkämpfer wieder, die über ihre religiösen Eindrücke berichten. Die Briefschreiber sind Brüder und Glieder der evangelischen Gemeinde Gießen. Ihre Mutter, die dem Herausgeber unseres Gemeindeblattes die Briese übergeben hat, bemerkt sehr treffend: ,,Es ist ja ein Segen dieses Krieges, daß so vieles, was mancher sonst fest in sich verschlossen hielt und was gleichsam wie ein Keim in ihm geschlummert hatte, nun mit elementarer Kraft her­vorbricht und uns Trost gibt über den Seelenzustand unserer Kinder."

Der erste Brief ist schon vor längerer Zeit geschrieben und schildert die Gedanken und Empfindungen, die in der Frühe des himmelfahrttages einen Krieger erfüllen, der in den Vogesen einsam auf seinem Posten steht. Dieser Brief lautet: Wir sind ja wohl im Kriege, aber es will uns scheinen, als ob mein Schreiben ziemlich friedlich werden wollte,' denn