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erbarme dich unser!, der Priester aber brachte als Evan­gelium wieder einmal die zehn Aussätzigen. Um 5 Uhr war Tafel, bei der das Wohl von Ulutter und Lohn in Thampag- ner ausgebracht wurde. Prinz Rndreas war sehr zufrieden, nicht mehr der Kleinste zu sein. 3m folgenden Jahr feierten wir die Verlobung des Kronprinzen mit der Schwester Kaiser Wilhelms, im Jahre 1890 am 19. Juli die Geburt des jetzigen Kronprinzen Georg auf Tatoi. Man erlebte das Seltsame, datz König und Königin wie die Kaiserin Friedrich noch auf der Ueise nach Griechenland begriffen waren, daß ersterer die Geburt seines Enkels später als alle Welt erfuhr, weil die königliche Jacht erst am Übend des Tages Korfu erreichte, und die Königin in Se- bastopol die Freudenbotschaft empfing, während die Kai­serin noch aus dem atlantischen Gzean schwamm und erst in Gibraltar von einem Telegramm erreicht werden konnte. Um 18. Uugust fand die Taufe statt. Uchtzig Personen waren ge­laden. Der Ukt wurde im neuen Schloß vollzogen. Der Kaum war für so viele Personen nicht ausreichend, doch konnte ich beim zweiten Teil des Taufaktes hineinschlüpfen und mich hinter den Hofdamen postieren und alles genau ansehen. Der König und die Prinzen holten das Kind aus dem Hause seiner Eltern und schritten durch ein von Soldaten gebildetes Spa­lier. Die Musikkapellen mußten schweigen, damit der kleine Täufling nicht erschräke. Im Neuen Palais bildete sich dann der Taufzug. König und Kaiserin hielten die Zipfel des Tauf­kleides. Während der langen Gebete, die der Metropolit mit Würde und Deutlichkeit verlas, wurde der Täufling hinter einem Bettschirm entkleidet. Dann, nachdem das Wasser geweiht war, wurde er auf einem blauen Sammetkissen von der Frau Gberhofmeisterin herzugetragen. Den wie weiland Moses Nackten nahm der Metropolit von seinem Lager, bestrich ihn an den verschiedenen Körperteilen mit dem heiligen Gel und tauchte ihn dreimal in das Taufbecken. Beim erstenmal tat der kleine Mann einen herzhaften Schrei, so daß man merkte, er lebe, sonst verhielt er sich musterhaft ruhig und die Feier verlief ohne Störung. Der König nahm alsdann seinen Enkel in seine Rrme und trug ihn dreimal um das Tauf­becken mit je drei Verneigungen gegenüber dem dasselbe tuen­den Metropoliten. Der Kleine verschwand hinter dem Schirm, wurde angezogen und wieder in feierlichem Zuge seiner hohen Mutter zurückgebracht. Ls folgte die Gratulation, um 2 Uhr große Tafel im Freien, Tercle bis 5 Uhr. Man stand sich schier zu Schanden.

In den nächsten Wochen sahen wir öfter die Kaiserin Friedrich, die uns auch in unserem Waldhaus vor ihrer Rb- reise besuchte.

Rls wir Ende des Sommers 1890 Tatoi verließen, ahn­ten wir noch nicht, daß das unser letzter Sommer in den griechischen Bergen sein sollte. Im Juli 1891 fuhren wir mit unseren Kindern noch einmal hinauf, um unter tiefster Bewegung Rbschied zu nehmen von dem stillen Waldhaus, in dem wir unvergeßliche Zeiten verlebt hatten. Das Wald- Haus steht nicht mehr, aber wie mir vor einigen Jahren der Rdjutant des Kronprinzen auf dem hofball in Darmstadt er­zählte so heißt die Gegend noch immer stukirin Bstorsen, auf gut Darmstädtisch: Ins petersens.

