Gemeinüeblatc süröie evangelische Kirchengemeinüe Glefzkw
Nr. 35. Bietzen, 14. Sonntag nach Trinitatis, 5. September 1915. 4. Jahrgang.
Demut.
1. Brief Pauli an die Korinther 15, 10. von Gottes Gnade bin ich, was ich bin Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet denn sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.
Diese Worte kennzeichnen so recht den großen Apostel. Stolz blickt er auf sein bisheriges Leben. Er hat mehr gearbeitet als alle Apostel zusammen. Er hat das Evangelium nach Kleinasien gebracht, ja sogar nach Europa. Keiim Mühe, keine Gefahr hat er gescheut. Im Dienste Gottes hat er sich verzehrt.
Aber das macht ihn nicht hochmütig. Im Gegenteil! Recht besehen ist ja alles, was er geleistet, nicht sein Verdienst, sondern Gefchenk der göttlichen Gnade. Gott ist mit ihm gewesen. Gott hat ihm, dem Schwachen, Mut und Kraft zur Arbeit, Ausdauer in allen Nöten und herrlichen Arbeitserfolg geschenkt.
Wie Paulus, so haben auch die Großen unseres Volkes gedacht. So unser Bismarck, der gewiß stolz sein konnte auf glänzende eigene Leistung und dabei doch mit einer fast rührenden Demut sich der Abhängigkeit von dem Allmächtigen aufs stärkste bewußt war. So auch der erste Kaiser des neuen deutschen Reiches, Wilhelm I. Nach der Schlacht von Sedan, deren Jahrestag wir ja am 2. September wieder begingen, telegraphierte er nach Berlin die bekannten Worte: ,,Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!" Und auf die Denkmünzen, die am Schlüsse des Krieges von 1870/71 geprägt wurden, ließ er schreiben: „Ihm td. h. Gott) sei die Ehre."
So ist es auch im jetzigen großen Kriege. Aus allen Kundgebungen unseres Kaisers, aus allen Aeußerungen unseres Feldmarschalls hindenburg leuchten die Worte hervor: Durch Gottes Gnade.
Diese Stimmung sollte alle Deutschen mehr und mehr durchdringen, vielen allerdings ist sie nach immer fremd, oder aber, da sie von der starken, zu Beginn des Krieges herrschenden Frömmigkeit nur oberflächlich ergriffen waren, wieder fremd geworden. Sie wissen nur zu reden von der Genialität unserer Heerführer, dem pflichtbewußtsein und der Tapferkeit unserer Truppen, der deutschen Organisationsgabe und vollendeten technischen Kultur. Sie allein
schaffen nach ihrer Meinung die herrlichen Erfolge, die wir in so reichem Maße erleben.
Run ist, was sie allein preisen, gewiß groß und herrlich ! Aber fragen wir uns: Wer hat uns die großen Männer geschenkt? Es ist Gottes Gnade, daß wir sie haben, nicht die Russen, Engländer, Franzosen, sondern wir Deutsche. Und weiter: Wer hat die deutsche Geschichte so geleitet, daß Tapferkeit, unbedingtes pflichtbewußtsein, strengste Gewissenhaftigkeit unserer Soldaten Leitsterne sind? Es ist Gottes Gnade, die gerade in unserem Volke in harten und schweren Zeiten diese Innerlichkeit hat erstehen lassen, die jetzt so herrliche Früchte bringt. Und ebenso ist es mit der technischen Kultur. Ls ist nicht zufällig, sondern göttliche Fügung, daß gerade ber deutsche Geist in so glänzender Weise die Herrschaft über die Uaturkräfte erlangte.
So dürfen wir wohl stolz sein auf die Leistungen unseres Volkes in seinem größten und schwersten Kriege, von ihm darf man sagen: es hat mehr gearbeitet, mehr geleistet denn die anderen Völker. Aber so wahr das ist, wir wollen uns durch solche Erkenntnis nicht zum Hochmut verführen lassen, sondern vielmehr, da Deutsch sein auch bescheiden sein heißt, es dankbar bekennen: von Gottes Gnaden sind und leisten wir, was wir sind und leisten. Dann wird auch fernerhin Gottes Segen uns nicht fehlen- denn er widersteht den hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. h. h.
Griechische Sommerfrischen.
von Geh. Dberkonsistorialrat D. W. petersen in Darmstadt.
(Schluß.)
Es war ja natürlich, daß wir von Herzen an allem teil- nahmen, was in der königlichen Familie sich ereignete. Am 11. August 1888 wurde der Königin Glga in Rußland ein Sohn geboren. Um 11 Uhr war Gottesdienst in Tatöi. In der Fürbitte wurde zum erstenmal der Uame des Neugeborenen „Thriftophores" genannt und an die Uamen der übrigen Familienglieder ,angereiht, das ist doch ein schöner Brauch. Ich sah, wie bei Nennung des Namens einem Bruder das Herz weich und das Auge feucht wurde. Der Thor sang herrlich den Lobgesang: heiliger, starker, unsterblicher Gott,


