123
wunderliche Felsbildungen, von den Gebäuden Tatois sahen wir nur den Turm und den freundlichen Schweizergiebcl der sogenannten Schule, dahinter an den breiten hängen wald- gekrönter Berge goldene Getreidefelder. Den Abschluß dieses den Augen wohltuenden Bildes bildete die Breitseite des pen- telikon mit seinen aus die Ebene von Marathon hinabschauenden östlichen Abhängen. In blässeren Farben und zarteren Linien erhob sich jenseits der unsichtbaren Meeresstraße des Luripus das Gchagebirge auf Euboä. Zog man vom Bassin die Straße weiter gegen Westen, die sich in der Wildnis verlor, gewann man einen Durchblick auf die attische Ebene, in der in bunter Folge grüne Streifen mit dem Erntegold der Felder aus dem lichteren Grün beleuchteter Baumstände wechselten. Inmitten dieses schönen Bildes glänzten im Schein der scheidenden Sonne die weißen Häuser von Bephissia, das im Laufe der seit durch den Vau einer Eisenbahn sich zu einem vielbesuchten Sommersitz der wohlhabenden Athener ausgewachsen hat. Als Hintergrund dienten das Giebeldreieck des pentelikon, die Stufenabsätze des hpmettos und in weiterer Ferne die mild gebogenen Bücken der Berge bei Laurion. Bach Westen sah man abends die drei Berghöhen von Athen rötlich strahlen, dahinter in verschleiertem Blau das Meer. Zwischen Waldhaus und Straße zog sich ein Obstgarten mit Birnen- und Feigenbäumen, deren Früchte uns z. T. zur Verfügung standen. Line besondere Zierde war in der Bähe des Hauses ein Myrtengebüsch, das mit seinen unzähligen zarten Blüten einem riesigen Hochzeitsstrauß von drei Meter Umfang glich. An unserem Hoftor stand, das Haus beschattend, eine gewaltige Silberpappel mit schillernden Blättern, davor eine Zisterne, in der die Frösche quakten und unsere Binder frei- und unfreiwillige Bäder erlebten. In herrlicher Freiheit tummelten sich unsere Binder in ihren freien Stunden in Sonnenbrand und Hitze im Freien herum. Am einfachen Holztisch saß ich und arbeitete im Freien, bis, was selten geschah, Begen oder empfindliche Bühle mich ins Haus trieb. Dort habe ich jeden Sommer in wenigen Wochen überreizte Berven ohne Arzneimittel zur Buhe gebracht. Tatoi war und ist ein wahres Ouisisana. Die Tage waren genau eingeteilt. Eigenes Studium der Erwachsenen, Unterricht der Heranwachsenden Binder, den königlichen Bindern zu erteilender Unterricht in deutscher Sprache, deutscher Literatur und deutscher Geschichte, regelmäßige Spaziergänge und größere Touren, Teilnahme an den Familienfesten der königlichen Familie. Abends versammelten sich die beiden Familien vor dem Hoftor, plauderten stundenlang, blickten hinaus in die Berg- und Waldeswelt, die da ausgebreitet lag im tiefsten Abendfrieden, überwölkt von einem allabendlich in ungetrübtem Sternenglanz strahlenden Himmel.