Ein viel schwerer Rbschied war der von Uthen, meiner geliebten Schloßkirche, meiner Gemeinde, meinem König, von Griechenland, meiner zweiten Heimat. Das ging uns durch das Herz, und die Erinnerung allein erregt uns noch immer aufs Tiefste. Der letzte Gang auf die Rkropolis, das letzte Erleben des Blicks auf Land und Meer im glühenden

feierlichen Rbendrot, die letzte Fahrt im Peloponnes, der letzte Rbschied von Patres, Korfu, vom Jonischen Meer gehört mit zu dem Ergreifendsten, was wir erlebt haben. Es brach uns schier das Herz. Es war ein Glück, ein Segen Gottes, daß die Heimat mit ihren neuen Rufgaben einem keine Zeit ließ, der tiefen schmerzlichen Wehmut sich ganz hinzugeben. Die griechischen Jahre sind und bleiben ein wertvolles Stück unseres, meines Lebens. In stillen Stunden Gedankenfahrten zu machen in das geliebte Land, ist bis auf den heutigen Tag und wird bis ans Ende sein eine Guelle ernster tiefer Freude, ein Rnlaß zum Danke gegen den treuen Gott, der uns in jungen Jahren diese rechte Gunst erwies, ein Rnlaß zu dem Wunsche, der aus dem Gefühl unlöslicher innerer Verbin­dung und Verbundenheit stammt: Gott segne Griechenland und sein Königliches Haus!

Die Ursache des französischen Niedergangs.

Rls vor 44 Jahren unsere Krieger aus Frankreich heimkamen, da war viel Rühmens von französischer Kul­tur, von den prächtigen Städten und den stattlichen Dör­fern der Franzosen, von ihrer hochstehenden Landwirtschaft, von der Behäbigkeit ihrer Landleute und der Eleganz ihres Stadtlebens, vom Geschick ihrer Handwerker und dem Ge­schmack des Kunstfleißes, von der Lebensart auch der Ge­ringsten im Volke. Jetzt klingt es anders, wenn unsre Land­wehrleute vom Westen auf Urlaub kommen. So willig sonst der Deutsche fremde Vorzüge anerkennt, die hohe Mei­nung von der französischen Kultur will nicht mehr auf- kommen. Der Glanz der Städte besticht den deutschen Krie­ger nicht mehr, die Dörfer findet er im ganzen schmutzig und häßlich, die Häuser düster und unansehnlich- es fällt ihm auf, wie viele französische Landleute in ungedielten Wohn- räumen Hausen, und daß selbst in den Landhäusern der Wohlhabenden das Badezimmer fehlte die Unsauberkeit in Häusern und auf Straßen stößt den Deutschen ab, er schüttelt den Kopf über die unappetitlichen Ziehbrunnen und übt scharfe Kritik an der Bodenpflege. Woher der Wechsel? Wir sind seit 1871 vorwärts gekommen, Frankreich ist vergleichsweise zurückgeblieben trotz seines Wohlstandes. Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir einen Grund dieser Er­scheinung in der französischen Kinderscheu suchen. Lin großer Teil der französischen Ehen ist kinderlos. Mit der Zukunft der Familie aber schwindet der stärkste Trieb zum Vor­wärtsstreben. Die Kinder sind's, die Vater und Mutter leh­ren, was sie leisten können- für das fröhlich auswach­sende junge Geschlecht müht sich und strebt in die Weite, in die Tiefe, in die höhe ein Volk, das an feine Zukunft glaubt. Wo die Genußsucht das Familienleben ertötet, wo Mann und Weib in dem, was den Reichtum des Hauses, des Volkes ausmacht, nur eine Last statt der Lust sehen, wo in immer weiteren Volkskreisen die edelste Gottesgabe verachtet und zunichte gemacht wird, da stellt sich unver­merkt der stumpfe, rohe Sinn ein, den wir mit Rbscheu an dem einst so ritterlichen Franzosenvolke wahrnehmen. Wie sie im eigenen Lande Hausen, plündern, ohne mili­tärische Nötigung die eigenen Dörfer und Städte in Grund und Loden schießen, wie sie ihre eigenen Toten zur Deckung gegen feindliches Feuer aufeinanderhäufen, wochenlang un- beerdigt liegen lassen, eine Beute der Verwesung und der Raben, damit nur die Seuche über den verhaßten Landes- feind komme, den ihre Waffen nicht verjagen können: solche Greuelzeichen haben aller Welt den Niedergang des