Für mich persönlich wurde dieses stille Dahinleben in geordneter geistiger Arbeit und in ungestörtem Verkehr mit der Familie immer unterbrochen durch amtliche Verpflichtungen, die mich nach Athen und dem Piräus riefen. Ich war bei schweren Brankheits- und Sterbefällen in meiner sommerlich zusammengeschmolzenen Gemeinde oft nicht bloß tage-, sondern wochenlang abwesend und dann genötigt, ein ungemütliches Funggesellenleben in einer heißen, staubigen Stadtwohnung zu führen. So erlebte ich jeden Sommer alle Unannehmlichkeiten des athenischen Sommerlebens, aber auch bei jeder Bückkehr in das Gebirge und zu den entbehrten Meinen die Dankbarkeit eines Mannes, welchen der Stadt entfloh und es empfinden durfte mit jauchzender Seele: Wie ist Natur so hold und gut, die mich am Busen hält! Der Verkehr mit Athen war nicht ohne Schwierigkeiten. Tele
phonisch und telegraphisch war man bei Tag und Nacht zu erreichen und zu verständigen. Wie ich aber nach Athen hinunter käme, war meistens meiner Sorge überlassen. Nicht immer standen königliche Wagen oder Gutswagen zur gewünschten Zeit zur Verfügung. In den ersten Sommern unseres Aufenthalts in Tatoi war man in solchen Fällen ganz auf seine Füße angewiesen. Es galt dann, im heißen Sonnenbrand auf baumloser Straße 24 Bilometer zu Fuß zurückzulegen, oder abends diese Strecke unter beständiger Furcht vor den wilden Hunden der abseits von der Straße weidenden Schaf- und Ziegenherden zurückzulegen, geleitet von dem fernen Lichtglanz der Städte Athen und Piräus und beleuchtet von dem bleichen Licht der Sterne, das die weiße Landstraße erkennbar machte. Als dann später die Eisenbahn von Athen nach Bephissia eröffnet wurde, hatte ich immer noch 12 Bilometer hin und zurück nach letztgenanntem Grt zu durchwandern, in der Sonnenglut eines Weges, auf den nur Telegraphenpfähle ihren Schatten warfen, im Munde Fichtennadeln oder Halme, um bei 27» B. die Zunge feucht zu erhalten. Wie manches Mal bin ich 3 3 A Uhr früh aufgestanden und habe eben nach 4 Uhr das Waldhaus verlassen, um um 6 Uhr im Licht des Morgensterns und des Grion auf unsicherem Waldpfad den Anschluß an den ersten Zug in Bephissia zu finden, hernach stürzte ich mich in den Lärm und die Hitze der Stadt, deren lautes Menschengewühl mich an die Einsamkeit gewöhnten Gebirgler ganz befremdend anmutete. Ich hatte dann wohl in den zwei Städten soviel zu tun, daß ich den ganzen Tag, den ich auskaufen mußte, nicht zum Essen kam, mit Zwieback und Baffee mein Leben fristete und abends nach einem Marsch von 12 Bilo- metern wieder in mein Waldheim zurückkehrte. Was die Natur in ihrer völligen tiefen Einsamkeit in Wald und Ebene einem bot, war freilich ein reicher Ersatz. Wenn ich morgens um 5 Uhr aus dem Walde heraustrat, durfte ich unfehlbar jedesmal den unbeschreiblich großartigen Sonnenaufgang erleben, das hinwegschnellen des Morgenlichts über die Berge, das erste Erglühen der Bergspitze, das träumerische Erwachen der Farben aus dem fernen Meer. Einmal sah ich gar etwa 15 Adler über mir in der Ebene ihre Breise ziehen. Abends erlebte ich dann ebenso unfehlbar die Wunder des Abendrots auf Gebirgen, Meer und Ebene und suchte im Dunkel meinen Heimweg. Wie oft habe ich, im milden Lichte des silbernen Gefährten der Nacht wandelnd, den Goetheschen Vers empfunden:
„Füllest wieder Busch und Tal Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz."
Gesegnet seien die einsamen Gänge, in denen Gott zu uns redet und das Herz jeden Nachklang froher und trüber Zeit fühlt! (Fortsetzung folgt.)
warum der Grenzer-Rarl die Rosen lieb hat.
Erzählung von Barl Hesselbacher.
(Fortsetzung.)
„halt, Bllrschlein!" schrie der Hannes. „Die Fränz läßt du aus dem Spiel. Um die Fränz handelt sich's heute nicht. Sondern darum handelt es sich, daß heut unser Herrgott mit uns Fraktur, geredet hat, und wer ein Mann sein will, der läßt an so einem Tag die Bübereien bleiben."
Der Grenzer-Barl wurde kreideweiß vor Wut. „Herrgott? — Was ist das? Ich weiß nichts von einem Herrgott.


